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Davos„Wir brauchen alles so schnell wie möglich“ – Die Ukraine ist der traurige Star des Weltwirtschaftsforums

Der ukrainische Präsident Selenski fordert in Davos weitere Sanktionen gegen Russland und Waffenlieferungen. Noch ist die internationale Unterstützung für die Ukraine hoch.Nicole Bastian, Torsten Riecke 23.05.2022 - 16:18 Uhr Artikel anhören

„Die Welt ist vereint, und ich bin der Welt dankbar dafür“, sagte der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski in einer Videoschalte beim Weltwirtschaftsforum in Davos.

Foto: Bloomberg

Davos. Wolodimir Selenski drängt: „Die Ukraine hat keine Zeit. Und niemand weiß, wie viel Zeit Europa hat“, sagt der Präsident der Ukraine im olivfarbenen T-Shirt aus Kiew. Er ist in den vollen Kongresssaal von Davos zugeschaltet, wo derzeit das Weltwirtschaftsforum stattfindet.

Schnell müssten weitere Waffen geliefert werden, schnell müsse die internationale Gemeinschaft ihre Sanktionen gegen Russland verschärfen. „Wir brauchen alles so schnell wie möglich“, sagt Selenski.

Der Präsident fordert, kein russisches Öl mehr zu kaufen, alle russischen Banken ohne Ausnahme zu sanktionieren und den russischen IT-Sektor mit einem Embargo zu belegen. Westliche Marken müssten sich vollständig aus dem russischen Markt zurückziehen, verlangt Selenski. „Mit maximalen Kräften“ müsse die internationale Gemeinschaft der russischen Führung zeigen, dass sich ihre Aggression nicht auszahle.

„Die Welt ist vereint, und ich bin der Welt dankbar dafür“, wandte sich der Präsident an die internationale Politik und die Wirtschaftsvertreter aus aller Welt. „Ich wünsche mir, dass Sie das Gefühl der Einheit nicht verlieren.“

Nicht nur wird in der EU derzeit heftig über ein Ölembargo gestritten, das sich vor allem wegen des Vetos Ungarns immer weiter in die Länge zieht. Selenski weiß auch, dass ein lang anhaltender Krieg es den Politikern international erschweren wird, das hohe Maß an Rückhalt in ihrer Bevölkerung aufrechtzuerhalten.

Noch – nach mittlerweile drei Monaten Krieg – ist die internationale Unterstützung für die Ukraine hoch. In Davos zollen Selenski alle im Saal stehend Applaus am Ende seiner Rede. Forumsgründer Klaus Schwab versichert: „Wir stehen vereint hinter euch.“

Das ukrainische Kabinett ist in Davos prominent vertreten: Wirtschaftsministerin Yulia Svyrydenko ist vor Ort, ebenso Außenminister Dmytro Kuleba und Europaministerin Olga Stefanishyna.

Foto: IMAGO/ZUMA Wire

Kein Thema dominiert das Weltwirtschaftsforum so sehr wie Moskaus Angriffskrieg in der Ukraine und seine Folgen. Eine russische Delegation gibt es in diesem Jahr nicht, dafür ist das ukrainische Kabinett in Davos prominent vertreten: Wirtschaftsministerin Yulia Svyrydenko ist vor Ort, ebenso Außenminister Dmytro Kuleba, Europaministerin Olga Stefanishyna, Digitalminister Mykhailo Fedorov.

Am Mittwoch sollen „CEOs for Ukraine“ ihre Unterstützung in einem eigenen Programmpunkt zeigen. Und doch ist das Eliteforum weit entfernt vom Alltag Selenskis, der sich, wie er erzählt, jeden Morgen als Erstes die Zahl der Kriegstoten nennen lässt.

Dort, wo traditionell das russische Haus in Davos steht, hat das Präsidentenamt in Kiew in Zusammenarbeit mit der Stiftung des ukrainischen Geschäftsmanns Victor Pinchuk in diesem Jahr ein „Haus der russischen Kriegsverbrechen“ geschaffen.

Zehn Gehminuten vom Kongresszentrum entfernt hängen dort Bilder von verletzten Zivilisten, zerbombten Wohngebäuden und ukrainischen Massengräbern. Augenzeugen wie eine junge Ärztin aus Mariupol oder der Bürgermeister aus Butcha berichten von ihren Erlebnissen.

In Kiew verurteilt just am Montag ein ukrainisches Gericht im ersten Prozess nach Kriegsausbruch am 24. Februar einen 21 Jahre alten russischen Soldaten zu lebenslanger Haft, weil er einen unbewaffneten ukrainischen Zivilisten erschossen habe. „Wir sehen den Genozid fast online“, sagt Oligarch Pinchuk in Davos.

Als Zeichen an Moskau, aber auch zur Finanzierung der hohen Kosten in der Ukraine fordert Selenski die Konfiszierung der bisher nur eingefrorenen russischen Vermögenswerte. Die Hunderten Milliarden Dollar sollten nach seinem Willen in einen Hilfsfonds für die Ukraine fließen. Auch hier findet er Unterstützer: „Es gibt juristische Herausforderungen, aber die sollten wir lösen“, sagt etwa der lettische Präsident Egils Levits.

Selenski: Ukraine braucht fünf Milliarden Dollar jeden Monat

Die Ukraine brauche viel Geld. Fünf Milliarden Dollar jeden Monat, rechnet Selenski vor. Unternehmerin Julia Kiryanova, Chefin der Industriebeteiligungsgesellschaft Smart Holding mit Sitz in Kiew, rechnet für ihre Firmenbeteiligungen vor, dass sie im gesamten Portfolio einen Rückgang um rund 50 Prozent der Produktion sehe.

Besonders hoch sei der Rückgang bei Stahl, weil in Mariupol zwei Stahlwerke nicht mehr funktionsfähig seien. Die Weizenproduktion sei um gut ein Drittel gesunken. „Aber wir leben“, sagt die Firmenchefin. „Und wir schauen in die Zukunft. Sonst sind wir tot – und das will der Feind.“

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Selenski bittet deshalb um Hilfe, einen Transportkorridor im Schwarzen Meer einzurichten, damit die ukrainischen Agrarprodukte das Land verlassen könnten. Derzeit blockieren russische Soldaten die ukrainischen Häfen. Dazu habe er Gespräche mit den Staats- und Regierungschefs in Großbritannien und Polen, der Schweiz und der Türkei geführt, sagte Selenski.

Auch Kremlkritiker Bill Browder spricht sich dafür aus, dass der Westen eine Schutzzone im Schwarzen Meer einrichtet, um Nahrungsmittelexporte aus der Ukraine wieder zu ermöglichen. Er teilt den Eindruck Selenskis, dass der Ukraine die Zeit davonlaufe. „Die Sanktionen des Westens gegen Russland sind nur teilweise erfolgreich. Die Zeit arbeitet für Putin“, urteilt der US-Amerikaner, der die Kapitalanlagegesellschaft Hermitage Capital leitet.

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„Je länger wir seine Macht mit Energiekäufen sichern, desto größer wird die Gefahr, dass es in westlichen Ländern wegen der explodierenden Lebenshaltungskosten zu sozialen Unruhen oder einer neuen Welle des Populismus kommt.“

Die beste Möglichkeit, Russlands Präsident Wladimir Putin zu schwächen, sei es, der Ukraine mit militärischer Hilfe zum Sieg zu verhelfen. Genauso sieht es die ukrainische Abgeordnete Yevheniia Kravchuk. „Die beste humanitäre Hilfe für die Ukraine derzeit sind Waffen“, sagt sie. „Mit Waffen verhindern wir einen weiteren Krieg.“

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