Migration: Neue Studie belegt hohen Nutzen der Zuwanderung für den Staat
Berlin. Für viele Experten ist die Sache klar: Migration bedeutet höhere Kosten für den Staat. Stünde dann Deutschland mit weniger Zuwanderung besser da? Der Wirtschaftsweise Martin Werding ist der Frage in einer Studie für den Mediendienst Integration nachgegangen.
Der Wirtschaftsprofessor von der Ruhr-Universität Bochum kommt darin klar zu dem Schluss, dass die positiven Auswirkungen der Migration überwiegen. Sein zentraler Befund: Wenn jedes Jahr 200.000 Menschen mehr nach Deutschland ziehen, spart der Staat auf Dauer rund 104 Milliarden Euro im Jahr.
Das bedeutet: Jede einzelne Person bringt dem Staat etwa 7100 Euro pro Jahr ein. Grundlage für die Berechnung ist der im März 2024 veröffentlichte sechste Tragfähigkeitsbericht des Bundesfinanzministeriums. Die Effekte der Zuwanderung für den Staatshaushalt sind damit insgesamt positiv. Insbesondere Erwerbszuwanderung verbessere die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen, so Werding. Das bedeutet unterm Strich: „In der Summe entlastet Migration die öffentlichen Haushalte.“
Warum ist das so?
Deutschland wird immer älter. Es fehlen junge Menschen, die arbeiten, Steuern zahlen und Beiträge für die Renten- und Krankenversicherung leisten. Zuwanderer können diese Lücke schließen. Sie übernehmen Jobs, für die in Deutschland nicht genug Personal da ist – zum Beispiel in der Pflege, im Handwerk oder in der Gastronomie.
Eine jährliche Nettozuwanderung von 300.000 bis 350.000 Personen sei sinnvoll, um den zu erwartenden Arbeitskräftebedarf der Wirtschaft zu decken, heißt es in der Studie mit Verweis auf das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.
Außerdem wächst durch mehr Beschäftigte auch die Wirtschaft – das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Wenn das BIP steigt, nimmt auch der Staat mehr ein, etwa durch Steuern und Sozialabgaben. Zuwanderung trage zu einem verstärkten Wachstum des Bruttoinlandsproduktes bei. Denn jeder zusätzliche Zuwanderer helfe damit langfristig, das Verhältnis von Einnahmen zu Ausgaben zu stabilisieren.„Alles in allem entlastet Zuwanderung damit die öffentlichen Haushalte“, resümiert Werding.
Was ist mit den Kosten für Geflüchtete?
Zuwanderung bedeutet natürlich auch Ausgaben: Der Staat zahlt für Sprachkurse, Bildung, Unterkünfte oder Sozialleistungen. Besonders bei Geflüchteten dauert es oft länger, bis sie Arbeit finden.
Solche Umstände befördern in weiten Teilen der Bevölkerung die Skepsis gegenüber Zuwanderung. Das zeigt auch eine im vergangenen Jahr veröffentlichte Studie der Bertelsmann Stiftung. Danach befürchteten viele Menschen in Deutschland vor allem Mehrkosten für den Sozialstaat, Probleme in Schulen und Wohnungsnot. Die Untersuchung ergab auch: Die Bereitschaft, geflüchtete Menschen aufzunehmen, ist erheblich gesunken.
Die Untersuchung des Wirtschaftsweisen Werding gibt indes zu bedenken, dass auch einheimische Deutsche den Staat Geld kosten, etwa im Rentenalter oder bei Krankheit. Viele Menschen – ob zugewandert oder nicht – haben eine sogenannte „negative fiskalische Bilanz“, wenn sie mehr vom Staat bekommen, als sie einzahlen. „Eine ungünstige fiskalische Bilanz auf individueller Ebene weisen jedoch nicht nur Zugewanderte auf, sondern auch Einheimische“, betont Werding.
Das Hauptproblem ist also nicht die Zuwanderung, sondern die Tatsache, dass der Staat insgesamt mehr ausgibt, als er einnimmt – vor allem wegen der alternden Gesellschaft.
Was sagen frühere Studien?
Frühere Untersuchungen, zum Beispiel des Ökonomen Bernd Raffelhüschen, kamen zu anderen Ergebnissen. Dort hieß es oft: Zuwanderer verschlechtern die finanzielle Lage des Staates. Doch laut Werding ist das ein Missverständnis.
Denn diese Studien rechnen nicht mit, wie sehr Zuwanderung die Wirtschaft ankurbelt und wie sich das langfristig auf Einnahmen auswirkt. Auch Raffelhüschen selbst schreibt, dass nicht die Migration das Problem sei, sondern ein Staat, der „dauerhaft über seine Verhältnisse lebt“.
Was muss getan werden?
Zuwanderung allein reicht nicht aus, um alle Finanzprobleme des Staates zu lösen. Aber sie hilft spürbar, vor allem in Zeiten des Fachkräftemangels. Damit das Potenzial voll genutzt werden kann, ist es wichtig, dass Zuwanderer schnell Arbeit finden und gute Löhne bekommen. Dafür braucht es bessere Sprachförderung, Anerkennung von Abschlüssen und gezielte Integrationspolitik.
Die Studie kommt zu dem Schluss: Kontinuierliche Zuwanderung könne die langfristige Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen in Deutschland verbessern – so stark, dass weitere Kosten gedeckt werden könnten, zum Beispiel für die Integration von Geflüchteten.
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Kommunen sehen nicht nur bei der Integration einen besonderen Handlungsdruck. Die Situation bei der Unterbringung von Geflüchteten vor Ort bleibe angespannt, sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetags, Helmut Dedy, den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.
Zwar sei die Zahl neuer Asylbewerber deutlich zurückgegangen, aber die Städte müssten sich auch um jene Menschen kümmern, die bereits in Deutschland seien. Schul- und Kitaplätze sowie Wohnraum blieben knapp. Auch die Ausländerbehörden arbeiteten vielerorts an der Belastungsgrenze.
Dedy betonte, dass die Debatte um Grenzkontrollen und Zurückweisungen nicht dazu führen dürfe, dass andere wichtige Maßnahmen aus dem Blick gerieten. Die Bundesregierung müsse nun dringend den Kommunen mehr finanzielle Unterstützung für die vielen Integrationsaufgaben vor Ort zusichern.