1. Startseite
  2. Politik
  3. Deutschland
  4. Militärischer Flugzeugbau: Tornado-Nachfolge wird zur politischen Nagelprobe

Militärischer FlugzeugbauTornado-Nachfolge wird zur politischen Nagelprobe

Der Tornado der Bundeswehr ist in die Jahre gekommen. Ein neuer Kampfjet kann nur zusammen mit Frankreich gebaut werden. Doch in Paris ziert man sich – nicht nur aus finanziellen Gründen.Markus Fasse und Thomas Hanke 30.03.2017 - 17:02 Uhr Artikel anhören

Der Tornado-Nachfolger von Airbus soll 2035 fliegen.

Foto: Handelsblatt

München, Paris. Sie werfen keine Bomben, sie liefern nur die Ziele. Seit Januar 2016 starten vom türkischen Incirlik deutsche Kampfjets vom Typ „Tornado“ zu Aufklärungsflügen über Syrien und dem Irak. Mit ihren hochauflösenden Kameras nehmen die deutschen Piloten Stellungen der Terrormiliz IS ins Visier. Die Angriffe fliegen dann amerikanische, britische oder französische Kampfjets.

Seit mehr als 35 Jahren ist der Tornado bei der Bundeswehr im Einsatz. Stets ist das schwere Kampfflugzeug ganz oben auf der Wunschliste, wenn die Nato deutsche Unterstützung anfordert. Vor dem Auftrag in Syrien flogen die Maschinen 4.500 Einsätze in Afghanistan, um in ähnlicher Mission Daten für den Krieg gegen die Taliban zu sammeln. Und im Kosovo-Krieg 1999 beschränkte sich die Luftwaffe nicht aufs Aufklären. Deutsche Tornados griffen Stellungen der serbischen Armee an, bombardierten Tanklager und Nachschubwege und hatten so einen erheblichen Anteil an der raschen Niederlage des Regimes Milošević.

Doch das Kampfflugzeug kommt in die Jahre. Entwickelt wurde der Tornado Anfang der 70er-Jahre, die Masse der Maschinen wurde bis Anfang der 90er-Jahre ausgeliefert. Von den einst 357 angeschafften Tornados hält die Bundeswehr nur noch 85 in Betrieb. Zwar werden die Jets technisch immer wieder auf den neuesten Stand gebracht, aber ihr Ende ist abzusehen. 2030, spätestens 2035 ist ihre Lebenszeit abgelaufen, heißt es bei der Luftwaffe. Dann muss ein neuer Flieger einsatzbereit sein. Und weil die Entwicklung neuer Kampfflugzeuge extrem teuer und zeitaufwendig ist, muss nach der Bundestagswahl im Herbst die Diskussion um das Projekt beginnen.

Weltweiter Anstieg der Militärausgaben

Das große Wettrüsten – und wer davon profitiert

Die Nachfolge des Tornados wird in mehrfacher Hinsicht eine politische Nagelprobe. Auch wenn es in Deutschland niemand gerne ausspricht: Die Fähigkeiten des Tornados, im Tiefflug Bodenziele hinter den Linien des Gegners auszukundschaften und anzugreifen, ist eine mächtige militärische Option. Das zeigt sich auch an der sogenannten „nuklearen Teilhabe“, die Deutschland mit den USA praktiziert. Die US-Armee lagert auf dem Fliegerhorst Büchel Atombomben, mit denen im Ernstfall die dort stationierten deutschen Tornados bewaffnet werden können. Vom Ansinnen der Bundesregierung, diese Waffen abzuziehen, ist seit der Ukraine-Krise keine Rede mehr – im Gegenteil: Will Berlin beim Einsatz von Atomwaffen auf deutschem Boden auch künftig mitentscheiden, braucht die Regierung auch in Zukunft ein Flugzeug wie den Tornado. Der Eurofighter, das zweite Kampfflugzeug der Bundeswehr, ist für Atomwaffeneinsätze ungeeignet.

Airbus als größtes deutsches Rüstungsunternehmen hofft nun, nach dem Tornado und dem Eurofighter auch das dritte große Kampfflugzeug für die Bundeswehr entwickeln und bauen zu können. Da die Stückzahlen für die deutsche Luftwaffe aber für eine Eigenentwicklung nicht reichen, sollen wie bei den vorherigen Projekten europäische Partner mit an Bord. Bei Tornado und Eurofighter schloss sich die deutsche mit der britischen und italienischen Industrie zusammen. Frankreich ging mit dem Militärjet „Rafale“ einen Sonderweg. Da sich Briten und Italiener aber schon am „Joint Strike Fighter“ von Lockheed Martin beteiligen, bleibt für den neuen Tornado nur Frankreich als Partner. Das Pokern um die Führerschaft des milliardenschweren Projektes hat längst begonnen – wenn es denn kommt.

Frankreich hat Rafale

Denn in Paris sieht man den Bedarf anders als in Berlin. Mit der Eigenentwicklung von Rafale verfügen die Franzosen über ein modernes Kampfflugzeug, das voraussichtlich bis 2040 einsetzbar ist. Erst Mitte März hat Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian die Genehmigung zur Weiterentwicklung des 2006 bei der französischen Luftwaffe in Dienst gestellten Jagdbombers gegeben. Die neue Version F4 soll 2023 einsatzbereit sein. Nachdem die französischen Streitkräfte lange Zeit der einzige Abnehmer gewesen waren, erfolgte 2015 der kommerzielle Durchbruch. Inzwischen haben Ägypten, Katar und Indien die Rafale gekauft. Bei Einsätzen in Afghanistan, im Irak, in Syrien, Libyen und Mali haben die Franzosen bewiesen, dass die Maschine für Angriffe auf Bodenziele geeignet ist – ein wichtiges Argument für Exporte.

Anders als der Eurofighter wurde die Rafale für viele verschiedene Aufgaben ausgelegt. Die Maschine kann auf Flugzeugträgern starten und landen und dient wie der Tornado als Trägersystem für die französischen Nuklearwaffen. Deshalb ist die Rafale anders als der Eurofighter standardmäßig zweisitzig. Jenseits aller Überlegungen, ob der Einsatz von Atomwaffen moralisch zulässig ist, gilt: Atomare Angriffe mit Flugzeugen sind sehr lange und gefährliche Einsätze, die einen Piloten allein überfordern können. Sie erfordern zudem eine spezielle Auslegung des Fliegers. Er muss dazu in der Lage sein, die gegnerische Luftabwehr zu unterfliegen, und die gesamte Technik muss dem elektromagnetischen Schock standhalten, den eine Atomexplosion auslöst. Das kann die Rafale heute, und das soll der von Airbus geplante Tornado-Nachfolger in Zukunft auch können.

Verwandte Themen
Bundeswehr
Frankreich
Syrien
Airbus
Afghanistan
Irak

Deshalb hat man es in Paris nicht eilig, ein milliardenschweres neues Kampfflugzeug in Auftrag zu geben. Wenn überhaupt, dann brauche die französische Armee einen neuen Kampfjet zehn Jahre später als die Bundeswehr, sagt ein französischer Experte. Hinzu kommt, dass der mehrfach aufgestockte französische Verteidigungsetat wenig Spielraum für neue Milliardenprojekte lässt. Vorrang hat die Finanzierung laufender Einätze von Mali bis Syrien.

Will die deutsche Politik die Maschine gemeinsam mit Frankreich bauen, muss die deutsche Politik in Vorleistung gehen, politisch und finanziell, heißt es in Berlin. Ein dicker Brocken für die nächste Bundesregierung.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt