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  4. CDU: Friedrich Merz will Angela Merkel an der Parteispitze nachfolgen

Erst CDU, dann KanzleramtDer Angreifer – Wie Friedrich Merz die Macht erobern will

Mit einem Überraschungscoup will Friedrich Merz die Macht in der CDU erobern – und anschließend das Kanzleramt. Die Konservativen und die Unternehmer in der Partei lieben ihn für seine klare Kante. Aber kann der Millionär Merz auch mit Durchschnittsdeutschen?Jan Hildebrand, Thomas Sigmund, Daniel Delhaes und Christian Wermke und Sven Afhüppe 02.11.2018 - 06:23 Uhr Artikel anhören

Strebt Merkels Nachfolge an.

Foto: Smetek / Laif

Am Montag war der Moment gekommen, auf den Friedrich Merz seit Monaten gewartet hatte. Das CDU-Präsidium war in Berlin zusammengetreten, um über das verheerende Ergebnis der Hessenwahl zu sprechen. Ministerpräsident Volker Bouffier referierte 15 Minuten über die Ursachen für den Absturz seiner Partei um rund zehn Prozentpunkte und verhehlte nicht, dass der Bund maßgeblich schuld sei.

Dann ergriff die Parteivorsitzende und Kanzlerin das Wort: „Ich habe euch etwas mitzuteilen“, eröffnete Merkel ihre kurze Rede. Kurz und prägnant begründete sie, warum sie auf dem CDU-Parteitag im Dezember nicht mehr kandidieren werde. Eigentlich habe sie das erst am Wochenende auf der Vorstandsklausur verkünden wollen. Doch sehe sie den besten Zeitpunkt jetzt.

Mit der Mitteilung hatte an diesem Tag niemand gerechnet, wie Teilnehmer später glaubhaft versichern. „Die Ankündigung hat mich kalt erwischt“, berichtet ein Präsidiumsmitglied, das den Moment miterlebt hat. Ein anderer Anwesender war offenbar so geistesgegenwärtig, unverzüglich einen Vertrauten ins Bild zu setzen, der nicht in Berlin anwesend war: Friedrich Merz.

Denn nur wenige Minuten später folgte die zweite große Nachricht des Tages. Die „Bild“-Zeitung meldete in einem lapidaren Dreizeiler: „Gegenüber Vertrauten hat Merz geäußert, er sei bereit, sich der Verantwortung zu stellen, wenn die Partei das möchte.“

Seit dieser Meldung entfaltet sich in Deutschland ein Politdrama von shakespearscher Dimension. Der ehrgeizige Merz, von der aufstrebenden Angela Merkel vor vielen Jahren in die Verbannung geschickt, ist auch über zehn Jahre hinweg nicht von der Droge Macht losgekommen.

Als Geschäftsmann mag er wohlhabend geworden sein, hat mehr Geld angehäuft, als es ihm in der Politik je möglich gewesen wäre. Doch die teuren Weine, die Zigarren, das eigene Flugzeug haben nicht geholfen, seine Träume von der Macht zu zerstreuen. Über all die Jahre hat er nie aufgehört, mit Vertrauten und Getreuen zu konspirieren, die an Merkels Hof verblieben waren.

Merz hat Merkels Schwächephasen analysiert

Jede Schwächephase der Kanzlerin hat er analysiert. Und abgewartet. Und analysiert. Und geplant. Und wieder abgewartet. Denn offen gegen die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende in die Schlacht zu ziehen, das hat er sich nie getraut. Doch in jener Minute, in der Merkel ihren Rückzug vom Parteivorsitz erklärt, sieht der Verbannte seine Stunde gekommen: endlich zurück zur Macht.

Fast schon Routine schien es im Vergleich dazu, dass die Generalsekretärin und Merkel-Vertraute Annegret Kramp-Karrenbauer im Präsidium das Wort ergriff, Merkel für 18 Jahre Arbeit an der Spitze der Partei dankte und dann mit den Worten schloss: „Ich werde kandidieren.“

Sie erhielt Applaus, während Gesundheitsminister Jens Spahn zum Mobiltelefon griff, mehrere Kurznachrichten verschickte und sich offenbar mit seinen Vertrauten beriet. Gut 20 Minuten später meldete er sich zu Wort und gab zu Protokoll, dass auch er bereit sei, sich um das höchste Amt der Partei zu bewerben.

Allein Armin Laschet, Parteivize und Chef des mächtigsten Landesverbands Nordrhein-Westfalen, wies darauf hin, dass es angesichts der noch frischen Ankündigung Merkels nicht die Zeit sei, Bewerbungen um ihre Nachfolge abzugeben. Zwei Tage später wird Laschet erklären, dass er unter den gegebenen Umständen nicht kandidieren wolle. Für den Ministerpräsidenten des bevölkerungsreichsten Bundeslands wäre der Parteivorsitz allein eine Option, wenn er zeitgleich auch das Kanzleramt bekäme.

Von wem Merz so schnell die Information über Merkels Rückzug aus der vertraulichen Präsidiumssitzung bekam, weiß bis heute niemand. Für Merz zahlen sich jedenfalls jetzt die über Jahre sorgfältig gepflegten Netzwerke in der Partei aus. Binnen weniger Stunden beginnen all die Unzufriedenen in der Partei, Merz den Rücken zu stärken. Ein anschwellender Heerhaufen, den vor allem eines eint: Sie wollen ihre alte Partei zurück. Jene CDU, die für Recht und Ordnung steht, statt Flüchtlinge mit freundlichen Selfies anzulocken. Die Partei der Unternehmer, der Kirchgänger und vor allem: der Männer.

Es geht ihnen darum, Merz als Vorsitzenden durchzusetzen – und Merkels Wunschnachfolgerin Kramp-Karrenbauer zu verhindern. Dabei sehen sie die Parteizentrale nur als ersten Schritt. Ist erst das Konrad-Adenauer-Haus erobert, wird sich Merkel unmöglich bis zum regulären Ende der Legislatur an der Macht halten können.

Nicht gegen einen Vorsitzenden Merz und einen Fraktionsvorsitzenden Ralph Brinkhaus, der ebenfalls gegen Merkels Willen ins Amt gekommen ist. So also mag es im ersten Akt dieses Dramas nur um eine Parteizentrale gehen. Doch tatsächlich geht es schon jetzt um das absolute Herz der Macht: das Kanzleramt.

Projektionsfläche Merz

Merz ist der Anführer der Bewegung, ihre Projektionsfläche, ja, ihr Mythos. Der 62-jährige Jurist aus dem Sauerland gehörte schon immer in den Köpfen vieler Parteimitglieder zur Führungsreserve. Wahlkämpfer wie Julia Klöckner oder Armin Laschet wollten auf seine Kompetenz nie verzichten und von seiner Strahlkraft ins konservative und wirtschaftsliberale Milieu profitieren. Bis 2002 galt der Fraktionschef von CDU und CSU im Bundestag als große konservative Zukunftshoffnung der Partei – bis ihn Merkel aus dem Amt drängte.

Die politische Auszeit scheint ihm nicht geschadet zu haben. Laut einer repräsentativen Onlineumfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov für das Handelsblatt wünschen sich 23 Prozent Merz als Nachfolger von Merkel im Amt des CDU-Chefs. Dicht darauf folgt Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer mit 17 Prozent und abgeschlagen Gesundheitsminister Spahn mit sieben Prozent.

Merz' Gegenkandidaten und ihre Chancen
Position: GeneralsekretärinChance: Aussichtsreich. In der Partei bestens verankert. Aber: Sie stimmte für ein Weiter-so mit der Großen Koalition, das könnte belasten.
Position: BundesgesundheitsministerChance: Aussichtsreich. Traut sich den Job des CDU-Vorsitzenden zu und hat Mut. Hat Wolfgang Schäuble und Edmund Stoiber als Fürsprecher.

Die aktuelle Umfrage ist nur eine Momentaufnahme. Doch sie zeigt, dass Merz gute Chancen hat, gegen die aktiven politischen Schwergewichte im Rennen um den CDU-Vorsitz zu bestehen. Er verkörpert nicht nur eine wirtschaftsfreundliche und konservative Politik – er steht auch für ein starkes Europa. „Merz kennt die Seele der Partei. Er ist die richtige Wahl für die notwendige Erneuerung der Partei“, sagt ein CDU-Landesminister.

Merz steht für Prinzipien und klare Kante. Er verkörpert für viele die Hoffnung auf eine liberale Steuerreform, die auf einen Bierdeckel passt, ebenso wie die Sehnsucht nach einem starken Staat, der für Ordnung und Sicherheit sorgt. Merz galt stets als Protagonist des Wirtschaftsflügels. Doch sorgte gerade diese reformfreudige Haltung auch dafür, dass Merkel 2005 den Sprung ins Kanzleramt fast verpasst hätte. Um der Macht willen rückte Merkel daraufhin nach links. Merz blieb sich treu – und verließ die Politik.

In der Zeit außerhalb der Politik hat Merz viel Geld verdient. Als Wirtschaftsanwalt soll er mehrere Millionen Euro pro Jahr verdient haben – wie der Vorstand eines Dax-Konzerns, sagen Menschen, die ihn gut kennen, und: „Friedrich Merz muss nicht mehr arbeiten. Aber die Politik ist seine große Leidenschaft, er will Deutschland positiv verändern“, so ein enger Freund.

Dem vielen Geld ist ein Lebensstil gefolgt, der ein wenig an Ex-Kanzler Gerhard Schröder erinnert. Ein Ferienhaus am Tegernsee, Pilotenscheine und ein eigenes Flugzeug gehören ebenso zum Privatvergnügen wie die Vorliebe für teuren Rotwein und Zigarren.

Im Vergleich zu Angela Merkel, der bescheidenen Kanzlerin aus der Uckermark, ist Merz alles andere als bodenständig. Für linke Politiker ist Merz deshalb so etwas wie der ideale Klassenfeind – reich, belehrend, arrogant. Es könnte für ihn schwer werden, diese Angriffsfläche zu beseitigen. Dass Merz beim weltweit größten Vermögensverwalter Blackrock arbeitet und seit seinem Ausscheiden aus dem Bundestag zum Millionär wurde, all das sieht Christian von Stetten dagegen nicht als Makel.

„Ein Parteivorsitzender, der umfangreiche berufliche Erfahrungen außerhalb der Politik gesammelt hat, ist kein Nachteil und gäbe der CDU ein Alleinstellungsmerkmal“, sagt der Unternehmer und CDU-Bundestagsabgeordnete, Chef des mächtigen Parlamentskreises Mittelstand in der Unionsfraktion.

Als Multiaufsichtsrat hat Merz in den vergangenen fast zehn Jahren viele Erfahrungen als Wirtschaftsexperte gewonnen. Durch die Mandate bei der Deutschen Börse, der Großbank HSBC, dem amerikanischen Vermögensverwalter Blackrock oder dem mittelständischen Papierproduzenten Wepa kennt Merz die Sorgen und Wünsche der Wirtschaft.

Vieles geht Merz zu langsam, vor allem der Aufbau eines flächendeckenden Breitbandnetzes, das für ihn die Voraussetzung für die digitale Transformation der Wirtschaft ist. „Deutschland droht den Anschluss an die Weltspitze zu verlieren“, sagte Merz jüngst in kleiner Runde.

Ein Herz für Unternehmer

Das Werk Arnsberg-Müschede des Hygienepapierproduzenten Wepa, 1,2 Milliarden Euro Umsatz, ragt im Tal des Flüsschens Röhr wie ein grauer Fremdkörper in die grüne Natur. 560 Mitarbeiter stellen hier unter anderem Toilettenpapier und Papierhandtücher her. Friedrich Merz ist seit 2009 Aufsichtsratsvorsitzender von Wepa.

„Die Rückkehr von Merz in die Politik wäre für die allgemeine politische Lage und insbesondere auch für die deutsche Wirtschaftspolitik sehr positiv“, glaubt Vorstandschef Martin Krengel, der seit Jahren eng mit Merz zusammenarbeitet. „Wir brauchen zudem eine sachliche Diskussion zu den gegenwärtigen gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Herausforderungen“, sagt Krengel.

Kandidat für CDU-Vorsitz

Mehr als ein Bierdeckel – Das politische Vermächtnis des Friedrich Merz

Merz sei in der Lage, eine solche Diskussion zu leiten, Entscheidungen herbeizuführen und in Teams umzusetzen. „Natürlich sehen wir seine Kandidatur auch mit einem weinenden Auge.“ Merz würde das Wepa-Mandat, wie alle anderen auch, im Falle seiner Wahl sofort niederlegen.

Es wundert nicht, dass gerade die Wirtschaftsvertreter die Kandidatur von Merz unterstützen – wie auch die Zitate auf diesen Seiten belegen. Merz ist einer, der für eine konsequente Wachstums- und Industriepolitik steht. Für ihn steht das Wirtschaften vor dem Verteilen. Merkels „Sozialdemokratisierung der CDU“ war ihm immer schon suspekt – wie so vielen anderen in der Partei.

Von Stetten wusste seit vielen Wochen, dass Merz damit liebäugelte zu kandidieren. Und er hat auch maßgeblich dabei geholfen, dass Ralph Brinkhaus gegen den Willen von Angela Merkel neuer Fraktionsvorsitzender wurde. Dieser Erfolg war ein wichtiges Signal für Merz, den Schritt gegen den Mainstream zu wagen. In der Woche vor der Hessenwahl hatte er daher bereits Vertrauten erklärt, bei einer Niederlage der CDU seine Kandidatur anzukündigen.

Friedrich Merz hat seit Monaten den schleichenden Niedergang der Union in den Umfragewerten mit Sorge verfolgt. Als CDU und CSU in den Umfragen erstmals unter die 30-Prozent-Marke rutschten, wurde ihm klar, dass sich in der Partei personell und inhaltlich etwas ändern müsse.

„Die CDU hat ein strukturelles Problem, weil der Markenkern nicht mehr ausreichend erkennbar ist“, hat Merz gegenüber Freunden die Lage analysiert. An zwei Punkten macht der erfahrene Politiker das breite Akzeptanzproblem der eigenen Partei fest: Die CDU sei nicht mehr der Garant für die innere Sicherheit, und sie habe den Anschluss an das Lebensgefühl der jungen Menschen in den Städten verloren.

Als am vergangenen Sonntag die CDU bei der Hessenwahl rund zehn Prozentpunkte verlor und die AfD gleichzeitig mit einem fulminanten Ergebnis in das sechzehnte Landesparlament einzog, war dies das Signal zu handeln. Angreifer Friedrich Merz gelang ein Überraschungscoup. Nicht einmal Armin Laschet, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und langjähriger politischer Weggefährte, war über die Kandidatur informiert.

Mit Gesundheitsminister Jens Spahn, ebenfalls Nordrhein-Westfale, hat Merz zwar nach Montag längere Zeit gesprochen. Spahn denkt aber nicht daran, seine Bewerbung zurückzuziehen, er ist fest entschlossen, gegen Merz in die Kampfabstimmung zu gehen. „Jens Spahn hat schon mehrere Wahlen knapp gewonnen. Er hat keine Angst, gegen Merz anzutreten“, sagt ein Vertrauter des Gesundheitsministers.

Ein Delegierter, der vor 57 Jahren in die Partei eintrat, könnte beim Parteitag die Entscheidung herbeiführen. Denn hinter Merz steht, unbemerkt von der Öffentlichkeit, Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble. Einer, der dem konservativen Rebellen Merz Türen öffnet, ihm Ratschläge gibt, Unterstützung organisiert. Schäuble zählte zu den wenigen, die in Merz’ Plan eingeweiht waren, die Macht in der CDU zu erobern.

Auch Schäuble verfolgt Merkels Kanzlerschaft distanziert. Er ist nach außen loyal gegenüber der Kanzlerin, aber mehr als gegenseitiger Respekt hat sich zwischen den beiden nie entwickelt. Als Merkel 2005 denkbar knapp die Bundestagswahl gegen Gerhard Schröder gewann, saß Merz mit seiner Frau Charlotte und einigen Parteifreunden bei Schnitzel und Bier zusammen. Da rief Wolfgang Schäuble an. Die Analyse der beiden CDU-Politiker zum Wahlausgang: „Die Wähler wollten den Regierungswechsel, aber sie wollten nicht Angela Merkel.“

In den vergangenen Monaten hat sich Merz immer wieder mit Schäuble abgesprochen, wie der Führungswechsel gelingen könnte und welche Politik die CDU wieder stark machen würde. In kleiner Runde hat sich Schäuble in diesen Tagen eindeutig für seinen Freund Friedrich Merz ausgesprochen – und gegen seinen Ziehsohn Jens Spahn.

Dem Gesundheitsminister bescheinigt Schäuble zwar ein großes politisches Talent, er hält ihn aber noch nicht reif genug für ganz große Ämter. Merz hat in den Augen Schäubles dagegen das Format und den Intellekt, die Partei und das Land zu führen.

Sein Feld ist die Welt

Anders als Kramp-Karrenbauer und Spahn ist Merz ein Politiker mit internationalem Format. Durch seine Zeit als Europaabgeordneter und Vorsitzender der Atlantik-Brücke verfügt Merz über ein globales Netzwerk an Kontakten wie kaum ein anderer deutscher Politiker.

Erst in der vergangenen Woche war er auf einer Mitgliederreise der Atlantik-Brücke in den Vereinigten Staaten, in Oklahoma und Washington. Die Politik des Weißen Hauses ist dem überzeugten Transatlantiker tief suspekt. Auf der Jahresversammlung der Atlantik-Brücke im Sommer hat Merz US-Botschafter Richard Grenell deutlich gemacht, dass Deutschland „kein Befehlsempfänger“ der amerikanischen Regierung sei.

Statt wie üblich eine Rede zu halten, wurde Grenell von zwei Studenten interviewt. Ein klares Zeichen von höflicher Distanz. Auf dem Ball der Atlantik-Brücke, Anfang Dezember, kurz nach dem CDU-Parteitag, will Merz Kanadas Außenministerin Chrystia Freeland auszeichnen, die noch als Wirtschaftsministerin das Freihandelsabkommen Ceta zwischen Kanada und Europa ausgehandelt hatte. Als „Contra-Punkt zur protektionistischen Handelspolitik von Donald Trump“, bezeichnet Merz den Vorgang, der ein Verfechter von freiem Handel und offenen Märkten ist.

Friedrich Merz hat nie den Wunsch aufgegeben, eines Tages in die Politik zurückzukehren. Er gehört zu den Politikern, die ohne die Reize der Macht nur schwer leben können. „Wenn die Partei es will, übernehme ich gerne wieder Verantwortung in der CDU.“ Diesen Satz hat Merz immer wieder Freunden anvertraut. Doch eines war auch klar: Solange Merkel regiert, war für Merz eine Rückkehr auf einen bundespolitischen Posten völlig ausgeschlossen.

Dabei hat sich der ehemalige Unions-Fraktionschef mit der Kanzlerin zumindest ansatzweise versöhnt. Wegbegleiter von Merz berichten, dass er sich mehrmals mit Merkel in den vergangenen Jahren getroffen und ausgesprochen haben soll. Doch an dem Prinzip „Nur ohne Merkel“ hat sich für Merz nichts geändert.

Zu tief sitzen bei dem selbstbewussten Sauerländer die Wunden, die ihm die CDU-Chefin 2004 zugefügt hatte. Damals drängte sie Merz mit Unterstützung von CSU-Boss Stoiber aus dem Amt des Fraktionsvorsitzenden. Die beiden hatten einen Deal ausgehandelt: Merkel unterstützt Stoiber 2002 als Kanzlerkandidat, dafür unterstützt Stoiber Merkel beim Griff nach dem Fraktionsvorsitz.

Bis heute ärgert sich Merz darüber, dass er damals das Feld kampflos geräumt hat und nicht als Gegenkandidat von Merkel angetreten ist.

Jetzt tritt Merz an. Nicht als Gegenkandidat von Merkel. Aber als Kandidat um Merkels Nachfolge. Und er scheint jeden Schritt generalstabsmäßig geplant zu haben. Erst die Gerüchte am Montag, dann eine schriftliche Mitteilung am Dienstag mit dem Hinweis auf seine Kandidatur, am Mittwoch dann die erste Präsentation vor der Bundespressekonferenz. Kein Wunder, dass so viele Kameras und Journalisten wie bei so mancher Sommerpressekonferenz der Kanzlerin vor Ort sind, um zu hören, was er zu sagen hat.

Der Kandidat beginnt mit dem Wesentlichen. „Mein Name ist Friedrich Merz.“ Und anders als in der Einladung werde er mit „e“ geschrieben. Es ist die erste von mehreren Klarstellungen, die Friedrich Merz in seinem kurzen Auftritt vornimmt. In 22 Minuten umreißt er seine Beweggründe, warum er sich um den Vorsitz der CDU bewirbt und wo er mit der Partei hin möchte. „Wir brauchen jetzt Aufbruch und Erneuerung“, sagt Merz, „aber wir brauchen keinen Umsturz.“ Die CDU solle auch unter ihm eine „Volkspartei der Mitte“ bleiben.

Der CDU-Kandidat und die Wirtschaft

Die vielen Geschäfte des Friedrich Merz

Merz weiß, dass viele ihn noch dort verorten, von wo aus er sich vor zehn Jahren aus der Politik zurückzog: sehr konservativ und wirtschaftsliberal. Beide Attribute nutzt er heute noch, betont aber gleichzeitig, dass er auch für sozialen Ausgleich stehe und für Umweltschutz. Merz will ein breites Angebot an alle Strömungen in der Partei machen.

Deshalb hebt er gleich mehrmals hervor, dass er sich junge Politiker in herausgehobenen Positionen wünsche, und mehr Frauen. Merz muss die Junge Union umwerben, die in dem 62-Jährigen bisher kein Signal des Aufbruchs erkennen mag. Hier hält man eher zu Jens Spahn. Und Merz muss bei der Frauen-Union punkten, die zu Annegret Kramp-Karrenbauer hält.

Ebenso versucht der Wirtschafts- und Finanzpolitiker Merz bei seinem ersten Auftritt am Mittwoch versöhnliche Signale Richtung Arbeitnehmerflügel zu senden. Die Beschreibung „neoliberal“ weist er weit von sich, und mit Blackrock habe er auch nicht eine „Heuschrecke“ beaufsichtigt, sondern einen Vermögensverwalter. Ob er allerdings mit dieser dürren Erklärung auch bei den wohl anstehenden Regionalkonferenzen, bei denen sich die Kandidaten der Basis präsentieren sollen, durchkommt, ist noch lange nicht ausgemacht.

„Wir wollen Inhalte mit den Personen verbinden“, fordert der Chef des Arbeitnehmerflügels CDA, Karl-Josef Laumann. „Daher wollen wir wissen, wohin die Kandidaten mit der CDU wollen, wohin mit Deutschland und wie sie den gesellschaftlichen Zusammenhalt gewährleisten wollen.“

Um dies durchzusetzen, werden sich die Vorsitzenden der Vereinigungen am kommenden Sonntag auf Initiative von Laumann vor der Klausurtagung des Bundesvorstands in Berlin beraten. Sie wollen ein Verfahren festlegen, wie sich die Kandidaten für das Amt des Parteivorsitzenden bewerben sollen, wie das Handelsblatt erfuhr.

Die Chefs der Jungen Union, der Mittelstands- sowie der Kommunalpolitischen Vereinigung, sowie der Frauen- und Senioren-Union wollen die Kandidaten einladen, etwa zur Bundesdelegiertenversammlung der Kommunalpolitischen Vereinigung in Koblenz. „Wir wollen wissen, wer ein kommunalpolitisches Herz hat und wer nicht“, sagte der KPV-Vorsitzende Christian Haase.

Kommunalpolitik, Arbeitnehmerbelange, Frauenförderung: alles keine Themen, mit denen irgendwer Friedrich Merz verbindet. Die entscheidende Frage auf dem Weg zur Macht könnte für ihn lauten: Kommt der Schnelldenker nach all seinen Jahren als Global Player auch noch bei Durchschnittsdeutschen an?

In Arnsberg verwurzelt

Im „Landsberger Hof“, einer kulinarischen Institution in Merz’ Heimatstadt Arnsberg, mit Hotelzimmern im Obergeschoss und Kegelbahnen im Anbau, sitzt Klaus Willmes allein an seiner Bar. Auch Friedrich Merz sei hier ab und an mal Gast, sagt der 47-Jährige, der kein CDU-Mitglied ist, wie er betont. „Merz gibt sich hier immer sehr volksnah, ist einer, der sich nicht verbiegen lässt.“

Als Willmes den Hotel- und Gastrobetrieb 2005 von seinem Vater übernahm, sollte er 4.000 Euro wegen der Namensänderung in der Konzession bezahlen. Er wandte sich damals an Merz, schrieb nach Berlin, ans Bundestagsbüro. „Er hat sich wirklich gekümmert, am Ende kam mir die Stadt entgegen, auch preislich.“ Das hat Willmes nie vergessen. „Ich fand es toll, dass sich jemand so einsetzt.“

In Arnsberg, rund 80.000 Einwohner, gibt es seit Montag kaum ein anderes Thema mehr als die Kandidatur von Friedrich Merz. „Merz ist wahnsinnig schnell in der Analyse, kann Dinge rausarbeiten, sie dann aber auch verbal auf den Punkt bringen“, meint Peter Blume, stellvertretender Bürgermeister und seit Kurzem Chef des CDU-Stadtverbands. „1994 haben wir zusammen Wahlkampf gemacht“, erinnert er sich. Blume kandidierte für das Bürgermeisteramt, Merz für den Bundestag. Nicht immer waren die beiden einer Meinung. „Merz hat immer gesagt, der Mindestlohn würde Beschäftigung kosten“, erinnert sich Blume. „Ich war nie der Ansicht.“

Merz zeigt sich oft und gern in der Stadt, er übernimmt Schirmherrschaften, geht auf Beerdigungen, ist bei den Rotariern, nimmt am öffentlichen Leben teil. „Die Stadt liegt ihm am Herzen“, sagt CDU-Fraktionschef Jochem Hunecke, zugleich Chef der Kreishandwerkerschaft Hochsauerland.

„Er engagiert sich sehr für seine Heimat.“ Unter anderem gemeinsam mit Ehefrau Charlotte, Richterin in Arnsberg, in der gemeinsamen Stiftung. Die Friedrich und Charlotte Merz Stiftung vergibt Stipendien, unterstützt Bildungsreisen, fördert Schüler. Wenn die Besten ausgezeichnet werden, einmal im Jahr, seien die beiden immer selbst vor Ort, erzählt ein Kommunalpolitiker.

Es droht ein Nullsummenspiel

Manche in Arnsberg träumen schon vom Kanzler Merz, der die Touristen ins Sauerland treibt. Merz sagt zwar, dass er eine Erneuerung der Partei anstrebe und keinen Umsturz. In seinem Umfeld ist sogar davon die Rede, dass er einen „würdevollen Abgang“ für Merkel wünsche, um dem Ansehen der Volkspartei nicht zu schaden. Schließlich haben die Wähler die sommerlichen Angriffe von Horst Seehofer und Alexander Dobrindt gegen die Kanzlerin mit Nichtwahl der CSU bestraft.

Doch man kann sich kaum vorstellen, wie die Aufgabenverteilung zwischen Merkel und Merz gelingen soll. In grundlegenden Fragen – und nicht nur in der Flüchtlingspolitik – liegen Merz und Merkel Lichtjahre auseinander.

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Zugleich ist da der neue Fraktionsvorsitzende Ralph Brinkhaus, der sich und die Abgeordneten von der Regierung emanzipieren will, womit Mehrheiten für Merkel längst nicht mehr selbstverständlich sind. Gleichzeitig weiß Merz, dass ein Ende der Kanzlerschaft Merkel auch ein Ende der Großen Koalition in Berlin bedeuten würde. Die SPD würde keinen Kanzler Merz akzeptieren. Bliebe ein Jamaika-Bündnis – oder Neuwahlen. Vertrauten hat Merz erklärt, ihm werde es rhetorisch gelingen, „einen großen Teil der AfD-Wähler zur CDU zurückzuholen“.

Doch die spannende Frage lautet: Wird er im Gegenzug die Wähler der linken Mitte verlieren, für die Merkel die CDU überhaupt erst wählbar gemacht hat? Am Ende könnte der Wechsel von Merkel zu Merz für die CDU auf ein Nullsummenspiel hinauslaufen. Leidtragende wäre die AfD, profitieren könnten SPD, FDP und Grüne, für die sich in der Mitte endlich wieder mehr Spielräume eröffnen würden.

In seiner Heimat jedenfalls freuen Sie sich über die Rückkehr. Seinen Kreisverband hat Merz zwar nicht in seine Entscheidung einbezogen. Doch kann er sich bald schon der Basis präsentieren. Am 10. November tagt der Kreisparteitag, der Merz schon vor Monaten als Festredner eingeladen hat. „Das ist ein schöner Zufall“, sagt Patrick Sensburg, der Bundestagsabgeordnete, der seit 2009 den Hochsauerlandkreis im Deutschen Bundestag vertritt. Es ist der frühere Wahlkreis von Friedrich Merz.

Ebenso ist es ein schöner Zufall, dass Jens Spahn neun Tage später in Arnsberg über das Neheim-Hüstener Programm spricht, das 1946 so eine Art erstes Grundsatzprogramm der CDU nach dem Zweiten Weltkrieg war. „Die CDU will ein neues, ein anderes Deutschland aufbauen“, hieß es darin.

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