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EnergiewendeIndustrie und Klimaschützer halten CO2-Speicherung für unverzichtbar

Deutschland tut sich beim Thema CO2-Speicherung schwer. Industrie und Umweltschützer fordern den raschen Aufbau der erforderlichen Infrastruktur. Eine Studie liefert ihnen neue Argumente.Klaus Stratmann 20.10.2023 - 13:38 Uhr Artikel anhören

Auf der Suche nach nach potenziellen Kohlendioxid-Lagerstätten: Pilotanlage bei Spremberg.

Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Berlin. Bis zum Ende des Jahres will das Bundeswirtschaftsministerium eine „Carbon-Management-Strategie“ (CMS) erarbeiten. Wird darin auch die CO2-Speicherung in Deutschland eine Rolle spielen? Das Ministerium legt sich nicht fest: Man könne der Strategie nicht vorgreifen und inhaltliche Fragen nicht beantworten, teilte das Haus von Minister Robert Habeck (Grüne) mit.

Aus Sicht von Umweltschützern und Industrie darf das Bundeswirtschaftsministerium die CO2-Speicherung in Deutschland in der Strategie nicht ausschließen. „Die Überprüfung von Speicherkapazitäten in Deutschland in Aussicht zu stellen ist richtig und wird unserer Verantwortung gerecht, als größte Industrienation der EU mit den eigenen CO2-Emissionen umzugehen“, heißt es bei Bellona Deutschland. Die Klimaschutzorganisation hat ihre Wurzeln in Norwegen, wo die CO2-Speicherung schon seit über 20 Jahren betrieben wird.

Auch Klimaforscher verweisen darauf, die CO2-Speicherung – im Fachjargon „Carbon Capture and Storage“, kurz CCS – und auch die Nutzung von abgeschiedenem CO2 („Carbon Capture and Utilization“, kurz CCU) müssten rasch in industriellem Maßstab eingesetzt werden, um die Klimaziele zu erreichen.

Um die Erderwärmung unter zwei Grad zu halten, darf die Menschheit nach Berechnung von Experten bereits in den Dreißigerjahren dieses Jahrhunderts kein Gramm Treibhausgas mehr freisetzen. Da das unrealistisch ist, geht auch der Weltklimarat IPCC davon aus, dass zusätzlich zu Einsparungen Technologien wie CCS und CCU unumgänglich sind.

Entscheidend ist, ob die Grünen mitziehen

Das Kohlendioxid-Speicherungsgesetz (KSpG) von 2012 macht die CO2-Speicherung in Deutschland faktisch unmöglich. Die Bundesländer haben zudem die Möglichkeit, die CO2-Speicherung für ihr Territorium zu verbieten. Mehrere Bundesländer haben von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht. Unternehmen dürfen CO2 nicht einmal aus Deutschland heraustransportieren, um es woanders, etwa in Norwegen, Dänemark oder den Niederlanden, zu speichern.

Dass sich Habeck schwertut, der CO2-Speicherung den Weg zu ebnen, dürfte in erster Linie mit Widerständen in der eigenen Partei zu tun haben. Zwar findet bei den Grünen ein Umdenken statt. So präsentierte die Partei Mitte September den Entwurf für ihr Europawahl-Programm, in dem es heißt, in den Bereichen, in denen CO2-Emissionen besonders schwer oder gar nicht zu vermeiden seien, wolle man „das CO2 direkt bei der Produktion abscheiden, speichern und gegebenenfalls nutzen“. Aber erst auf einem Grünen-Parteitag Ende November wird sich zeigen, ob eine Mehrheit der Delegierten diesen Passus im Wahlprogramm akzeptiert.

Martin Schneider, Hauptgeschäftsführer des Vereins Deutscher Zementwerke (VDZ), kritisiert, es fehlten aktuell die rechtlichen Leitplanken für den Einsatz der CO2-Speicherung in Deutschland. Diese Regelungslücke müsse nun schnell geschlossen werden.

In Europa wird aktuell an 17 CCS-Vorhaben gearbeitet

Mit der Carbon-Management-Strategie müsse auch Klarheit über den Transport des abgeschiedenen CO2 von den Werken zu den Speichern und Nutzern geschaffen werden, sagt Mohr. Die Zeit dränge. „Der schnelle Aufbau eines CO2-Netzes ist entscheidend für die Zukunft vieler Branchen und die Erreichung der Klimaziele. Denn Zementwerke und andere Grundstoffindustrien müssen nach dem aktuellen Minderungspfad des EU-Emissionshandels spätestens 2040 klimaneutral produzieren“, sagt der Hauptgeschäftsführer des VDZ.

Für bestimmte Branchen mit nicht oder nur sehr schwer vermeidbaren CO2-Emissionen, etwa die Zement- und Kalkindustrie, die Abfallwirtschaft sowie die Chemie- und Stahlbranche, sind CCS und CCU zentrale Instrumente zur Erreichung der Klimaziele. Das Umweltbundesamt beziffert die nicht vermeidbaren CO2-Emissionen der Industrie allein in Deutschland auf jährlich 43 Millionen Tonnen. Insgesamt wurden 2022 in Deutschland laut Umweltbundesamt 746 Millionen Tonnen Treibhausgase freigesetzt.

Bellona Deutschland und der VDZ sind Teil des vom Bundeswirtschaftsministerium initiierten „Stakeholder-Dialogs“, der den Rahmen der Carbon-Management-Strategie absteckt. Gestützt wird die Argumentation von Bellona Deutschland und Zementindustrie von der bundeseigenen Deutschen Energie-Agentur (Dena). Sie hatte im Auftrag des Ministeriums den Dialog zur Entwicklung der Strategie begleitet und Ende August Empfehlungen vorgelegt. Darin heißt es, die Möglichkeit zur Umsetzung von CCS- und CCU-Projekten in Deutschland „sollte geschaffen werden“. Dazu müsse der nationale Rechtsrahmen entsprechend angepasst werden.

Während Deutschland um einen Kurs ringt, werden nicht nur in Norwegen Fakten geschaffen. In Europa sind derzeit 17 CCS-Vorhaben geplant beziehungsweise in der Umsetzung, darunter sechs in Großbritannien, fünf in Belgien und den Niederlanden sowie je zwei in Dänemark und Norwegen. In Dänemark wurde Anfang des Jahres mit der Speicherung von CO2 in einer ausgebeuteten Erdöl-Lagerstätte in der Nordsee begonnen.

CEF-Studie: Deutschland hat CO2-Speicherplatz für 180 Jahre

Dass auch Deutschland erhebliche Potenziale hat, belegt eine noch unveröffentlichte Studie des Thinktanks Clean Energy Forum (CEF) zum Thema Carbon-Management, die dem Handelsblatt vorliegt. Darin werden die möglichen Speichermengen in Deutschland auf sechs Milliarden Tonnen CO2 an Land und auf drei Milliarden Tonnen in der Nordsee beziffert. „Bei einer prognostizierten künftig unvermeidbaren Speichermenge von jährlich 50 Millionen Tonnen CO2 würden diese Speicher einen CCS-Betrieb über einen Zeitraum von 180 Jahren ermöglichen“, heißt es in der Studie.

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Untersuchungswürdige Gebiete, in denen nach jetzigem Kenntnisstand die Bedingungen für eine Speicherung von CO2 am besten erfüllt sind, befinden sich laut Studie in Norddeutschland. Die Autoren heben die Vorzüge einer inländischen Speicherung hervor: „Sie nutzt kürzere Transportwege, verringert Abhängigkeiten und senkt auch die Kosten.“

Die von einigen Umweltschutzorganisationen wie etwa Greenpeace vorgetragenen Leckage-Risiken sind der Studie zufolge nicht relevant. Angesichts ausreichend mächtiger, gut abdichtender Deckschichten könnten Leckagen „praktisch ausgeschlossen“ werden. „Die Sorge, durch das Aufsteigen des CO2 bis kurz unter die Oberfläche würden Pflanzen und Tiere getötet werden und die Böden versauern, ist vor diesem Hintergrund nicht nachvollziehbar“, heißt es in der Studie. Das Vorhandensein selbst großer Mengen CO2 im Untergrund stelle „weder ein systemisches Risiko noch eine Ewigkeitslast dar“.

Undichtigkeiten der Speicher „praktisch ausgeschlossen“

Insbesondere ausgebeutete Erdgaslagerstätten bieten sich demnach für die CO2-Speicherung an: „Ihre Deckschichten konnten das hydrostatische Aufsteigen von Flüssigkeiten und Gasen erwiesenermaßen über Millionen von Jahren hinweg verhindern“, heißt es in der Studie. Aufgrund der Förderhistorien sei der Kenntnisstand über die geologischen Charakteristika der jeweiligen Lagerstätte hoch. Gegebenenfalls könne ein Teil der noch vorhandenen Infrastruktur der Erdgasförderung für einen CO2-Speicherbetrieb genutzt werden.

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Ausdrücklich widersprechen die Autoren der Greenpeace-Darstellung, CCS sei teuer und ineffizient. Tatsächlich fielen die Kosten bereits heute in den Bereich der erhobenen CO2-Vermeidungskosten in Ländern wie etwa Schweden. In Schweden beträgt der CO2-Preis rund 120 Euro je Tonne.

Autoren der CEF-Studie sind der Geophysiker Hans-Joachim Kümpel, von 2007 bis 2016 Präsident der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), Franz Josef Radermacher, Leiter des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung in Ulm, und Reinhard Hüttl, von 2008 bis 2017 Präsident der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech).

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