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ShiftShow oder berechtigter Hype? Was Roboter können – und was nicht

Intelligente Roboter saugen unsere Wohnungen und arbeiten in der Industrie. Global läuft ein Wettstreit um die nächste Roboter-Generation. Welche Rolle deutsche Entwicklungen dabei spielen.Justus Heinisch 28.08.2025 - 15:26 Uhr Artikel anhören
Roboter beim Boxen Foto: Getty Images

Sie sprinten, sie boxen, sie spielen Fußball. Wer wissen möchte, was intelligente menschenähnliche Roboter alles draufhaben, sollte sich Videos der „World Humanoid Robot Games“ anschauen. Zugegeben, ihre Bewegungen muten noch etwas grobmotorisch oder ungelenk an. Aber mich faszinieren diese, nun ja, Wettkämpfe, die vor wenigen Tagen in Peking ausgetragen wurden, dennoch.

In China haben Menschroboter längst Teil am Alltagsleben. Sie liefern zum Beispiel Essen aus dem Restaurant direkt aufs Hotelzimmer, wie unsere Peking-Korrespondentin Sabine Gusbeth neulich berichtete. Die Volksrepublik investiert Milliardensummen in die Zukunftstechnologie, und auch in den USA und Europa wird dem Robotermarkt gigantisches Potenzial zugeschrieben.

Experten des Marktforschungsinstituts Spherical Insights schätzen: Der weltweite Robotiktechnologiemarkt wird von 100,7 Milliarden Dollar im Jahr 2023 auf 435,7 Milliarden Dollar im Jahr 2033 wachsen. Und die Unternehmensberatung McKinsey rechnet damit, dass bis 2040 ein globaler Markt von bis zu 900 Milliarden Dollar für KI-gestützte Roboter entstehen könnte.

Roboter aus Deutschland

Dabei werden schon heute intelligente, mitdenkende Maschinen flächendeckend eingesetzt, vor allem in der Industrie. Erleben wir also nach dem Boom der Künstlichen Intelligenz (KI) gerade den Durchbruch des nächsten Megatrends?

Neben den Tech-Supermächten China und USA gibt es auch in Europa und gerade in Deutschland ambitionierte Unternehmen: Agile Robots baut intelligente Roboter, sogenannte Cobots, und stellt Softwarelösungen und -plattformen bereit. Robco verkauft Roboter, die bis zu 40 Kilogramm heben können und häufig im Mittelstand eingesetzt werden. Und Neura Robotics plant einen humanoiden Roboter.

Humanoider Roboter von Neura Robotics: wie ein Mensch – oder sogar überlegen? Foto: IFR - International Federation of Robotics

Diese Maschinen sollen keine Marathons laufen oder Bundesliga-Fußballspieler ablösen. Sie können andere menschliche Aufgaben übernehmen, denken Sie an die Saugroboter. Neura Robotics hat im Vorjahr ein Video seines humanoiden Roboters veröffentlicht, in dem der zwei Meter große Roboter eine Waschmaschine leerte und einen Cocktail einschenkte.

Wenn sich die Technologie weiter so rasant entwickelt, dann wird sie für viele Branchen attraktiver: Gesundheit, Pflege, Logistik, Bildung – mir fallen einige Sektoren ein, in denen Roboter helfen könnten. Der Bedarf an intelligenten und automatisierten Lösungen ist hoch, denn der demografische Wandel wird den Fachkräftemangel in Deutschland weiter verschärfen.

Doch wo steht die Robotikbranche genau? Was ist Show, was ist Hype? Und wie schneidet Deutschland im internationalen Vergleich ab? Meine Fragen habe ich Axel Höppner gestellt. Er schreibt für uns seit etwa zehn Jahren intensiv über die Robotikszene. Viel Spaß beim Lesen!

In Conversation

Hallo Axel, du hast in einem Artikel geschrieben: In Deutschland hat sich eine lebendige Robotikszene entwickelt. Was hat sich in den vergangenen Monaten getan?
Zwischenzeitlich hatte es in der Branche auch Rückschläge gegeben, die Pleite von Cobot-Hersteller Franka Emika zum Beispiel, der vielen als Vorzeigeunternehmen galt. Doch in den vergangenen Monaten ist das Interesse auch von Investoren wieder deutlich gestiegen. Neura Robotics zum Beispiel hat in seiner jüngsten Finanzierungsrunde 120 Millionen Euro eingesammelt. Zudem hat Agile Robots eine neue Konzernzentrale in München eröffnet – und angekündigt, eine Milliarde Euro Umsatz erzielen zu wollen.

Wie helfen Roboter schon heute der Industrie?
Es dominieren immer noch die schweren Industrieroboter, die zum Beispiel in der Autoindustrie beim Schweißen eingesetzt werden. Die kleinen kollaborativen Roboter, die direkt neben dem Menschen arbeiten können, und autonome, mobile Transportroboter haben sich bislang langsamer durchgesetzt, als die Branche erhofft hatte. Doch das ändert sich gerade. Der Hauptgrund dafür ist, dass KI die Programmierung erleichtert und die Fähigkeiten der Roboter verbessert, etwa Objekte zu erkennen oder unbekannte Gegenstände zu greifen. Dadurch entstehen ganz neue Einsatzmöglichkeiten.

Die Ideen der jungen Firmen wie Agile Robots und Neura Robotics klingen spannend. Was ich mich frage: Ist das Potenzial tatsächlich so gewaltig? Oder lebt die Szene von einem gewissen Hype?
Das Potenzial für die Automatisierungsbranche ist durchaus riesig. Das liegt zum einen daran, dass Fachkräfte fehlen. Zudem führen die geopolitischen Spannungen dazu, dass wieder stärker an den Heimat- und Absatzmärkten produziert werden soll. Das ist zu konkurrenzfähigen Kosten aber nur mit viel Automatisierung möglich. Einen Hype sehe ich derzeit vor allem rund um die humanoiden Roboter. Die ziehen viel Aufmerksamkeit – und Risikokapital – auf sich. Gerade in der Industrie sind sie aber oft nicht die beste Lösung.

Wann ist es denn so weit, dass Roboter nicht nur den Betrieb in der Industrie erleichtern, sondern auch unser tägliches Leben?
Der Hype um Service-Roboter hat auch etwas nachgelassen. Das Segment wächst zwar deutlich, aber von niedrigem Niveau aus. Etabliert haben sich vor allem einfache Mäh- und Saugroboter. Öfter sieht man solche Roboter in der Gastronomie und teilweise im Pflegebereich. Doch bis jeder seinen eigenen humanoiden Roboter daheim hat, wird es noch einige Jahre dauern. Noch immer tut sich die Robotikbranche schwer, die Fähigkeiten der menschlichen Hand zu imitieren.

Hand von Agile Robots: Die Greifer müssen noch dazulernen, um der menschlichen Hand nahezukommen. Foto: Agile Robots

In welchen Bereichen siehst du die größten Chancen für die Robotik?
Zunächst sicher weiterhin in der Industrie, vermehrt auch bei kleinen und mittleren Betrieben. Doch auch bei großen Konzernen gibt es noch viel Potenzial. Ich habe mir gerade das Elektronikwerk von Siemens in Erlangen angesehen. Da gibt es neuerdings eine vollautomatisierte Kommissionierungslinie. Die Roboter packen die bestellte Ware zusammen und entscheiden selbst, welche Paketgröße sie nehmen. Ein mobiler Transportroboter holt die Pakete dann ab. Solche Einsätze sind erst möglich, seit sich die Objekterkennung verbessert hat und die Programmierung erleichtert wurde.

Der US-Konzern Tesla plant einen humanoiden Roboter namens „Optimus“. China hat riesige Ambitionen. Was macht Deutschland und Europa im Konkurrenzkampf stark? 
Die Konkurrenz ist riesig. China hat die Robotik zur Schlüsselindustrie erklärt und ist der wichtigste Absatzmarkt der Welt. Jeder zweite neue Industrieroboter wird hier aufgestellt. Die USA wiederum sind stark in der Kombination mit KI. Doch in Europa gibt es noch immer eine lebendige Forschungs- und Start-up-Szene. Es wird vor allem schwer, wenn das Geschäft mit viel Risikokapital skaliert, also groß gemacht werden soll. Aber es ist ein Vorteil, dass deutsche Maschinenbauer sehr viele Daten im laufenden Betrieb gewinnen. Dieses Domänenwissen hilft bei der Entwicklung von KI für die Fertigung.

Vielen Dank für das Gespräch, Axel!

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In welchen Bereichen erleichtern Roboter vielleicht schon heute Ihren Alltag? Und was erhoffen Sie sich von der Technologie? Schreiben Sie uns an newsletter@handelsblatt.com. Ich freue mich auf Ihre Antworten.

Bleiben Sie optimistisch!

Dieser Text ist zuerst am 25. August 2025 im Newsletter Handelsblatt Shift erschienen. Den Newsletter können Sie hier abonnieren.

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