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AnalyseWarum Russland türkische Soldaten als Terroristen sieht

Die Lage in Syrien ist eskaliert – und Russland rechtfertigt den Militärschlag. Die türkischen Soldaten hätten sich unter Terrorkämpfern aufgehalten.André Ballin 28.02.2020 - 14:38 Uhr

Bei den Gefechten in Idlib seien auch türkische Soldaten getötet worden.

Foto: AFP

Moskau. Russland macht die Türkei für die tödliche Eskalation in Syrien verantwortlich: Die Armee von Baschar al-Assad hat laut russischem Verteidigungsministerium in der syrischen Provinz Idlib den Versuch einer heftigen Offensive der Rebellen abgewehrt. Bei den Gefechten sei auch eine Gruppe türkischer Soldaten getötet worden, bestätigte der Kreml.

Doch das sei nur geschehen, weil sich die türkischen Militärs unter die Terroristen gemischt hätten, sagte ein Sprecher des Ministeriums. In der Region, genauer Im Umkreis der Siedlung Bechun, seien „keine Soldaten gewesen, und es hätte dort auch keine geben dürfen“, lautet die offizielle Verlautbarung von russischer Seite unter Bezug auf Koordinaten, die die türkische Seite an das russische Zentrum für Aussöhnung geschickt habe.

Das russische Verteidigungsministerium hat zwar erklärt, die eigene Luftwaffe sei nicht an den Attacken gegen das türkische Militär beteiligt gewesen, in der Reportage des staatlichen Senders VGTRK am Abend klang das hingegen völlig anders an: „Die syrischen Soldaten werden von der Luftwaffe gerettet – von der syrischen und der russischen“, еrklärte Jewgeni Poddubny, Nahost-Korrespondent des kremlnahen Senders. Syrische und russische Flugzeuge hätten ein ums andere Mal die islamistischen Milizenkämpfer gestoppt.

Seit der Nacht zu diesem Freitag stehen die Zeichen auf offenen Krieg zwischen der Türkei und dem von Russland unterstützen syrischen Assad-Regime. Präsident Putin ist nicht bereit, den Einfluss in Syrien mit der Türkei zu teilen, die im Bürgerkrieg islamistische Rebellen unterstützt.

2018 hatte Putin mit Erdogan ausgehandelt, dass die Türkei die Al-Qaida-nahe islamistische Miliz Haiat Tahrir al-Scham (HTS) beseitigen und dadurch die Grenzgebiete im Nordosten des Bürgerkriegslandes kurzzeitig kontrollieren solle. Darauf besteht Russland weiterhin. Nach Moskauer Angaben hatte sich die Türkei nicht daran gehalten und ihre Truppen seien sogar zum Zeitpunkt des Angriffes mit der HTS unterwegs gewesen.

Auf die Luftschläge in der Nacht hat Präsident Recep Tayyip Erdogan unter anderem mit Gegenschlägen auf syrische und russische Stellungen reagiert. Zudem will er Flüchtlinge im Land nicht mehr an einer Weiterreise nach Europa hindern.

Poddubny charakterisierte die Gegner Assads – die Türken – dabei als Al-Qaida-Kämpfer, die von der türkischen Armee „offen unterstützt werden“. So nähmen die Türken russische Flugzeuge mit mobilen Luftabwehrraketen unter Beschuss. Der Nahost-Korrespondent vermeldete direkte Zusammenstöße zwischen den Streitkräften beider Länder.

Erinnerungen an Jet-Abschuss 2015

So nah an einem Krieg waren Russland und die Türkei seit 2015 nicht mehr. Damals hatte die türkische Luftwaffe einen russischen Kampfjet an der türkisch-syrischen Grenze abgeschossen, woraufhin Moskau die Beziehungen zu Ankara abbrach.

Ein Jahr lang herrschte zwischen den beiden Nachbarn politische Eiszeit. Russland verhängte ein Embargo auf türkische Waren, stellte Charterflüge ein und sprach eine Reisewarnung aus, die den Tourismussektor in der Türkei stark schädigte. Erst nach einer schriftlichen Entschuldigung Erdogans im Juni 2016 versöhnten sich beide Nationen und bildeten eine komplizierte Allianz in Syrien.

Diese wurde wegen der unterschiedlichen Interessen mehr als einmal auf eine harte Probe gestellt. Während die Türkei – auch militärisch – die eigene Einflusssphäre zu vergrößern sucht, hat Kremlchef Wladimir Putin in den letzten fünf Jahren mit seiner Luftwaffe quasi im Alleingang alle Gegner Assads weggebombt, dem syrischen Diktator damit zum Machterhalt und sich selbst zu Militärbasen am Mittelmeer verholfen.

Doch bislang achtete Russland dabei stets darauf, die Sicherheitsinteressen der Türken entlang ihrer eigenen Grenze zu beachten. Mit der neuen Offensive der syrischen Armee gegen die von Rebellen gehaltene Grenzregion Idlib, musste der Zusammenstoß zwangsläufig kommen.

Als Begründung für die syrische Offensive nennt der Kreml die anhaltende Tätigkeit von Terroristen in Idlib. Allerdings pauschalisiert Moskau seit langem alle Gegner Assads als Terroristen. In dem Zusammenhang wirft Russland wirft nun der Türkei einen Bruch des Sotschi-Abkommens vor.

Im russischen Schwarzmeerkurort hatten sich Russlands Präsident Wladimir Putin und sein türkischer Amtskollege Recep Tayyip Erdogan noch auf die Bewahrung des Status Quo in Syrien geeinigt. 

Verbündung mit Assad?

Doch in dem Abkommen steht auch, dass beide Seiten Terroristen auf dem jeweils unter ihrer Verantwortung stehenden Gebiet bekämpfen. Nach Ansicht der russischen Führung hat die Türkei dies nicht nur versäumt, sondern sich darüber hinaus mit diesen verbündet, indem sie die Angriffe Assads versucht haben zu stoppen.

Wie es weitergeht, ist noch unklar. Die Töne aus Moskau werden aber – ähnlich wie in Ankara – immer schärfer: Außenminister Sergej Lawrow lehnte es ab, die Offensive der syrischen Armee zu stoppen. Diese habe ein Recht, weiter gegen Terroristen auf ihrem Gebiet vorzugehen, sagte er. 

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Der Vizechef des Außenausschusses im Föderationsrat Wladimir Dschabarow erklärte unterdessen, die „illegalen Handlungen“ der Türkei drohten einen „ernsten und gefährlichen“ Konflikt zwischen beiden Ländern heraufzubeschwören. „Ich hoffe, die Türken machen nicht zweimal den gleichen Fehler in Bezug auf Russland“, warnte er vor einem erneuten Abschuss russischer Flugzeuge. Dass es Russland in dem Fall erneut allein bei wirtschaftlichen Sanktionen belassen würde, scheint ausgeschlossen.

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