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Grundbildung in DeutschlandMillionen Deutsche sind Analphabeten

Mehr als sieben Millionen Erwachsene können nicht richtig lesen – viele arbeiten trotzdem. Bildungsmaßnahmen kommen nur langsam voran. Und aus den Schulen rücken immer neue Analphabeten nach.Barbara Gillmann 30.01.2018 - 16:40 Uhr Artikel anhören

Es ist nie zu spät, Lesen und Schreiben zu lernen.

Foto: dpa

Berlin. Neulich in der Eisenbahn: Ein Mann Ende 40 in Arbeitskleidung fragt seine Nachbarin, ob der Zug auf dem Weg nach Stuttgart denn auch in Pforzheim halte. Die Dame stutzt, denn auf der Anzeigetafel im Waggon ist genau das deutlich zu lesen, gibt aber freundlich Auskunft. „Aber was ist das denn für ein Zug, vielleicht darf ich den mit meinem Ticket gar nicht nutzen“, fragt er nach, holt das Billett aus der Hosentasche und reicht es ihr mit den Worten: „Ich kann’s nicht lesen.“

Nicht lesen? Der Mann ist offensichtlich einer von 7,5 Millionen funktionalen Analphabeten, die die Leo-Level-One-Studie 2011 in Deutschland ausmachte. Das sind mehr als 14 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung: Jeder Siebte kann also zwar Worte und einzelne Sätze lesen, nicht aber einen kurzen Text – und damit zum Beispiel auch keine Arbeitsanweisungen.

In Wirklichkeit ist das Problem sogar noch viel größer: Denn die Studie erfasste nur Erwachsene, die jünger als 65 sind, und „nur Migranten, die richtig Deutsch sprechen“, sagt die Autorin Professor Anke Grotelüschen von der Uni Hamburg. Anders als die Forscher erwartet hatten, sind die Analphabeten nicht vorwiegend Arbeitslose: 57 Prozent haben einen Job – wenn auch oft prekär und befristet.

Wie geht das? Jan-Peter Kalisch vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung nennt die klassischen Ausreden: „Ich hab’ die Brille vergessen. Ich kann grad nicht schreiben. Ich hab’ die Hand verstaucht. Oder: Ich muss mir das genauer durchlesen und nehm’ es mit nach Hause.“ Am Arbeitsplatz „helfen oft Kollegen, indem sie Schreibarbeiten abnehmen oder vorlesen – was natürlich Abhängigkeiten schafft“, so Kalisch.

Die Volkshochschulen bieten Lese- und Schreibkurse an, aber viele finden nicht den Weg dorthin: „Die Zahl der Teilnehmer stagniert seit Jahren zwischen 12.000 und 30.000, vorwiegend Ältere zwischen 40 und 60“, so Kalisch. Das Problem sei, dass Betroffene von selbst aktiv werden müssten. Doch die Berichte an der Hotline „alfa-Telefon“ des Verbandes zeigten, dass das meist erst in einer Krise passiert: wenn ein Partner stirbt, der Job verloren geht oder ein Kind in die Schule kommt und Hilfe erwartet. Unter 0800 53 33 44 55 informiert der Verband dann anonym über Kursangebote in der Region.

Die große Masse der Analphabeten jedoch versteckt sich und schlägt sich verschämt mit Tricks durchs Leben. Dass Deutschland beim Analphabetismus auch im internationalen Vergleich relativ schlecht dasteht, zeigte schon in den 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine OECD-Studie. Doch „der Aufschrei blieb aus“, erinnert sich Kalisch. Das Problem blieb „ein Schmuddelthema, die meisten Menschen dachten, die Betroffenen seien selbst schuld oder schlicht zu dumm“.

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Nun jedoch tue sich seit einiger Zeit was, sagt der Analphabetismus-Experte. 2012 haben das Bundesbildungsministerium und die Kultusminister die „Nationale Strategie für Alphabetisierung und Grundbildung“ ins Leben gerufen, 2016 wurde eine gleichnamige Dekade daraus, für die der Bund 180 Millionen Euro bereitgestellt hat. 2018 sollen diverse Projekte starten, die versuchen sollen, die Hilfe niedrigschwellig zu organisieren und die Analphabeten aus ihrer verfahrenen, beschämenden Lage abzuholen.

„Das Problem stirbt nicht aus, es wächst nach“

So fördert das Bildungsministerium 170 der vom Bundesfamilienministerium unterstützten Mehrgenerationenhäuser mit je zwei Millionen Euro jährlich. Diese können damit etwa Lerncafés einrichten, Material anbieten oder Betroffene beim Umgang mit Behörden unterstützen – und so Analphabeten entdecken und beraten. Auch die Wirtschaft hat einige Projekte organisiert: So bieten etwa acht Bildungswerke der Wirtschaft und das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) Köln mit „AlphaGrund“ maßgeschneiderte Angebote für Erwachsene in den Betrieben an. Denn nicht zuletzt verschwinden mit der Digitalisierung immer mehr Jobs, die auch ohne gute Lesekenntnisse zu bewältigen sind. So suchen zwar 1,2 Millionen Arbeitslose einen Helferjob – bei der Bundesagentur für Arbeit sind aber gerade mal 120.000 passende Angebote gemeldet, heißt es beim IW.

Grundsätzlich aber müsse „früher und an der Wurzel angesetzt werden“, um den Analphabetismus zu bekämpfen, geben die Arbeitgeber die Verantwortung weiter. Lesen, schreiben und rechnen zu können sei schließlich „Mindestziel des deutschen Schulsystems und damit eine staatliche Aufgabe“.

Doch genau hier hapert es: „Das Problem des Analphabetismus stirbt nicht aus, es wächst nach“, sagt Simone Ehmig, Leiterin des Instituts für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen. Eigentlich gilt man im deutschen Schulsystem ab der 3. Klasse als alphabetisiert, doch die einschlägigen Schultests zeigen, dass das eine Schimäre ist: Bei der Grundschuluntersuchung „Iglu“ zeigte sich soeben wieder, dass jeder fünfte Viertklässler nicht richtig lesen kann – das ist weit mehr als in vielen anderen Nationen. Und die Misere hat sich seit 15 Jahren nicht gebessert.

„Das müsste in der 5. und 6. Klasse nachgeholt werden“, sagt der für Iglu zuständige Dortmunder Schulforscher Wilfried Bos. Es passiere aber nicht, weil die Lehrer in der Sekundarstufe dafür nicht ausgebildet seien. Also würden die kleinen Analphabeten „durchgereicht“, bis auch in den Pisa-Tests der 15-Jährigen ein ähnlich hoher Prozentsatz im Lesen und Schreiben nicht einmal die Mindestanforderungen erfüllt. Dieser Herausforderung stehen die Kultusminister der Bundesländer bisher weitgehend hilf- und erfolglos gegenüber.

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Ein Grund ist, dass viele kleine Kinder vor der Schule gar nicht erfahren, wie schön und sinnvoll Lesen ist, weil ihnen niemand vorliest und sie auch die Eltern nicht beim Lesen beobachten. Hier setzt die Stiftung Lesen an, zum Beispiel mit dem vom Bund geförderten Projekt „Lesestart“: Anfangs erhielten Eltern von Einjährigen bei der U6-Untersuchung beim Kinderarzt ein Set mit Bilderbuch und Info-Broschüre, für die Dreijährigen gab es Vorleseangebote in Bibliotheken, aktuell erhalten alle Erstklässler ein Lesestart-Set. Gerade mit Blick auf die Iglu-Ergebnisse sagt Institutsleiterin Ehmig: „Es liegt auf der Hand: Die Förderung muss flächendeckend und niederschwellig sein – auf Dauer und für alle.“

Doch es ist wie bei allen Projekten des Bundes: Er darf nach dem 2006 eingeführten Kooperationsverbot in der Verfassung Schulen – und auch die Weiterbildung Erwachsener – nicht institutionell fördern. So ist unklar, wie die Förderung auf Dauer organisiert werden kann. Daher drängt die SPD in den Koalitionsgesprächen mit der Union auf die Abschaffung des Kooperationsverbots. Doch bislang mauert die Union.

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