Interview: „Wir müssen in Serbien das Unternehmertum fördern“
Boris Tadic, Parteichef der NDS, könnte Juniorpartner einer Regierung unter Aleksander Vucic (SNS) werden.
Foto: AFPSerbien wählt am Sonntag ein neues Parlament. Der langjährige serbische Präsident Boris Tadic stellt sich erstmals mit seiner neuen Partei NDS zur Wahl. Der proeuropäische Politiker will das Balkanland mit einem klaren Reformkurs aus der schweren Wirtschaftskrise mit hoher Arbeitslosigkeit holen. Tadic könnte Juniorpartner einer Regierung unter dem bisherigen, national-populistischen Vizepremier Aleksander Vucic (SNS) werden. Der vom früheren italienischen Premier Silvio Berlusconi als 'Georg Clooney des Balkans' bezeichnete Politiker gilt als Marktliberaler. Bei den vorgezogenen Parlamentswahlen werden seiner Partei bis zu zehn Prozent der Stimmen zugetraut.
Herr Tadic, am Sonntag wählt Serbien ein neues Parlament. Was sollten die Hauptziele der neuen Regierung sein, um die schlechte Wirtschaftslage zu verbessern?
Das Hauptproblem ist unsere extrem hohe Arbeitslosigkeit, die mit 28 Prozent einen neuen Rekord erreicht hat. Damit verbunden ist die mangelnde Perspektive für die junge Generation. Außerdem gibt es große soziale Ungerechtigkeiten. 20 Prozent der Bevölkerung verdient beispielsweise mehr als neunmal so viel wie die restlichen 80 Prozent. Serbien hat einen gewaltigen Schuldenberg abzutragen.
Was folgt daraus?
Das ist eine politisch und gesellschaftlich untragbare Situation, die wir schleunigst ändern müssen. Im Ausland wird noch immer die Dramatik unserer ökonomischen Situation unterschätzt. Doch wir müssen schnell Fortschritte machen, sonst ist Serbiens Weg nach Europa in Gefahr.
Was sind ihre Vorschläge?
Wir müssen attraktiver für ausländische Investoren werden. In meinem letzten Regierungsjahr, 2012, hatten wir 2,2 Milliarden Euro an Investitionen internationaler Unternehmen. Davon sind wir mittlerweile weit entfernt. Heute sind es gerade noch 600 Millionen Euro.
Wie kann Serbien wieder attraktiver werden?
Wir müssen Reformen in der Wirtschaft, in der Ausbildung und im Finanzsystem beginnen. Vor 2008, also vor der Pleite von Lehman Brothers, hatten wir ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von über sechs Prozent. An diese Zeiten können wir wieder anknüpfen, wenn wir wirkliche Strukturreformen anpacken. Fiat, Siemens, Bosch, Michelin produzieren in Serbien erfolgreich. Wir haben ein Freihandelsabkommen mit Russland. Das ist ein Wettbewerbsvorteil.
Reicht das wirklich aus?
Natürlich nicht. Wir müssen in Serbien selbst das Unternehmertum umfassend fördern. Nur wenige sind derzeit in der Lage, ein wettbewerbsfähiges Unternehmen zu entwickeln und zu steuern. Das ist ein Riesenproblem für Serbien.
Was kann getan werden?
Wir müssen kleine und mittlere Unternehmen fördern, damit sie zum Motor der wirtschaftlichen Entwicklung werden. Das ist eine meiner Prioritäten. In den vergangenen beiden Jahren hat sich die Regierung zu sehr mit der EU sowie der Bestrafung von korrupten Oligarchen beschäftigt und dabei die marode Wirtschaft vergessen.
Serbien ist mittlerweile ein Beitrittskandidat für die Europäische Union. Wann ist ihr Land für eine Mitgliedschaft bereit?
Wir haben im Vergleich zu anderen südosteuropäischen Ländern eine gute und funktionierende Verwaltung, die sich seit 15 Jahren für diesen Schritt vorbereitet. Ich bin sehr glücklich, dass die jetzige Regierung hier keine Veränderungen vorgenommen hat. Ich glaube aber nicht, dass wir bereits 2018 schon bereit sind, der EU beizutreten.
Wann wird Serbien für die EU bereit?
Ich glaube frühestens im Jahr 2020.
Die bisherige Nicht-Anerkennung des Kosovo ist eine der großen Hindernisse für einen EU-Beitritt. Wann wird Serbien über seinen Schatten springen und das Land diplomatisch anerkennen?
Kosovo wird nicht das zentrale Problem werden. Wir konnten unter meiner Führung in Serbien einen nationalen Konsens erzielen. Das haben wird die Grundlage für eine stabile und friedliche Lösung mit dem Kosovo geschaffen. Die jetzigen Regierungsmitglieder in Belgrad, die früher nationalistische Positionen vertreten haben sind aber in europäische Politik zu unerfahren, um eine dauerhafte Lösung zu finden.
Was bedeutet die Krim-Krise für den Balkan?
Als ich Präsident war, bestand mein Streben darin, Stabilität in die Region zu bringen. An dieser Haltung hat sich nichts geändert. Wir müssen mehr Vernunft in die Diskussion bringen. Heute beschäftigen sich die Menschen in Serbien mehr mit der wirtschaftlichen Situation und nicht so sehr mit Themen wie der Krim oder dem Kosovo.
Wie pro-europäisch ist Serbien heute? Rund ein Drittel der Bevölkerung steht der EU noch immer ablehnend gegenüber.
Alles hängt von der Wirtschaft ab. Wenn es uns mit ausländischer Hilfe gelingt, die hohe Arbeitslosigkeit erfolgreich zu bekämpfen, ist mir nicht bange. Doch eines ist klar, die Europabegeisterung war vor zehn Jahren sehr viel größer als heute.
Was kann Deutschland tun, um Serbien auf den Weg nach Europa zu helfen?
Deutschland ist das Schlüsselland in Europa. Die Regierung in Berlin hat eine hohe Verantwortung. Ich erwarte, dass die Große Koalition in Berlin die lange verfolgte Politik der Austerität modifizieren wird. Serbien muss selbstverständlich alle Kriterien für einen EU-Beitritt erfüllen. Doch wir brauchen Unterstützung von außen.
Wie ist das deutsch-serbische Verhältnis heute?
Die serbische Regierung könnte sich aus meiner Sicht noch sehr viel stärker für eine engere Partnerschaft einsetzen. Unsere Wirtschaft hängt stark von der deutschen Volkswirtschaft ab. Insbesondere Baden-Württemberg und Bayern sind für uns auch als Exportmarkt sehr wichtig. Wir brauchen künftig eine noch engere Zusammenarbeit. Ich bin besorgt, dass in den vergangenen Jahren keine hochrangigen Gespräche mit deutschen Entscheidern geführt wurden.
Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei über 30 Prozent. Wird es zu einer Migrationswelle aus Serbien nach Westeuropa kommen?
Während des Balkankrieges verließen eine halbe Million überwiegend gut ausgebildete junge Menschen unser Land. Damals gingen viele in die USA. Heute erwarte ich aber nicht eine Auswanderungswelle wie damals. Viele hoffen auf eine wirtschaftliche und politische Verbesserung in Serbien.
Sie haben eine neue Partei gegründet. Werden Sie in eine Regierungskoalition gehen?
Das hängt von der Wirtschaftspolitik der neuen Regierung ab. Wir brauchen nachhaltige Lösungen und schnelle Reformen. Wenn das möglich ist, werde ich mich mit meiner Partei gerne daran beteiligen.