Energie: EU-Notfallplan tritt in Kraft – So kann mehr Gas gespart werden
Bei Gasherden lässt sich kaum sparen, in anderen Bereichen ist noch viel möglich.
Foto: dpaBrüssel. Die Regierung in Madrid meint es ernst mit dem Energiesparen. Büros, öffentliche Einrichtungen und Geschäfte dürfen nur noch auf 27 Grad heruntergekühlt und im Winter nur auf bis zu 19 Grad geheizt werden.
Wer das nicht direkt zu spüren bekommt, wird durch die verminderte Beleuchtung der Einkaufsstraßen daran erinnert, wie ernst die Lage ist: Ab 22 Uhr sollen Leuchtreklamen und die Lichter in Schaufenstern ausgeschaltet werden.
Die Maßnahmen sind in Spanien nicht unumstritten, manche Regionalpolitiker widersetzen sich den Vorgaben der linken Zentralregierung, auch Unternehmer protestieren. Die Regierung will den Gasverbrauch um sieben bis acht Prozent reduzieren, hat gleichzeitig aber auch ein Stromproblem.
Solchen Streit könnte es bald in noch mehr EU-Staaten geben, wenn sie die Empfehlungen aus dem Gas-Notfallplan umsetzen, auf den sie sich Ende Juli geeinigt haben und der an diesem Dienstag in Kraft trat. Denn in einigen Ländern muss noch mehr geschehen, um die vereinbarten Ziele einzuhalten.
Der Plan sieht vor, dass jedes Land seinen Gaskonsum im Zeitraum vom 1. August 2022 bis zum 31. März 2023 freiwillig um 15 Prozent senkt – im Vergleich zum Durchschnittsverbrauch der vergangenen fünf Jahre im entsprechenden Zeitraum. Falls nicht genug gespart wird und es weitreichende Versorgungsengpässe gibt, kann ein EU-weiter Alarm mit verbindlichen Einsparzielen ausgelöst werden.
Hintergrund des Plans ist die Befürchtung, dass weiterhin nur wenig Gas aus Russland geliefert wird oder der Gasfluss ganz versiegt, weil Russlands Präsident Wladimir Putin die EU für ihre Sanktionen und Waffenlieferungen an die Ukraine bestrafen will.
Deutschland ist auf die Solidarität seiner Nachbarn angewiesen, die deutlich weniger von russischem Gas abhängig sind. Über die ausländischen LNG-Terminals kauft Deutschland derzeit verflüssigtes Gas (Liquefied Natural Gas) ein. Nur, wenn das auch im Ernstfall weiterhin funktioniert, kann Deutschland seine Energieversorgung aufrechterhalten.
Möglichkeiten nicht ausgeschöpft
Die Unternehmen in Deutschland unterstützen die Einsparbemühungen, weil sie einen weiteren Anstieg der Preise und Zwangsabschaltungen vermeiden möchten. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) kommentierte den EU-Plan so: „Unsere ganze Gesellschaft – Unternehmen, staatliche Institutionen und Privathaushalte – müssen Energie einsparen, wo es nur geht.“
Die Möglichkeiten sieht der BDI noch nicht ausgeschöpft. So können Gaskraftwerke so umgerüstet werden, dass sie sich mit Öl statt Gas befeuern lassen. Dazu braucht es aber Sondergenehmigungen, weil mit Öl der Ausstoß an Schadstoffen steigt.
Auch die Fassade des Real Casa de Correos, dem Sitz der Regionalregierung Madrids, wird weniger beleuchtet als zuvor.
Foto: dpaBDI-Präsident Siegfried Russwurm sagte kürzlich der Deutschen Presse-Agentur, das dauere zu lange: „Zum Krisenmanagement gehört es, dass Behörden Brennstoffumstellungen und andere Gaseinsparprojekte schnell genehmigen.“ Im Wirtschaftsministerium heißt es dagegen, der „Fuel Switch“ werde konsequent vorangetrieben.
Wirtschaftsminister Robert Habeck sieht Deutschland insgesamt aber auf einem guten Weg, wobei das EU-Einsparziel von 15 Prozent offensichtlich noch nicht erreicht ist und man im Ministerium eigentlich deutlich darüber hinausgehen und 20 Prozent einsparen möchte. Seit Jahresbeginn habe der Gasverbrauch in Deutschland unter den Werten der Vorjahresmonate gelegen, teilt das Ministerium mit.
Der Bund hat bereits stillgelegte Steinkohlekraftwerke wieder angefahren, um Gas bei der Stromerzeugung einsparen zu können. Braunkohlekraftwerke sollen folgen.
Einen großen Effekt soll auch ein Auktionsmechanismus haben, bei dem sich Unternehmen für Einsparungen bezahlen lassen. Ein solcher Mechanismus gilt als effizienter als Zwangsmaßnahmen, weil die Unternehmen dabei selbst entscheiden, auf wie viel Gas sie verzichten können.
Wo in Deutschland schon gespart wird
Gebäude stark abzukühlen ist in Deutschland bislang nicht verboten, auch das Heizen ist nicht begrenzt. Geplant ist lediglich, dass Flure und Foyers öffentlicher Gebäude nicht mehr geheizt werden sollen.
Geplant ist in Deutschland, dass Flure und Foyers öffentlicher Gebäude nicht mehr geheizt werden sollen.
Foto: imago images/Christian SchroedterAußerdem sollen Gasheizungen daraufhin überprüft werden, ob die Vorlauftemperatur richtig eingestellt ist und per hydraulischem Abgleich soll sichergestellt werden, dass das Heizsystem effizient eingestellt ist.
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Darüber hinaus verweist das Wirtschaftsministerium vor allem auf die Städte und Gemeinden: „Viele Kommunen haben zum Beispiel bereits damit begonnen, die Regeltemperaturen in Schwimmbädern zu verringern, Fassadenbeleuchtungen zu reduzieren, Heizungen zu sanieren, die Straßenbeleuchtung dort, wo es die Sicherheit nicht gefährdet, zu reduzieren. Und sie wollen in der Heizperiode die Raumtemperaturen öffentlicher Gebäude begrenzen“, teilte eine Sprecherin mit.
Ob das ausreicht, ist unklar. Der Chef der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, sagte der „Welt am Sonntag“, ein Gasmangel sei nur zu verhindern, wenn die Verbraucher mindestens 20 Prozent an Gas einsparten, „also viel mehr als bislang“.
Probleme auch mit Wasser- und Atomkraft
Neben Spanien haben auch Italien und Griechenland solche Maßnahmen landesweit durchgesetzt. In Italien darf nur auf 25 Grad gekühlt werden, in Griechenland auf 26 Grad. Der Hintergrund ist in diesen Ländern nicht nur das knappe Gas, sondern es sind auch Probleme mit anderen Energiequellen. Vor allem Wasserkraft wird nur vorsichtig verwendet, weil wegen der Dürre sonst die Pegel in den Stauseen zu tief fallen könnten.
Gleichfalls werden Atomkraftwerke heruntergefahren, weil in den Flüssen Kühlwasser fehlt. Das ist vor allem in Frankreich ein Problem, wo die Regierung eine weitere Maßnahme zum Stromsparen gefunden hat: Sie will vorschreiben, dass Supermärkte ihre Türen so viel wie möglich geschlossen halten, wenn die Klimaanlage läuft und dies auch mit Geldstrafen durchsetzen.
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Viele andere EU-Staaten wie Belgien und Tschechien setzten bislang nur auf Kampagnen, mit denen sie Bürger und Unternehmen aufrufen, Gas einzusparen. Die Niederlande wollen demnächst Vorgaben für die Industrie vorstellen. Wieder andere sehen nicht einmal dafür einen Grund. So haben sich Finnland und Litauen bereits weitgehend unabhängig von russischem Gas gemacht. Polen und Ungarn sehen sich nicht an die Einsparvorgaben gebunden, die Regierung in Budapest schloss sogar aus, das Einsparziel umzusetzen.