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Nahost-KriseFriedrich-Ebert-Stiftung beobachtet Ansehensverlust Deutschlands in der arabischen Welt

Vertreter von politischen Stiftungen berichten, dass in manchen Teilen der Welt von Deutschland mehr Empathie für Menschen in Gaza erwartet wird. Unternehmen sehen noch keine Auswirkungen.Daniel Delhaes, Dietmar Neuerer 28.11.2023 - 16:59 Uhr Artikel anhören

Der Hafen Dschabal Ali in Dubai: Die deutsche Wirtschaft erkennt noch kein Imageproblem.

Foto: Stone/Getty Images

Berlin. Das eindeutige Bekenntnis der Bundesregierung zur Sicherheit Israels hat auch Auswirkungen auf die Wahrnehmung Deutschlands in der arabischen Welt. Diese Erfahrungen machen Vertreter politischer Stiftungen vor Ort.

„Es gibt einen großen Ansehensverlust Deutschlands in der arabischen Welt“, sagte Richard Probst dem Handelsblatt. Er ist bei der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung zuständig für den Nahen und Mittleren Osten sowie für Nordafrika.

Seit dem Überfall der radikalislamischen Hamas am 7. Oktober auf Israel und Deutschlands folgende Solidaritätsbekundungen werde die Bundesrepublik kritischer betrachtet. „Die Menschen vermissen die Empathie für die Palästinenser im Gazastreifen“, beobachtet Probst.

Ähnliches beobachtet die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung. In den meisten Ländern der arabischen Welt herrsche „eine sehr einseitige Sichtweise“ vor, hieß es dort. Der Terrorangriff der Hamas werde „ebenso ausgeblendet wie das Schicksal der Geiseln und die Tatsache, dass Zivilisten in Gaza als Schutzschilde missbraucht werden“.

Zugleich herrsche „in der breiten arabischen Öffentlichkeit“ der Eindruck, dass Deutschland das Leid der Zivilbevölkerung im Gazastreifen und die vielen Opfer ignoriere und sich nicht entschieden genug für deren Rechte einsetze. „Insofern richtet sich die Kritik an Deutschland weniger gegen die Solidarität mit Israel als vielmehr gegen die perzipierte mangelnde Empathie für die Situation der Zivilbevölkerung in Gaza“, heißt es bei der Stiftung.

Arabische Staaten sind wichtige Energiepartner für Deutschland

Eine Abkehr von Deutschland könnte aus Sicht der Experten „weitreichende Folgen“ haben. So würden Araber nicht mehr stolz für deutsche Organisationen arbeiten, sondern ihre Tätigkeit sogar verheimlichen, heißt es. Dies könne sich in einem nächsten Schritt auf die konkrete Entwicklungszusammenarbeit auswirken – und später auch noch die deutsche Wirtschaft vor Ort treffen.

Staaten wie Tunesien und Algerien gelten als wichtige Partner Deutschlands, vor allem für die grüne Transformation der Wirtschaft. Entsprechende Partnerschaften existieren bereits seit mehreren Jahren. Auch mit Marokko besteht eine enge Zusammenarbeit. Die Hoffnung: Wasserstoff aus Sonnenenergie zu erzeugen und über Pipelines nach Europa zu liefern.

In der Handelsbilanz kann sich diese Entwicklung aufgrund der Aktualität noch nicht niederschlagen. Nach Angaben des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) sind die deutschen Exporte im vergangenen Jahr und von Januar bis Ende September 2023 um mehr als zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gestiegen. Die Importe sind 2022 sogar um fast die Hälfte gewachsen, in diesem Jahr immerhin noch um 41 Prozent.

Die deutsche Wirtschaft genieße in der Regionen einen „sehr guten Ruf“, sagt Außenwirtschaftschef Volker Treier. „Wir sehen derzeit auch keine größeren Anzeichen dafür, dass der Terroranschlag der Hamas und die Reaktionen darauf direkte Folgen für deutsche Unternehmen nach sich ziehen.“

Er riet allerdings dazu, „nicht jeder Provokation in sozialen Medien allzu große Aufmerksamkeit zu schenken“. Bisher sei das einzige Problem, dass der Konflikt in der Region zu schwankenden Ölpreisen geführt habe, was die Unternehmen verunsichere.

„Tiefsitzende Frustration“ in der arabischen Welt

Der Ansehensverlust habe sich vor allem bei jungen Menschen eingestellt sowie den Progressiven, die nicht vergessen haben, dass Deutschland den Arabischen Frühling unterstützt habe, erklärt Nahostexperte Probst von der Friedrich-Ebert-Stiftung.

In Staaten wie Jordanien oder dem Libanon, die viele palästinensische Flüchtlinge aufgenommen haben, aber auch in den mit Palästinensern solidarischen Staaten wie Tunesien und Algerien gebe es eine „tiefsitzende Frustration“. Dies komme in vielen Gesprächen zum Ausdruck.

Deutschland habe Israel einen Blankocheck ausgestellt und ignoriere die Besatzung des Gazastreifens und das Leid der Menschen vor Ort, laute die Wahrnehmung vieler Araber.

Nahostexperte Probst warnt jedoch davor, mit kurzfristigen Aktionen das Image Deutschlands wieder aufpolieren zu wollen: „Die Menschen wissen, was Deutschland im Rahmen der UN-Hilfen für die Region tut.“ So ist die Bundesregierung mit 100 Millionen Euro großer Geldgeber des Palästinenser-Hilfswerks der Vereinten Nationen (UNWRA).

Wichtiger sei es, in der Region präsent zu bleiben, den Dialog zu suchen, andere Meinungen zuzulassen und zu differenzieren, wenn Menschen etwa auch in Deutschland für die Palästinenser demonstrieren, empfahl Probst.

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Auch die Experten der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung warnen davor, die deutsche Haltung zu überdenken. Sie verwiesen vielmehr darauf, dass die arabischen Regierungen vor allem um ihre eigene Herrschaft besorgt seien und daher mit ihren Stellungnahmen auf den Druck der Straße reagierten. Deshalb werde „eine modifizierte Haltung Deutschlands nicht automatisch zu einer Stärkung seines Einflusses führen“.

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