Tim Klüssendorf: Wie der Generalsekretär die SPD vor dem Niedergang retten will
Berlin. Die SPD-Parteizentrale wirkt an diesem Mittwochmorgen Ende Juli verlassen. Im Bauch des Willy-Brandt-Hauses steht ein großer, laut summender Kran, mit dem Arbeiter die 25 Meter hohe Glasfassade reinigen. Von dem nervigen Geräusch bekommt kaum ein Mitarbeiter etwas mit – die meisten sind nach den Strapazen des Wahlkampfs und der anstrengenden Regierungsbildung längst im Sommerurlaub.
Tim Klüssendorf hält ganz oben im fünften Stock die Stellung. In den Urlaub geht es für ihn erst im August, vorher hat der neue SPD-Generalsekretär noch alle Hände voll zu tun. Nach dem Debakel bei der Bundestagswahl muss der 33-Jährige die SPD neu aufstellen. Und steht dabei vor einer Quadratur des Kreises.
Klüssendorf muss die SPD schlagkräftiger machen und ihr mit einem neuen Grundsatzprogramm wieder Leben einhauchen, dabei zugleich aber eisern sparen. Denn die Wahl war für die SPD nicht nur eine politische, sondern auch eine finanzielle Niederlage. Die Partei leistet sich noch immer den Apparat einer 35- bis 40-Prozent-Partei, obwohl sie nur noch auf 16 Prozent kommt.
Der neue Generalsekretär ist deshalb so etwas wie der oberste „Change Manager“ seiner Partei, von dem jetzt viel abhängt. Entweder die SPD schafft es, sich programmatisch wie organisatorisch neu zu erfinden. Oder sie droht von einer Volks- zu einer Funktionärspartei zu schrumpfen. Der Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa, Manfred Güllner, sieht diesen Prozess schon in vollem Gange.
„Die SPD ist schon vor längerer Zeit von einer Volkspartei zur Funktionärspartei geschrumpft“, sagt Güllner. Die Partei habe immer mehr Wähler aus der politischen Mitte verloren und sich dabei nie ernsthaft gefragt, warum. „Doch die braucht es, um eine Wahl zu gewinnen.“
Das Handelsblatt hat sich zu Klüssendorfs Strategie umgehört und Antworten aus Partei und Fraktion bekommen, wie die SPD den Weg zurück zur Volkspartei finden will. Kann dem Generalsekretär das Kunststück gelingen? Oder schrumpft die SPD durch ihre mangelnde Präsenz in der Fläche zu einer Partei, die nur noch einen Teil der Gesellschaft abbildet? Die nur noch auf eine Rolle reduziert wird, nämlich dauerhafte Mehrheitsbeschafferin für andere Parteien zu sein?