Morning Briefing: Die Tech-Revolution am Golf kann nicht gelingen – oder doch?
Die Tech-Wette der Scheichs / Fusionsreaktor: Aktionsplan für den Hoffnungsträger
Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser!
Die Ölmonarchien vom Persischen Golf wollen mit gewaltigen Investitionen zu Tech-Großmächten aufsteigen. Eine Handelsblatt-Auswertung der Datenbank Pitchbook zeigt: Gut ein Drittel der weltweiten Wagniskapital-Investitionen in den Branchen Künstliche Intelligenz, Robotik, Raumfahrt, Quantencomputing und Biotechnologie stammt im laufenden Jahr aus Saudi-Arabien, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE).
In den genannten Zukunftsfeldern wollen die drei Staaten in den kommenden Jahren Europa überholen und auf Augenhöhe mit China und den USA gelangen. Während ich das schreibe, fallen mir allerdings sofort drei Gründe ein, warum es nicht klappen kann mit der Tech-Wette der Scheichs:
- Eine Hightech-Wirtschaft erfordert Innovationen, und die gedeihen nur in offenen Gesellschaften, in denen sich die Klügsten und Tüchtigsten durchsetzen – und nicht diejenigen, die aus der jeweiligen Herrscherfamilie stammen.
- Der dominante Öl- und Gassektor mit seinen gewaltigen Gewinnen treibt am Golf die Kosten in allen anderen Wirtschaftsbereichen nach oben, ebenso wie den Außenwert der eigenen Währung. Das erschwert wettbewerbsfähige Exporte jenseits des Energiesektors.
- Und schließlich fehlt es den Golfmonarchien an Fachkräften und an einem ausreichend großen Binnenmarkt.
Andererseits wurde in den vergangenen Jahren so manche vermeintliche ökonomische Wahrheit widerlegt. China hat es schließlich auch unter der Fuchtel der KP geschafft, einen hochinnovativen Hightech-Sektor aufzubauen.
In den VAE stieß unsere Reporterin Kathrin Witsch auf eine vibrierende Start-up-Szene, eine der größten Genomdatenbanken der Welt und eine Raumfahrtagentur, die gerade die Landung auf einem Asteroiden plant. In Saudi-Arabien beeindruckt vor allem die Entschlossenheit, mit der das Land Infrastruktur im KI- und Cloud-Computing aufbaut.
Gut möglich also, dass die „Tech-Wette am Golf“, so der Titel unserer heutigen Titelstory, am Ende doch aufgeht – und alle meine Vorurteile widerlegt.
Aktionsplan für deutschen Fusionsreaktor
Eine riskante Tech-Wette wagt auch die Bundesregierung. Sie verabschiedete auf ihrer Kabinettsklausur einen Aktionsplan mit dem Ziel, das weltweit erste Kernfusionskraftwerk zu errichten. Noch in dieser Legislaturperiode sind Investitionen von etwa 2,5 Milliarden Euro eingeplant. Davon sollen 1,7 Milliarden Euro für die Fusionsforschung eingesetzt werden, verteilt über wettbewerbliche Verfahren und Roadmaps mit Meilensteinen. Zudem sollen bis zu 755 Millionen Euro aus dem Sondervermögen „Infrastruktur und Klimaneutralität“ für Labore und Testanlagen verwendet werden.
Ein Fusionsreaktor verspricht dauerhaft verfügbare, saubere Energie. Der Haken: Seit Jahrzehnten wird an der entsprechenden Technik geforscht, der große Durchbruch ist bislang ausgeblieben.
Ein Teil der Pläne ist zudem nicht neu. Die ehemalige Forschungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) stellte bereits im März dieses Jahres das Programm „Fusion 2040“ vor, das nun auch Teil des schwarz-roten Aktionsplans ist.
Studie zeigt wachsenden Sozialstaats-Anteil
Deutschland würde es leichter fallen, häufiger mal große Summen in Zukunftsprojekte zu investieren, ginge nicht ein immer größerer Anteil des Bundeshaushalts für Sozialausgaben drauf.
Klingt nach schwarz-gelbem Stammtisch? Mag sein, stimmt aber trotzdem, wie eine neue Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt. Die Ökonomen haben untersucht, wie sich die Ausgaben des Bundeshaushalts seit der Wiedervereinigung verändert haben.
Gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) gibt der Bund sogar weniger Geld aus als noch vor drei Jahrzehnten. Im Jahr 1992 betrug der Anteil der Bundesausgaben 12,8 Prozent, im vergangenen Jahr waren es 10,8 Prozent. Allerdings haben sich die Ausgabenblöcke innerhalb des Haushalts verschoben.
Laut IW hat der Bund 1992 lediglich 35 Prozent des Gesamtbudgets für soziale Leistungen aufgewendet, 2024 bereits 48 Prozent. Die IW-Ökonomen schreiben:
Der Anteil dieser Zuschüsse am Bundeshaushalt ist besonders deutlich gestiegen, nämlich von 18 Prozent 1992 auf nunmehr 30 Prozent.
„German Vote“ geht weiter
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte angekündigt, Deutschlands Position in Brüssel endlich wieder hörbar zu machen. Doch jetzt zeigt sich: Die Bundesregierung kann bei mehreren Punkten die Belange Deutschlands nicht klar vertreten, weil sie bei elf EU-Vorhaben uneinig ist. Das zeigt eine vertrauliche Liste aus dem Bundeskanzleramt, die Handelsblatt-Reporter Julian Olk vorliegt.
Unter den strittigen Vorhaben befinden sich bekannte Punkte wie das von der EU-Kommission vorgeschlagene verschärfte Klimaziel für 2040 (SPD dafür, Union skeptisch), aber auch eine Reihe von bislang unbekannten Konflikten wie etwa um Gentechnik oder Verteidigungsprojekte. Dabei hatten CDU/CSU und SPD in ihrem Koalitionsvertrag angekündigt, die Bundesregierung werde ein „geschlossenes Auftreten gegenüber den europäischen Partnern und Institutionen sicherstellen“.
Immer mehr aktive ETF
Immer mehr Fondshäuser drängen mit aktiven börsengehandelten Fonds (ETFs) auf den Markt. Anders als passive ETFs bilden diese nicht einfach einen Index wie den MSCI World nach, sondern weichen – oft nach festen Regeln – davon ab. Die aktiv gemanagten Fonds positionieren sich dabei zwischen klassischen ETFs und Investmentfonds.
Laut einer Studie der Ratingagentur Scope und des Beraterhauses Fondsconsult ist das in Deutschland in aktiven ETFs verwaltete Anlegergeld bis Ende August im Vergleich zum Vorjahresmonat um etwa 50 Prozent auf 63,4 Milliarden Euro gestiegen.
Studien belegen allerdings immer wieder, dass es langfristig nur einer kleinen Minderheit der Fondsmanager gelingt, den Markt zu schlagen. Auch wenn die niedrigeren Kosten einen Vorteil darstellten, seien aktive ETFs kein Selbstläufer, warnt Florian Koch, Fondsanalyst bei Scope:
Leben auf Saturnmond?
Es gibt neue Hinweise darauf, dass auf dem Saturnmond Enceladus Leben möglich ist. Bei einer erneuten Analyse von Eispartikeln aus Geysiren, die die Raumsonde „Cassini“ 2008 bei ihrem Vorbeiflug an Enceladus entdeckt hatte, fanden die Wissenschaftler organische Moleküle, die bislang nur aus viel älteren Partikeln bekannt waren.
Enceladus hat einen Durchmesser von 500 Kilometern und ist mit Eis bedeckt, unter dem Forscher einen Ozean vermuten. In der Nähe des Südpols schießen Geysir-Fontänen gefrorene Partikel tausende Kilometer weit ins All.
Studien-Mitautor Fabian Klenner schränkt jedoch ein: Das Untersuchungsergebnis bedeute nicht, dass es tatsächlich Leben auf Enceladus gebe. Bewohnbar sein und tatsächlich bewohnt zu sein, das seien zwei ganz unterschiedliche Dinge.
So gesehen bildet der Saturnmond das Gegenstück zu Norddeutschland im Winter. Eine Region, die zwar bewohnt ist, aber eigentlich nicht bewohnbar.
Ich wünsche Ihnen ein halbwegs sonniges Einheits-Wochenende.
Herzliche Grüße,
Ihr
Christian Rickens
Textchef Handelsblatt