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Gas ErsatzEnergiekrise: Deutschland kann von Gas aus Algerien profitieren

Nach Italien setzt auch Frankreich auf algerisches Gas. Um 50 Prozent will das afrikanische Land seine Lieferungen erhöhen. Die Verhandlungen sind weit fortgeschritten.Gregor Waschinski 30.08.2022 - 15:04 Uhr Artikel anhören

In der Energiekrise setzt Europa auf Gas aus Afrika. Hoffnungsträger ist vor allem Algerien.

Foto: dpa

Paris. Drei Tage lang weilte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron in Algerien. Offizielles Ziel seines „Freundschaftsbesuchs“ war, die angespannten und historisch belasteten Beziehungen zu der ehemaligen Kolonie zu verbessern. Im Hintergrund ging es aber nicht zuletzt auch um die Frage: Kann sich Frankreich mit mehr Gasimporten aus dem nordafrikanischen Land gegen die Energiekrise im Winter wappnen?

Seit Macrons Rückkehr am Wochenende verdichten sich Hinweise darauf, dass die Verhandlungen zwischen dem französischen Energieversorger Engie und dem staatlichen algerischen Konzern Sonatrach schon bald zu einem Abschluss kommen dürften.

Französischen Medienberichten zufolge könnte Algerien seine Gaslieferungen an Frankreich um 50 Prozent erhöhen. Die Regierung in Paris bestätigte die Informationen zunächst nicht. Regierungssprecher Olivier Véran sagte allerdings, dass die Ergebnisse der Gespräche zwischen beiden Ländern über eine Energiepartnerschaft „demnächst“ verkündet würden.

Eine direkte Pipeline von Algerien nach Frankreich existiert nicht – das Gas würde über Verbindungen mit Spanien und Italien fließen oder über die französischen LNG-Terminals eintreffen.

Weil Russland seine Gaslieferungen nach Europa im Ukrainekrieg stark gedrosselt hat, ist Algerien zu einem umworbenen Energielieferanten geworden. Vor Frankreich sicherte sich bereits Italien zusätzliche Gasmengen aus dem nordafrikanischen Land. Auch wenn das algerische Exportpotenzial begrenzt ist, könnten die Deals den Druck auf dem europäischen Gasmarkt zumindest etwas verringern.

„Wenn Frankreich mehr Gas bekommt, hat das indirekt auch Einfluss auf den deutschen Markt“, sagt Andreas Schröder vom Marktforschungsunternehmen ICIS. „Alles, was nur ein Gasmolekül mehr nach Europa bringt, hilft in der derzeitigen Lage.“ Lieferungen von algerischem Gas über den französischen Umweg nach Deutschland wären ebenfalls denkbar. „Technisch wäre das möglich, aber es gibt hier bislang noch regulatorische Hürden“, so Schröder.

Die „Energie-Diplomatie“ des französischen Präsidenten trägt Früchte: Vergangene Woche war Macron zum Staatsbesuch in Algerien.

Foto: IMAGO/NurPhoto

Gemeint ist die sogenannte Odorierung: In Frankreich werden dem Gas auf der Fernleitungsebene als Sicherheitsmaßnahme Geruchsstoffe zugesetzt. In Deutschland passiert dies erst auf lokaler Ebene. Odoriertes Gas ist für deutsche Fernleitungen nicht zugelassen. Die Bundesnetzagentur deutete am Montag aber eine Ausnahme an.

Man halte die Risiken für vertretbar und sei in „intensiven Gesprächen mit Frankreich“, sagte Behördenpräsident Klaus Müller. Bereits im Oktober könnte demnach Erdgas auch über Frankreich nach Deutschland fließen.

Frankreich verfügt über vier LNG-Terminals. Paris hatte der Bundesregierung angeboten, dass auch Deutschland über diese Infrastruktur Gas beziehen könnte. Aus dem französischen Energieministerium verlautete, dass man der Bundesrepublik etwa zwei Prozent ihres Gasverbrauchs im Winter liefern könnte. Der angestrebte Deal mit Algerien würde es Frankreich erleichtern, diese Offerte tatsächlich einzulösen.

Denn das Nachbarland sorgt sich ebenfalls um seine Energiesicherheit in den Wintermonaten, die auch durch eine vorübergehende Abschaltung verschiedener französischer Atomkraftwerke gefährdet ist.

Algerien ist Afrikas größter Erdgasexporteur und deckt bislang rund elf Prozent des europäischen Gasverbrauchs ab. Vor allem für Italien und Spanien ist algerisches Gas von Bedeutung. In den deutschen Statistiken taucht das nordafrikanische Land dagegen nur unter den sonstigen Lieferanten auf.

In Frankreich gehörte Algerien mit bislang immerhin gut acht Prozent Marktanteil zwar zu den bedeutenderen Gaslieferanten, liegt aber deutlich hinter dem wichtigsten Importland Norwegen (36 Prozent). Macron warnte daher auch vor zu großen Hoffnungen. „Wir befinden uns nicht in einer Entwicklung, in der das algerische Gas das Blatt wenden kann“, sagte er.

Das liegt nach Einschätzung von Experten auch daran, dass das nordafrikanische Land seine Exportkapazitäten zumindest kurzfristig nicht stark steigern kann. Der Investitionsbedarf für die Erschließung neuer Gasfelder und die Modernisierung der Anlagen ist groß. Die Vorkommen werden außerdem benötigt, um den wachsenden Energiebedarf im eigenen Land zu decken.

Doch algerisches Gas ist in Europa begehrt. Für Spanien war das Land jahrelang der mit Abstand größte Gaslieferant, zwei Pipelines führen von dort auf die Iberische Halbinsel.

Die Maghreb-Europa-Gas (MEG) läuft allerdings über Marokko und wurde von Algerien wegen eines Streits mit dem Nachbarland über die Westsahara im Herbst vergangenen Jahres stillgelegt.

Politische Spannungen bedrohen Gasexporte

Marokko hat die Westsahara annektiert und bekam in der Frage zuletzt Rückendeckung aus Madrid; Algerien versteht sich dagegen als Schutzmacht des Territoriums, einer ehemaligen spanischen Kolonie. Zwar vereinbarte Madrid mit den Algeriern eine Aufstockung der Lieferungen durch die zweite Pipeline namens Medgas, die direkt unter dem Mittelmeer nach Spanien führt.

Dennoch bezog das südeuropäische Land in den ersten sieben Monaten dieses Jahres nur noch 24,5 Prozent seiner Gasimporte aus Algerien – und der Anteil könnte angesichts der politischen Spannungen zwischen Algier und Madrid weiter fallen.

Italien hat die Lage genutzt, um seinerseits mit Algerien höhere Liefermengen zu vereinbaren. Das Gas fließt über die Transmed-Pipeline, die durch das Mittelmeer nach Sizilien führt. Seit dem Frühjahr umgarnte die Regierung von Mario Draghi die Algerier und sicherte sich zusätzliche vier Milliarden Kubikmeter zu den schon vereinbarten 21 Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr. Für Italien, das wie Deutschland besonders stark von russischen Energieimporten abhängig ist, ist das nordafrikanische Land mittlerweile der wichtigste Gaslieferant.

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Erstpublikation: 29.08.2022, 19:56 Uhr

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