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Christiane BennerErste Frau an die Spitze der IG Metall gewählt

Mehr als 130 Jahre hat es gedauert, bis eine Frau an die Spitze der IG Metall gelangt ist. Die neue Chefin Christiane Benner versteht sich als Teil eines Teams.Frank Specht 23.10.2023 - 16:51 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Auf dem Gewerkschaftstag in Frankfurt wählten die Delegierten am Montag die bisherige Vizevorsitzende Christiane Benner für vier Jahre zur Ersten Vorsitzenden.

Foto: dpa

Frankfurt am Main. Die Kongressregie hat eigens eine Band engagiert, die den Delegierten in den Pausen einheizen soll. Doch die Wahl des neuen Vorstands der IG Metall ist ein formaler Akt, die Musik schweigt also. Dabei würde ein Song ganz gut passen zur neuen Vorsitzenden Christiane Benner: Gloria Gaynors „I will survive“.

Zielstrebig ist die 55-Jährige ihren Weg gegangen, bis sie die erste Frau an der Spitze der größten freien Gewerkschaft der Welt wurde – auch wenn anfangs nicht viele darauf gewettet haben dürften. Die langjährige Zweite Vorsitzende widersetzte sich dem Versuch, sie auf den Spitzenposten beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) wegzuloben.

Auch die Bestrebung, sie gemeinsam mit dem mächtigen baden-württembergischen Bezirksleiter Roman Zitzelsberger in eine gleichberechtigte Doppelspitze zu führen, scheiterte. Denn bisher galt das ungeschriebene Gesetz, dass der Zweite Vorsitzende der IG Metall irgendwann an die Spitze rückt. Und es hätte doch sehr seltsam ausgesehen, mit dem Grundsatz ausgerechnet in dem Moment zu brechen, in dem erstmals eine Frau die Chance hat, ganz nach oben zu kommen.

Die Soziologin Benner hat sich nicht beirren lassen und einen gewaltigen Vertrauensbeweis erhalten. Mit 96,4 Prozent wählten sie die gut 400 Delegierten beim Gewerkschaftag in Frankfurt am Montag zur neuen Vorsitzenden. Ihr Vorgänger Jörg Hofmann, der aus Altersgründen nicht erneut antrat, hatte bei seiner ersten Wahl 2015 rund 91 Prozent der Stimmen und bei der Wiederwahl vier Jahre später nur noch etwa 71 Prozent erhalten.

In seiner kurzen Einführung vor der Vorstandswahl ging der 67-Jährige nur kurz auf den schwierigen Findungsprozess ein. Benner werde nicht deshalb als neue Vorsitzende vorgeschlagen, weil die Tradition das so wolle, sagte Hofmann. Sondern, „weil sie kompetent ist, weil sie die Strahlkraft nach innen und außen hat, die IG Metall gut zu repräsentieren“.

Mit Benner wird ein neuer Stil in der Gewerkschaft mit ihrer gut 130-jährigen Geschichte einziehen. Liefen bisher alle Fäden beim eher knorrigen und in der Öffentlichkeit zuweilen spröden Vorsitzenden Hofmann zusammen, will die frühere Handballspielerin die IG Metall gemeinsam mit ihren Vorstandskollegen stärker im Team führen.

Zu diesem gehören ihr neu gewählter Stellvertreter, der bisherige Hauptkassierer Jürgen Kerner, und Sozialexperte Hans Jürgen Urban, der auf seinem Vorstandsposten bestätigt wurde.

Neu in den von sieben auf fünf Köpfe verkleinerten geschäftsführenden Bundesvorstand zogen die bisherige Chefin der Stuttgarter IG Metall, Nadine Boguslawski, und der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Homburg-Rheinpfalz, Ralf Reinstädtler, ein. Boguslawski wird sich um die Finanzen, die Tarifpolitik und das Handwerk kümmern, Reinstädtler vor allem um Bildungsarbeit.

Mit der neuen Vorsitzenden zieht ein neuer Stil bei der Traditionsgewerkschaft ein

Vom Ton her wird sich die gebürtige Aachenerin von ihrem schwäbelnden Vorgänger unterscheiden. Wenn sie redet, rutscht ihr auch schon mal ein „geil“ heraus. „Wir werden das rocken“, gibt sie als Motto für ihre Amtszeit aus.

Neu ist auch, dass die Chefin kaum Erfahrung in der Tarifpolitik mitbringt, die immer noch das Kerngeschäft der Gewerkschaft mit ihren gut 2,1 Millionen Mitgliedern ausmacht. Während Hofmann ein alter Tariffuchs war und Tarifgeschichte schrieb, liegen Benners Stärken auf anderen Feldern.

Sie setzte sich stark für den Ausbau der Mitbestimmung ein, was zum Ziel der IG Metall passt, die Gewerkschaftsarbeit stärker in den Betrieben zu verankern. Sie kümmerte sich um Gleichstellungspolitik, die Zielgruppenarbeit für Frauen, Angestellte, Studenten und Ingenieure und startete eine Organisationskampagne für sogenannte Clickworker.

>> Lesen Sie hier den Gastkommentar von Christiane Benner: „Arbeit 4.0 braucht Mitbestimmung 4.0“

Klare Kante zeigt die neue Vorsitzende gegen rechts. In Deutschland seien Kräfte im Aufwind, die die Demokratie aushöhlen oder ganz abschaffen wollten, sagte sie am Sonntag bei der Eröffnung des Gewerkschaftstags. Das dürfe und werde man nicht zulassen: „Wir wollen die Demokratie stärken, im Betrieb und in unserer Gesellschaft.“

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Die Gewerkschaft übernimmt die neue Chefin in schwerer Zeit. Die Autoindustrie, die Stahlindustrie, der Maschinenbau – Branchen, in denen die IG Metall traditionell stark verankert ist, befinden sich mitten im Umbau hin zur Klimaneutralität.

Allein durch den Abschied vom Verbrennungsmotor stehen Hunderttausende Arbeitsplätze auf dem Spiel. In den Betrieben gibt es viele Kolleginnen und Kollegen, denen das durchaus Angst macht. Sie werden anfällig für die einfachen Botschaften der Populisten, die ihnen weismachen wollen, dass gar kein Wandel erforderlich sei und man doch einfach weitermachen könne mit dem Verbrennungsmotor.

Die IG Metall nimmt dagegen für sich in Anspruch, die Transformation aktiv gestalten zu können. Sie setzt sich für „fairen Wandel“ ein, dafür, die Beschäftigten durch Qualifizierung und Weiterbildung auf neue Aufgaben vorzubereiten.

Als stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende beim kriselnden Autozulieferer Continental machte Benner selbst vor, wie fairer Wandel aussehen kann. Sie setzte sich für Sozialtarifverträge ein oder schob Qualifizierungsmaßnahmen an.

„Wir kämpfen um jeden und jede Beschäftigte“, ist ihr Credo. Als neue IG-Metall-Vorsitzende dürfte Benner nun demnächst Hofmann auch im Aufsichtsrat bei Volkswagen ablösen.

Die Vorsitzende ist überzeugt, dass der Wandel gelingen kann, und trommelt aktiv auch für den von Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) vorgeschlagenen Brückenstrompreis, der der Industrie helfen soll, bis ausreichend grüne Energie zu wettbewerbsfähigen Preisen bereitsteht. Es dürfe nicht zu einer Deindustrialisierung kommen, sagt die neue Chefin, die sich selbst als Schalke-Fan und „glücklich verheiratet“ charakterisiert. „Unsere Industrie in Deutschland muss weiterentwickelt werden und nicht abgewickelt.“

Die Gewerkschaft will stärker bei der strategischen Ausrichtung von Unternehmen mitreden

Was man auf Arbeitgeberseite nicht gern hören dürfte, ist, dass Benner die Beschäftigten durchaus nicht nur auf dem Beifahrer-, sondern auch auf dem Fahrersitz sieht. Sie will sich dafür einsetzen, dass Mitbestimmung stärker als bisher auch bei der strategischen Ausrichtung der Unternehmen greift. Eigentum verpflichte, ist ihre Botschaft an die Arbeitgeber.

Für die Bundesregierung wird Benner nun die neue Ansprechpartnerin auf der Gewerkschaftsseite sein. Vorgänger Hofmann war gefragter Berater, saß in vielen Foren zur Zukunft der Industrie oder zur Elektromobilität. Auf sein Wort, lobte Wirtschaftsminister Habeck den scheidenden Vorsitzenden bei der Kongresseröffnung am Sonntag, habe man sich immer verlassen können.

Benner ihrerseits hat aber auch eine klare Erwartung an die Politik: Nötig sei „eine Regierung, die geschlossen und entschlossen nach vorn geht“. Diese Ge- und Entschlossenheit vermisst die IG Metall aktuell, etwa in der Frage des Industriestrompreises.

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Vier Jahre hat Benner nun Zeit, die IG Metall durch die Zeit des Wandels zu steuern. Bei jungen Beschäftigten konnte die Organisation zuletzt zulegen, was wichtig ist, wenn der lange Abwärtstrend bei den Mitgliederzahlen gestoppt werden soll.

Die IG Metall habe alle Lügen gestraft, die sagten, Gewerkschaft sei nicht mehr zeitgemäß, rief Benner den Delegierten in der Frankfurter Messehalle zu. Die dankten ihrer ersten Chefin auf ganz besondere Art. Kaum war das Wahlergebnis verkündet, wurden die ersten Pappschilder in die Höhe gereckt. „Bei uns“, stand darauf, „ist 365 Tage im Jahr Frauentag.“

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