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Deutschland und der Russland-KomplexDer schwierige Nachbar

Deutsche und Russen können seit tausend Jahren nicht voneinander lassen. Beide beschritten Sonderwege, begegneten sich oft als Feinde. Auch jetzt steckt die Beziehung in der Krise. Höchste Zeit für eine neue Ostpolitik.Katja Gloger 06.10.2017 - 06:09 Uhr Artikel anhören
Foto: Miriam Migliazzi & Mart Klein

Zwei Besuche, zwei Staatsmänner, Kanzler außer Diensten der eine, Bundespräsident a. D. der andere: Gerhard Schröder und Joachim Gauck. Zwei ausführliche Gespräche über Deutschland und Russland, gern haben sie zugesagt.

Das Thema ist ihnen politisch wichtig, auf gewisse Weise fasziniert es sie sogar. Beide in gewissem Sinn „Russland-Versteher“ – doch unterschiedlicher könnten ihre Positionen kaum sein. Der eine fordert Annäherung und Ausgleich. Der andere verlangt Abgrenzung und Abstand. Der eine wünscht Freundschaft um nahezu jeden Preis – der andere ist überzeugt: Mit Autokraten darf man nicht kungeln, auch wenn sie noch so gut Deutsch sprechen.

Foto: Handelsblatt

Zwei Staatsmänner, zwei Positionen, die sinnbildlich für ein außerordentliches Verhältnis stehen, das in eine tiefe Krise gerutscht ist. Sie verdeutlichen, wie schwer sich die Deutschen tun, einen Umgang mit Putins Russland zu finden und seiner „souveränen Demokratie“. Mit einem Mann, zweifacher Großvater, der nun schon fast 18 Jahre lang über Russland herrscht – und damit länger regiert als Angela Merkel. Ein Mann im Zenit seiner Macht, der die „post-westliche“ Zeitenwende erklärt und Russlands Abkehr vom Westen als Erfüllung einer historischen Mission propagiert.

Misstrauen und Entfremdung, Sanktionen und gegenseitige Schuldzuweisungen, gar Konfrontation und militärische Abschreckung – das deutsch-russische Verhältnis scheint auf einem neuen Tiefpunkt angelangt. Besserung ist nicht in Sicht. Und das ausgerechnet mit einer Kanzlerin, die einst die Russisch-Olympiade in der DDR gewann, die russische Literatur liebt und die sprichwörtliche russische Leidensfähigkeit, die sie einmal so beschrieb: „… die Dinge auch hinzunehmen und zu akzeptieren. Das schafft eine höhere Gelassenheit dem Leben gegenüber.“ Auf der anderen Seite ein Präsident, der fünf Jahre in der DDR lebte und noch immer sehr gut Deutsch spricht, mit einem sanften, weichen Akzent. Sein Verhältnis zu Deutschland, den Deutschen sei „sehr emotional“, sagt auch Gerhard Schröder. Er bewundere das Land für seine Kultur und Effizienz. Seine beiden Töchter hatte er auf die deutsche Schule in Moskau geschickt. Er lese regelmäßig in deutschen Zeitungen, heißt es. Deutschland war immer Putins Tor in die Welt.

Waren nicht „Modernisierungspartnerschaft“ oder wenigstens eine „Positivagenda“ mit Russland Maxime deutscher Außenpolitik noch zu Beginn der Ukraine-Krise 2014? Aber jetzt herrscht eine neue Realität: eine „Konfrontation mit erheblichem Eskalationspotenzial“, so der Frankfurter Konfliktforscher Hans-Joachim Spanger. Es droht ein neuer Kalter Krieg in Europa. Und manche sagen: Wir stecken schon mittendrin. Um des Friedens in Europa und der deutschen Verantwortung vor der Geschichte willen: „Frau Merkel“ müsse alles daransetzen, diesen neuen Kalten Krieg zu verhindern.

So sieht es Gerhard Schröder, ein trotzig unabhängiger Mann, der gegen sehr großzügige Bezahlung in russischen Diensten steht. Als langjähriger Cheflobbyist des umstrittenen Pipeline-Konsortiums Nord Stream sowie als frisch gewählter Aufsichtsratsvorsitzender des mehrheitlich staatlichen Ölkonzerns Rosneft unterstützt er faktisch Putins Politik – in der Ukraine und anderswo. Der Vorwurf, ein „Söldner des Kremls“ zu sein und „blutiges Geld“ („Bild“-Zeitung) zu kassieren, lässt ihn erstaunlich kalt. Für ihn geht es wohl um mehr als nur ums Geld. Vielmehr will Schröder seine Russland-Aktivitäten in der Tradition deutscher Ostpolitik sehen: Geschäfte als Friedenspolitik. Über gut zwei Stunden streckt sich das Gespräch in seinem Büro in Hannover. Immer wieder kommt Schröder dabei auf den Zweiten Weltkrieg zu sprechen, seine Begegnungen mit russischen Veteranen, auf das „Wunder des Verzeihens“, wie er sagt. Gerhard Schröder hat eine „Seelenverwandtschaft“ zwischen Deutschen und Russen ausgemacht, einen „Gleichklang“ gar: „Es stabilisiert und sichert den Frieden in Europa, wenn diese beiden Länder gute Beziehungen pflegen.“

Deutsche Russlandpolitik, davon ist der Altkanzler überzeugt, müsse immer auf Ausgleich und Verständigung mit Russland zielen. Schließlich habe Wladimir Putin einem neuen, einem besseren Deutschland die Hand zur „historischen Aussöhnung“ gereicht. Außerdem stünde es Deutschland, seiner Kanzlerin, gut an, endlich auf gebührenden Abstand zu den USA zu gehen: „Die USA sind an einem schwachen Russland interessiert.“

Merkwürdige Nachsicht

Foto: Handelsblatt

Auf Russland zugehen, die Sanktionen beenden, die Annexion der Krim einfrieren sowie russische Einflusszonen etwa in der Ukraine faktisch hinnehmen: Da propagiert einer Nähe und Freundschaft um beinahe jeden Preis. Wladimir Putin? Ein Reformer, der ein eigentlich nicht reformierbares Land regieren muss. Ihm bleibt Schröder in Freundschaft verbunden – egal, wie laut die Kritik der deutschen Mainstream-Medien dröhnt. Das gebiete allein schon die Loyalität unter „ordentlichen Männern“, wie er sagt. So manifestiert sich deutsch-russische Seelenverwandtschaft von Mann zu Mann.

Da ist der andere, Joachim Gauck: Pfarrer, DDR-Bürgerrechtler, Stasi-Beauftragter, Bundespräsident, Levitenleser. Ein eher regnerischer Nachmittag in seinem neuen Büro in der Berliner Dorotheenstraße, hell und aufgeräumt. Eine kleine Ironie der Geschichte dabei nur, dass Gauck im Gebäude des ehemaligen DDR-Justizministeriums untergebracht wurde. Es ist eines seiner ersten Interviews nach Ende seiner Amtszeit; er will eher sparsam sein mit öffentlichen Äußerungen. Doch er möchte einmal Klartext über Putin, Russland und die Deutschen reden. Als Bundespräsident hatte er Wladimir Putin einmal treffen müssen. Eine protokollarisch notwendige Begegnung mit dem damals zum dritten Mal gewählten russischen Präsidenten, der im Mai 2012 zum Antrittsbesuch nach Berlin gekommen war. So knapp wie möglich der obligatorische Händedruck. Anflüge eines Lächelns fürs Protokoll.

Man habe ein „sehr offenes“ Gespräch über die Entwicklung des Rechtsstaats geführt, lautete die offizielle Darstellung der Begegnung; später war zu hören, es habe ziemlich geknallt. Zu einem Gegenbesuch in Moskau ließ es Gauck gar nicht erst kommen. Er weigerte sich auch, Putin zur Eröffnung der Olympischen Winterspiele im subtropischen Sotschi die Ehre zu erweisen.

Gauck ist nie nach Russland gereist. Doch mit Männern wie Wladimir Putin hat er sein Leben lang zu tun gehabt, diesen furchterregend gehorsamen Geheimdienst-Offizieren. Sein Vater saß fast vier Jahre in Stalins sibirischem Gulag; er selbst lebte unter der Herrschaft der in Moskau so brutal geschulten SED-Kader. Später löste er als erster Stasi-Beauftragter einen der mächtigsten Ost-Geheimdienste auf. Kilometerlang die Akten seiner Opfer. Kilometerlang die Akten der Täter. Joachim Gauck nimmt für sich in Anspruch, ein „Macht-Versteher“ zu sein.

Bundespräsident Gauck muss laut Protokoll Putin treffen. Der Händedruck fällt äußerst knapp aus.

Foto: Imago

Woher also diese merkwürdige deutsche Nachsicht mit einem autoritären Herrscher, woher die „leuchtenden Augen“ all der „Putin-Versteher“, in die er noch immer blicke? Warum so viel Verständnis für einen, der in Europa gewaltsam Grenzen verschob und westliche Werte demonstrativ verachtet? Woher diese Faszination für den Kader eines monströsen Geheimdienstes, der sein Land auf Feinde aller Art einschwört, Angst und Aggression in die Herzen der Menschen pflanzt? Nur weil er Globalisierungsängste und AfD-Wut auf Eliten spiegelt, profunden deutschen Antiamerikanismus nährt?

Für Gauck grenzt der manchmal so milde deutsche Blick auf den Autokraten an nahezu „groteske Realitätsverweigerung. Putin war ein Agent der Unterdrücker. Er zählt zu den führenden Figuren einer Internationalen, die sich zu unterschiedlichen Zeiten immer wieder neu gebildet hat: der Internationalen der Antimoderne.“

Die Kriegsschuld und die historische Verantwortung Deutschlands gegenüber Russland und der ehemaligen Sowjetunion gebieten Verständnis und Unterstützung für die Opfer autoritärer Politik – nicht für die Täter. Daran habe sich deutsche Russlandpolitik zu messen: „Wir sollten uns fragen, ob wir wirklich Anwälte derer sein sollten, die unseren Werten feindlich gegenüberstehen. Vielmehr sind wir auch durch unsere Schuld veranlasst, Anwälte derer zu sein, denen Unrecht geschieht.“

Sei es um den Preis einer langen Eiszeit, der Abkehr, vielleicht gar einer Konfrontation: Die Deutschen, so Gauck, müssen endlich Abschied nehmen von ihren russischen Illusionen. Viel zu lange pflegten sie ein Wunschbild von Russland, das es so nie gab. So kann man Gauck verstehen: Die Zeit der Anbiederungen ist vorbei.

Misstrauen und Entfremdung.

Foto: Jochen Eckel/SZ Photo/laif
Foto: Handelsblatt

In keinem anderen westlichen Land wird so leidenschaftlich um Russland und seine Zukunft gerungen wie in Deutschland; kein anderes westliches Land scheint so fixiert auf den entfernten Nachbarn im Osten. Deutsche und Russen: Es ist die Geschichte einer ganz besonderen Beziehung. Sie war – und ist – von Gegensätzen und Widersprüchen geprägt: von Vorurteilen und Furcht, auch von tiefem Hass. Immer wieder waren Deutsche und Russen einander Todfeinde. Aber auch von gegenseitiger Bewunderung, fast mythischer Verklärung. Russland – ein Traumland, „das an Gott grenzt“, schwärmte der Dichter Rainer Maria Rilke. Deutsche und Russen berauschten sich aneinander, „russische Seele“ und „deutsches Wesen“ suchend, überfrachteten sich mit gegenseitigen Projektionen. Es waren auch zwei sich missverstanden fühlende Kulturnationen mit dem gefährlichen Anspruch, dass an ihnen die Welt genesen könne, gar müsse.

Noch immer ist von „Schicksal“ die Rede, wenn es um Deutschland und Russland geht. Deutsche und Russen – Russen und Deutsche: zwei Länder, zwei Völker, die seit tausend Jahren nicht voneinander lassen können. Diese oft unheilvoll verknotete, nahezu schicksalhafte Beziehung hat der Historiker Gerd Koenen einmal als „Russland-Komplex“ beschrieben. Die Sonderwege, die sie betraten, führten immer wieder in den Abgrund.

Mit deutscher Hilfe und teils barbarischen Mitteln drängte der Zar sein Volk Richtung Westen.

Foto: Fine Art Images

Sie fanden als erfolgreiche Händler zueinander. Als mittelalterliches „Weltmeer“ verband die Ostsee jenen multiethnischen Großraum zwischen Skandinavien und der Wolga, in dem die Vorfahren von Russen und Deutschen lebten. Gemeinsame ökonomische Interessen brachten Fernhändler und lokale Eliten zusammen – schon am Anfang der gemeinsamen Geschichte stand also eine im weitesten Sinne deutsch-russische Modernisierungspartnerschaft, in der Technologien (aus dem Westen) gegen Rohstoffe (aus dem Osten) getauscht wurden. Der Aufstieg der Hanse zur Welthandelsmacht etwa wäre ohne das „deutsche“ Russlandgeschäft nicht möglich gewesen.

Geschäfte brachten Deutsche und Russen zusammen. Der Macht- und Wahrheitsanspruch der Kirchen in Rom und Byzanz aber trennte sie von Anfang an. Es entstand eine europäische Kulturgrenze, West und Ost durch den Eisernen Vorhang des Glaubens getrennt. Aufklärung und Emanzipation, der Aufstieg des Westens, erreichten Russland im Grunde nie. Vielmehr erhoben russische Zaren als autokratische Herrscher von Gottes Gnaden und Hüter des wahren – orthodoxen – Glaubens ihren eigenen Anspruch auf Weltbeherrschung. Es machte den entscheidenden Unterschied: In Russland waren die Sphären von Moral, Religion, Staat und Recht nie getrennt – noch heute nicht, in Putins „souveräner Demokratie“.

Den wenigen deutschsprachigen Russland-Reisenden der frühen Zeit war eins gemein: Als Vertreter des moralisch angeblich überlegenen Westens erkundeten sie ein asiatisch anmutendes Reich, das sie im Grunde als unterlegen und rückständig betrachteten. In diesem hierarchischen Verhältnis nahmen Russen immer den niederen Rang ein. Galten als naiv, faul, unberechenbar und grausam: „Barbaren“, die sich freiwillig unterdrücken ließen. Diesen ebenso schlechten wie falschen Ruf wurden die Russen im Grunde nie mehr los – im Gegenteil: Noch Hunderte Jahre später konnte sich Adolf Hitler tiefsitzende Ängste und Vorurteile zunutze machen, als er seine „Ostpolitik“ formulierte – ja, so nannte er sie. Es war die Eroberung des angeblich zu germanisierenden Raums im Osten, die Versklavung und Vernichtung der angeblichen slawischen Untermenschen.

Eine deutsche Prinzessin schrieb russische Weltgeschichte.

Foto: Fine Art Images

Immer wieder lieferten Deutsche russischen Herrschern die Vorlage für autoritäre Modernisierung. Mit deutscher Hilfe stieß Zar Peter der Große seine Untertanen „aus der Finsternis der Unwissenheit“ in die Aufklärung – Richtung Westen. Er trieb seinen Russen mit barbarischen Mitteln die „Barbarei“ aus. Der Gedanke, dass Fortschritt durch Zwang zu erwirken sei, folgte vor allem dem Muster eines „ordentlichen Polizeistaats“ wie in deutschen Ländern. Deutsche trieben Militär- und Verwaltungsreformen voran; sie erforschten Sibirien, erschlossen diesen endlosen, unzähmbaren Raum in gewisser Weise für den „Westen“. Der Aufbau der Russischen Akademie der Wissenschaften in der neuen Hauptstadt mit deutschem Namen – Sankt Petersburg – erfolgte vor allem mit deutschen Gelehrten. In diesem Verhältnis waren die Russen die meist schwer erziehbaren „Lehrlinge“ und die Deutschen ihre „Lehrmeister“, bewundert und gefürchtet zugleich, auch verachtet.

Eine Deutsche, ein energisches Mädchen aus Stettin, vollendete Russlands Aufstieg zum Imperium: Als Ware auf dem unersättlichen Heiratsmarkt europäischer Fürstentümer nach Russland verheiratet, schrieb Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst als Katharina die Große russische Weltgeschichte. Eine Zaren- und Gattenmörderin, die sich an die Macht putschte und 34 Jahre lang unangefochten herrschte. Eine diszipliniert arbeitende Frau mit unbändiger Leidenschaft für einen russischen Lebemann und feinem Gespür für die Nuancen des Möglichen, selbst erklärte Dienerin ihres Volkes, deren Porträt eine Weile auf dem Schreibtisch im Büro von Bundeskanzlerin Angela Merkel stand – aus welchen Gründen auch immer.

1783 ließ die Zarin die Halbinsel Krim annektieren, damit schwand der Einfluss des Osmanischen Reiches in der Schwarzmeer-Region weiter. Jetzt werde Russland seine zivilisatorische Bestimmung als „europäische Macht“ erfüllen, verfügte sie. Die erneute Annexion der Halbinsel im Februar 2014 wurde allerdings eher zum Sinnbild einer russischen Abkehr von Europa. Wurde die Krim von Wladimir Putin doch als faktisch heiliger Ort nationaler russischer Wiederauferstehung positioniert: „Russland wird sich der Unterwerfungspolitik des Westens nicht beugen!“

Deutsche nahmen Schlüsselposten am Zarenhof in Verwaltung und Militär ein, besetzten Ministerposten; sie dienten der „dynastischen Diktatur“ treu und loyal, schon früh erfolgreich im „Russengeschäft“. Ihre Unternehmen wuchsen zu weltumspannenden Handelsimperien; sie verbanden die russischen Märkte mit denen der Neuen Welt, mit Südamerika, dem Nahen Osten und Asien. Und mit Hilfe ihrer Banken besorgten sie gegen hohe Provision auch das notwendige Kapital für die technologische Modernisierung des Zarenreiches.

Foto: Handelsblatt

Sie waren Oligarchen ihrer Zeit, und manche machten unglaublich russische Karrieren.

Gerade einmal 24 Jahre alt, begann der mecklenburgische Pastorensohn Heinrich Schliemann 1846 sein russisches Leben als Handelsagent in Sankt Petersburg. Machte sich selbstständig, importierte Rohstoffe für die boomende russische Textilindustrie, vor allem den blauen Farbstoff Indigo. Während des Krimkriegs schmuggelte Schliemann die kriegswichtigen Munitionsrohstoffe Blei, Schwefel und Chile-Salpeter nach Russland – und verdiente so viel am auch damals schon grenzenlos schmutzigen Geschäft mit dem Krieg, dass er bald zu den reichsten Männern Russlands gehörte. „Ich gelte hier als der schlaueste, durchtriebenste und fähigste Kaufmann“, verkündete er.

Ab 1864 liquidierte der Vielfachmillionär seine russischen Geschäfte und investierte in eine andere Leidenschaft, die Archäologie. Er lernte Altgriechisch und Latein – und dann grub er das antike Troja aus, den sagenumwobenen „Schatz des Priamos“. Als „Schliemann-Gold“ im Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte ausgestellt, war er Anfang Mai 1945 im Flakbunker am Zoologischen Garten ausgelagert, in einer unscheinbaren Kiste verpackt. Der Schatz verschwand nach der Übergabe des Bunkers an die Rote Armee. Ein halbes Jahrhundert lang wusste kaum jemand, dass die Kriegstrophäe in einem der Geheimdepots des Moskauer Puschkin-Museums versteckt wurde, einen Steinwurf nur vom Kreml entfernt. Erst 1996 wurde der Goldschatz – längst als Eigentum des russischen Staates reklamiert – zum ersten Mal wieder der Öffentlichkeit präsentiert. Die Bundesregierung hingegen fordert die Rückgabe der „Beutekunst“ – auch dies eine der verknoteten deutsch-russischen Geschichten.

Im Ersten Weltkrieg standen sie sich als Todfeinde gegenüber: Die imperialistischen Ambitionen der verwandtschaftlich eng miteinander verbandelten Kaiser waren mächtiger als wirtschaftliche Verflechtungen und geistige Annäherungen, als Musik und Literatur. Am Ende richtete die kaiserliche Regierung „die grausigste aller Waffen auf Russland“, wie Winston Churchill später schrieb: den kommunistischen Berufsrevolutionär Wladimir Uljanow, genannt Lenin. In der Tat war er ein Mann, der keine Skrupel kannte.

„Dekomposition“ – die „Zersetzung des Feindlandes von innen“ – gehörte von Anfang an zur deutschen Kriegsstrategie. Für den beim Auswärtigen Amt eingerichteten „Reptilienfonds“ wurden bis 1918 immerhin 382 Millionen Mark für subversive Aktionen aufgewendet. „Dekomposition“ schloss auch die Revolutionierung Russlands ein. Im April 1917 ließ die kaiserliche Regierung Lenin, seine Frau und gut zwei Dutzend Mitstreiter in einem plombierten Eisenbahnwaggon aus dem Schweizer Exil durch Deutschland transportieren, damit sie über Schweden und Finnland nach Russland gelangten. Dort sollte Lenin mit Hilfe großzügiger finanzieller Unterstützung aus Deutschland eine Revolution anzetteln und einen Separatfrieden schließen.

Geistiges Gegenmodell

Die weltgeschichtliche Bedeutung dieser Zugfahrt wurde lange unterschätzt: Tatsächlich gelang es Lenin, wenige Monate später einen Umsturz im kriegsmüden, sozial zerrissenen und hungernden Land herbeizuführen. In dem propagandistisch zur „Oktoberrevolution“ erhöhten, faktisch gekauften Staatsstreich ging 1917 nicht nur das alte Russland endgültig unter, sondern auch das neue Russland der Februarrevolution wenige Monate zuvor; ein Russland erster, vorsichtiger Reformen. Mit Lenins „Rotem Oktober“ nahm das sowjetische Jahrhundert seinen schrecklichen Lauf: der Aufstieg zur Weltmacht, begleitet von Jahrzehnten grenzenloser Gewalt und wahnhaften Terrors, dem Abermillionen Sowjetbürger zum Opfer fielen – bis zu 20 Prozent der Bevölkerung.

Lenins Putsch und das Friedensabkommen mit dem Kaiserreich konnten die deutsche Niederlage verzögern, aber nicht aufhalten. Bald verbündeten sich zwei aus der Weltgemeinschaft Verstoßene, Partner voller Gegensätze und einander doch erschreckend ähnlich: die auf Weltrevolution sinnenden Kommunisten Sowjetrusslands und die nach Revanche trachtenden konservativen Eliten in „Versailles“-Deutschland. Zwei Parias der Weltgeschichte, die fortan in einer „Schicksalsgemeinschaft“ füreinander bestimmt schienen – auch, wenn es um die erneute Eroberung „Zwischeneuropas“ ging, Staaten wie Polen, die bald erneut in den Zangengriff der beiden „Nachbarn“ gerieten.

Einer geistigen Zuflucht gleich, schien Russland für viele Deutsche wie ein Gegenmodell zu einer bedrohlich scheinenden westlichen Moderne mit all ihren Krisen. War dieses angeblich so gottnah „demütige“ Russland nicht ursprünglich und naturnah und gläubig, eine echte Gemeinschaft opferbereiter Menschen? Ein Versprechen auf Erlösung – mit der Vernunft nicht zu begreifen?

Russland schien die Alternative zu einem als apokalyptisch empfundenen entmenschlichten Kapitalismus mit seiner westlichen „Zivilisation“, die nur Elend und Krieg gebracht hatte. Bald nahm ein neuer Russland-Mythos Gestalt an: die deutsch-russische „Schicksalsgemeinschaft“ als Ausdruck einer gemeinsamen Rebellion gegen das Wertegerüst des Westens. „Mit solchen Parolen haben vor 1933 Autoren der Konservativen Revolution eine Westorientierung Deutschlands bekämpft“, so der deutsche Leithistoriker Heinrich-August Winkler über den gefährlichen Mythos einer „Seelenverwandtschaft“ und den geistigen Nährboden von Russland-Sehnsüchten etwa bei der AfD und der Linken.

Bundeskanzler Helmut Kohl (r.) und Außenminister Hans-Dietrich Genscher (l.) sprechen mit dem sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow (M.) über die Wiedervereinigung.

Foto: dpa

„Russland und Deutschland sollen Hand in Hand in die Zukunft gehen“, schrieb Thomas Mann 1921 und fügte emphatisch hinzu: „Es gibt nichts seelisch Wahreres.“ Deutsche und Russen – zwei große, leidende Völker, aber zu gewaltiger Zukunft bestimmt. Quasi natürliche Verbündete, Europa beherrschend. So begann der furchtbare deutsch-russische „Sonderweg“, der zuerst nach Rapallo und zur deutschen Wiederaufrüstung führte und später zum Hitler-Stalin-Pakt, der Kriegsallianz zweier Diktatoren, die sich in bestem Einvernehmen Osteuropa aufteilten.

Dass der Zweite Weltkrieg für die Sowjetunion nicht erst am 22. Juni 1941 begann, sondern mit dem Tag des sowjetischen Einmarsches im Osten Polens bereits am 17. September 1939, dass Wehrmacht und Rote Armee eine gemeinsame Siegesparade abhielten und auch dass die Terror-Geheimdienste Gestapo und NKWD dort ihr Vorgehen koordinierten – all das gehört bis heute nicht zum offiziellen russischen Geschichtsbild, gar einer Erinnerungskultur. In der von Polittechnologen gelenkten staatlichen Erinnerung erhält vielmehr auch Stalin als Feldherr und Wirtschaftsmanager einen Ehrenplatz – und Putins Kulturminister Wladimir Medinskij darf an der Konstruktion einer neuen russischen Wahrheit arbeiten: Er wertete den Hitler-Stalin-Pakt als „kolossalen Erfolg der Stalin’schen Diplomatie“.

Nichts davon mindert die deutsche Schuld. Das Unaussprechliche, das doch immer wieder ausgesprochen werden muss. Was die Deutschen, die Wehrmacht, den Völkern der Sowjetunion antaten, in Babyn Yar und Leningrad und Tausenden Orten im Land, deren Namen in Deutschland so gut wie niemand kennt. Das Zentrum des rassistischen Vernichtungskriegs bildeten Belarus und die Ukraine, heute zweitgrößer Flächenstaat Europas. Auch dies gehört zur Wahrheit über den „Großen Vaterländischen Krieg“. Dass die Sowjetbürger den Deutschen später barmherzig die Hand reichten, grenzt noch immer an ein Wunder.

Das Freundschaftsversprechen vieler Deutscher – auch das eines Gerhard Schröder – speist sich aus dem Gefühl einer Bringschuld angesichts dieses „Wunders des Verzeihens“ ebenso wie die bewusst demonstrierte Trauer eines Joachim Gauck. Ihm gebührt das Verdienst, als Bundespräsident an das Schicksal der mehr als fünf Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen erinnert zu haben, von denen weit mehr als drei Millionen im Elend starben. Auch sie Opfer des deutschen Vernichtungskriegs, die man bald nach Kriegsende vergaß oder ihr Leid gegen das der deutschen Kriegsgefangenen in sowjetischen Arbeitslagern aufrechnete. So funktionierte Geschichtspolitik nach westdeutscher Art.

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Bundeskanzler Gerhard Schröder (l.) und der russische Präsident Wladimir Putin beim Abendspaziergang.

Foto: picture-alliance / dpa

Eine echte Entschädigung für die Überlebenden gab es nie. Erst siebzig Jahre nach Kriegsende ließ sich die Bundesregierung 2015 auf eine symbolische Geste ein, eine sogenannte „Anerkennungsleistung“ von jeweils 2.500 Euro.

Über Jahrzehnte wurden die Wahrheiten über den Krieg verdrängt und beschwiegen, in der Bundesrepublik ebenso wie in der „antifaschistischen“ DDR und der Sowjetunion, dort begraben unter den pompös inszenierten Siegesmythen des „Großen Vaterländischen Krieges“. Erst mit Michail Gorbatschows Glasnost erfuhren die Sowjetbürger die wahre Zahl der Opfer: mehr als 26 Millionen Menschen, darunter wohl bis zu 18 Millionen Zivilisten. Aufgearbeitet, gar bewältigt aber wurde diese Wahrheit nie.

Foto: Handelsblatt

Die Erfahrung des Stalin’schen Terrors und des deutschen Krieges prägte Michail Gorbatschow, das Bauernkind aus der staubigen Steppe des russischen Südens, aufgewachsen in tiefer Armut. Ihm, einem romantischen Idealisten, der an einen demokratischen Sozialismus glaubte, an eine Art zweiten Prager Frühling für die Sowjetunion, fiel es 1989 zu, die Welt zu verändern. Die friedlichen Revolutionäre der DDR, des westlichen Frontstaats des Ostens, hofften darauf, dass es nicht zu einer „chinesischen Lösung“ kommen werde, zur blutigen Niederschlagung der Protestbewegung. Und dieses eine Mal enttäuschte sie der große „sowjetische Bruder“ nicht. Die Mauer fiel. Die rund 400.000 in der DDR stationierten Soldaten der Roten Armee und ihre Panzer aber blieben in den Kasernen; und sie kamen auch dem verzweifelten KGB-Offizier Wladimir Putin nicht zur Hilfe, der sich in der Dresdener Residentur des sowjetischen Geheimdienstes von deutschen Demonstranten umzingelt sah.

Gewalt war für Gorbatschow keine Option mehr. Zwar feierten ihn Amerikaner und Deutsche eine kleine Weile. An „Gorbis“ Vision vom Gemeinsamen Europäischen Haus aber waren sie ebenso wenig interessiert wie an strategischer Wirtschaftshilfe, einer Art Marshall-Plan vielleicht. Und bald wurde aus Michail Gorbatschow ein tragischer Held, ein Lieblingsrusse der Deutschen zwar, aber missverstanden und verachtet im eigenen Land. Dort war er der Verräter, der für den Zusammenbruch der Sowjetunion verantwortlich war, das klägliche Ende einer Supermacht.

Vor allem im Vergleich zum wiedervereinigten Deutschland unweigerlich Verlierer der Geschichte, blieben die Menschen in Russland im Zustand einer kollektiven Demütigung zurück, in dem sie sich im Lauf der Jahre trotzig einrichteten, schwankend zwischen Minderwertigkeitskomplexen und Überlegenheitsgefühlen. Die große demokratische Chance, eine russische Jahrhundertchance, wurde in den neunziger Jahren vor allem von den eigenen korrupten Eliten vertan – und auch Wladimir Putin hatte ja sein ganz eigenes Verständnis von Demokratie und Rechtsstaat. Die Sache wurde nicht einfacher dadurch, dass die Bearbeitung des hochkomplexen postsowjetischen Raums im Wesentlichen der technokratischen EU überlassen wurde und US-Präsident George W. Bush glaubte, die Fackel der Freiheit samt Nato-Mitgliedschaft ausgerechnet nach Georgien und in die Ukraine tragen zu müssen.

Russland gehörte irgendwie zu Europa, blieb aber zugleich außen vor. Mehr als Integration in den Westen aber suchten die russischen Eliten Sicherheit vor dem Westen – eine Einflusszone „privilegierter Interessen“ inklusive. Der Eiserne Vorhang war gefallen. Der Zaun aus Nato-Draht aber blieb, östlich davon eine verwüstete russische Seelenlandschaft.

Die „Stern“-Autorin gemeinsam mit dem sowjetischen Ex-Präsidenten Michail Gorbatschow.

Foto: Handelsblatt

Ausgerechnet in diesen Jahren fehlten in Deutschland Wille und Expertise für eine gewaltige strategische Anstrengung: eine neue Ostpolitik für Osteuropa, die postsowjetischen Staaten und Russland. Zu lange verließ man sich auf die deutsch-russische Männerfreundschaft Schröder-Putin, Russland als Chefsache: Wirtschaftliche Verflechtung vor allem im Energiebereich würde es realpolitisch schon richten – anknüpfend an die ökonomische Komponente der Ostpolitik wie das legendäre Erdgas-Röhren-Geschäft. So wollte sich Gerhard Schröder als ostpolitischer Erbe Willy Brandts positionieren.

Die Ostpolitik Willy Brandts allerdings kungelte nicht mit den Mächtigen wie später etwa Egon Bahr oder Helmut Schmidt, die auf „Sicherheit durch Besänftigung“ setzten: Reformen in Osteuropa und in der Sowjetunion müssten von oben beginnen, hieß es, sie dürften nicht von Bürgerrechtlern und Dissidenten erzwungen werden. Das Volk müsse sich, bitte schön, hintanstellen. Schon früh stellten Kritiker die nicht ganz unberechtigte Frage, woher sich der Westen das Recht nehme, die Repression der Regime einfach wegzuschweigen. Der äußere Frieden brauche den „inneren Frieden“ zwischen Bürgern und ihrem Staat – alles andere sei „närrischste Utopie“. Mit dieser Wahrheit musste der tschechische Bürgerrechtler und spätere Präsident Václav Havel noch Ende 1989 das ostpolitische Establishment der Bundesrepublik konfrontieren.

Eine gewaltige Fehlkalkulation

„Stern“-Autorin Katja Gloger
Seit 25 Jahren versucht Katja Gloger, Russland zu verstehen. Als „Stern“-Korrespondentin erlebte sie Anfang der neunziger Jahre den Zusammenbruch des alten Sowjetregimes und den Aufstieg des neuen Russlands. Sie interviewte Boris Jelzin und Michail Gorbatschow und war die erste westliche Journalistin, die den damals neuen russischen Präsidenten Wladimir Putin über Monate begleiten und sogar bei sich zu Hause besuchen konnte. Putin schmierte ihr Butterbrote und bestand höflich darauf, mit ihr Deutsch zu sprechen – die Sprache, die er hervorragend beherrscht. Er pflegt eine sehr emotionale Beziehung zu Deutschland – und führt sein Land zugleich immer weiter weg vom Westen. Dabei wird wohl in keinem anderen westlichen Land so leidenschaftlich um Russland und dessen Zukunft gerungen wie hier in Deutschland.
Vor diesem Hintergrund begann Glogers Arbeit an ihrem neuen Buch „Fremde Freunde“, mit dem die „Stern“-Autorin Einblicke geben möchte in unsere faszinierende gemeinsame Geschichte, die so tragisch ist wie schön. Das Buch soll helfen, Russland zu entschlüsseln und zu verstehen. Für die Titelgeschichte des heutigen Handelsblatts hat sie ihre wichtigsten Thesen und Erkenntnisse über Putin und seine zerrissene Heimat zusammengefasst. Es ist die Geschichte eines fremden Freundes geworden.

Bundeskanzler Schröder verkaufte seine Russlandpolitik als „europäische Ostpolitik“, gefolgt von Frank-Walter Steinmeiers „Modernisierungspartnerschaft“. Wirtschaftliche Verflechtung schaffe Sicherheit. Und Sicherheit festige den Frieden. Mit der sich seit 2007 abzeichnenden außenpolitischen Wende Putins, spätestens aber 2014 stellte sich heraus, dass diese politische Gleichung nicht stimmte. Es brauchte sie nur einer außer Kraft zu setzen – etwa auf der Krim oder im Osten der Ukraine.

Dabei hatte Wladimir Putin auf das Verständnis der Deutschen gehofft. In seiner Rede über die „Rückkehr der Krim in den Bestand der Russischen Föderation“ hatte er ausdrücklich auf Moskaus Rolle während der Verhandlungen zur deutschen Wiedervereinigung verwiesen: Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, sagte er, wurde „das russische Volk zu einem der größten, wenn nicht dem größten geteilten Volk auf dem Planeten“. Im Gegensatz zu anderen (westlichen) Verbündeten habe Russland den Wunsch der Deutschen nach nationaler Einheit unterstützt. „Ich bin sicher, dass Sie das nicht vergessen haben, und hoffe darauf, dass die Bürger Deutschlands ebenso das Streben der russischen Welt, des historischen Russlands nach Wiederherstellung der Einheit unterstützen.“

Es war eine gewaltige Fehlkalkulation: Denn Angela Merkel lehnte wie auch immer geartete deutsch-russische Sonderbeziehungen schlicht ab, russische Einflusszonen und sentimentale Befindlichkeiten sowieso. Sie fühlte sich von Putin und seiner Politik der Unberechenbarkeit hintergangen, gar belogen. Im Übrigen träfen Deutschland und Russland seit 1939 keine territorialen Verabredungen mehr, hieß es unüberhörbar spitz auch im Auswärtigen Amt. Stattdessen verhängte und verlängerte die EU unter deutscher Führung Sanktionen.

Katja Gloger: Fremde Freunde. Deutsche und Russen – die Geschichte einer schicksalshaften Beziehung Piper Verlag München 2017 560 Seiten ISBN: 978-3827013538 28,00 Euro Foto: Handelsblatt

Heute heißt es in Berlin, man habe Putin „falsch gelesen“, seine strategische Abkehr von Europa nicht sehen wollen. Was man in Berlin unterschätzte: Wladimir Putin fühlt sich stark genug, aus dem nach 1989 etablierten demokratischen Regelwerk wie etwa der Charta von Paris auszubrechen, das nach seiner Auffassung nationalen russischen Interessen zuwiderläuft. Putins neue Außenpolitik trifft auf den Rückzug der USA von der Rolle als Weltordnungsmacht und auf tiefe Verunsicherung im Westen. Dessen innere Zerrissenheit und der vom Kreml propagandistisch befeuerte und finanzierte Aufstieg antieuropäischer Populisten bieten ihm die Chance, einen Weltordnungskonflikt auszutragen. So nutzte der russische Außenminister Sergej Lawrow seinen Auftritt vor der Münchner Sicherheitskonferenz im vergangenen Februar, um dem versammelten sicherheitspolitischen Establishment Wunsch und Willen seines Präsidenten mitzuteilen, nach dem Russland nun den Weg in eine „postwestliche“ Weltordnung einschlage. Die alten Eliten müssten Raum schaffen für eine neue, multipolare Ordnung souveräner Staaten in einer Art Konzert der Großmächte, in der jeder seinen „nationalen Interessen“ nachgehen könne.

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Putin Haltung gegenüber dem Westen, sagt ein Deutscher, der seit vielen Jahren mit ihm befreundet ist, lasse sich auf den Satz reduzieren: „Ihr könnt mich mal!“ Sich moralisch und militärisch wieder auf der richtigen Seite der Geschichte wähnend, definiert sich Putins Russland als Teil des „globalen Nicht-Westens“: „Russland lernt wieder, es selbst zu sein“, wie es in russischen Medien heißt. Und Konfrontation manifestiert sich als deutsch-russische Realität.

Denn Deutschland, so steht zu vermuten, wird Russland und seinem Präsidenten auf dem Weg in die „post-westliche“ Welt nicht folgen. Dieser Weg führt aus Europa heraus und in die historische Sackgasse. Zwar soll Russland für Deutschland immer das wichtigste Land östlich der Grenzen von EU und Nato bleiben, seinen Menschen in Zuneigung verbunden und sie auf der Suche nach dem inneren Frieden unterstützend – denn nichts haben die Menschen in Russland mehr verdient, als endlich in Frieden mit sich selbst und ihren Nachbarn zu leben. Doch Russland ist „für die deutsche Politik nicht wichtiger als die Gesamtheit der deutschen Beziehungen zu seinen östlichen Nachbarn“, so der langjährige SPD-Außenpolitiker Karsten Voigt. Und: „Wer an dem Ziel festhält, langfristig eine europäische Friedensordnung unter Einschluss Russlands zu vereinbaren, sollte nicht aufhören, das Verhalten der russischen Führung an den unverzichtbaren Prinzipien und Normen einer solchen Ordnung zu messen.“

Vielleicht ist es so: Manchmal braucht es Abstand, um einen Neuanfang zu wagen. Um der Freundschaft und des Friedens willen.

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