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KonjunkturChinas Wirtschaft wächst schneller als erwartet

Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ist im dritten Quartal um 4,9 Prozent gewachsen. Doch insbesondere die Risiken auf dem Immobilienmarkt trüben die Aussichten.Sabine Gusbeth, Mathias Peer, Martin Benninghoff 18.10.2023 - 05:51 Uhr Artikel anhören

Die Wirtschaft in China wächst doch schneller als erwartet.

Foto: dpa

Peking, Bangkok, Düsseldorf. Chinas Wirtschaft ist offiziellen Daten zufolge im dritten Quartal im Vorjahresvergleich um 4,9 Prozent gewachsen und damit schneller als von Experten noch vor Kurzem erwartet. Verglichen mit dem Vorquartal beschleunigte sich das Wachstum auf 1,3 Prozent, wie das Statistikamt am Mittwoch bekanntgab. „Chinas Wirtschaft ist jetzt gesünder als zu jedem anderen Zeitpunkt in den letzten drei Jahren“, betont Derek Scissors, Chefökonom des US-Analysehauses China Beige Book.

Doch angesichts der vielen strukturellen Probleme, die sich bereits vor der Pandemie abzeichneten, sei sie „wahrscheinlich jetzt gesünder, als sie es in den nächsten drei Jahren und darüber hinaus sein wird“. Wenn man sich um Chinas Wirtschaft Sorgen machen wolle, dann um die langfristige und nicht um die kurzfristige Entwicklung.

Die vergleichsweise guten Wirtschaftszahlen für das dritte Quartal scheinen allerdings zum Teil auch durch eine nachträgliche Korrektur der Zahlen des Vorjahresquartals durch Chinas Statistiker begünstigt worden zu sein. Darauf weisen Ökonomen von Natixis und S&P hin. Das weckt einmal mehr Zweifel an den offiziellen Wachstumszahlen.

Trotz der jüngsten Erholung wächst die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt nach dem Ende der strikten Null-Covid-Politik deutlich langsamer als noch zu Jahresbeginn von vielen erhofft. Grund dafür ist eine Kombination aus zyklischen und strukturellen Problemen. Kurzfristig rechnen Experten mit einer Erholung, weil der Konsum wieder steigt, Exporte zulegen und Investitionen in Infrastruktur das Wachstum treiben. Die langfristigen Probleme, insbesondere die Krise auf dem Immobilienmarkt, aber auch die Alterung der chinesischen Gesellschaft trüben jedoch den mittel- bis langfristigen Wachstumsausblick.

Die jüngste Erholung zeigt jedoch, dass es für einen Abgesang auf die chinesische Wirtschaft zu früh ist. Die negative Berichterstattung insbesondere im August sei „zu weit gegangen“, glaubt Andrew Polk, Gründer des auf China-spezialisierten Thinktanks Trivium. Grund dafür sei der Fehlglaube, dass ein Großteil der Probleme struktureller Art seien, allen voran die Immobilienkrise. Polk geht davon aus, dass knapp die Hälfte der jüngsten Wachstumsschwäche auf zyklische Probleme zurückzuführen ist – und hier sieht er „die Talsohle erreicht“.

So mussten die Lokalregierungen bis Ende September sämtliche Anleihen platzieren, die ihnen ihm Rahmen ihres Jahresbudgets zugeteilt wurden. Das eingenommene Geld werde nun bis Jahresende insbesondere in Infrastruktur investiert und sorge damit für Wachstum, so Polk. Anfang kommenden Jahres könnten auch die Exporte wieder stärker wachsen. Unterstützend wirke hier die Abwertung des Renminbi gegenüber dem Dollar, erläutert der Experte.

Die große Unbekannte bleibt jedoch, ob Chinas Konsumenten wieder Vertrauen fassen. Die am Mittwoch veröffentlichten Daten deuten auf eine Erholung des Konsums hin. Die chinesische Zentralbank verweist in einer Analyse darauf, dass es bei vergangenen Krisen rund ein Jahr dauerte, bis die Haushalte ihre „Haushaltsbilanzen repariert“, sprich Schulden abbezahlt oder ein komfortables Finanzpolster aufgebaut hatten. Anschließend waren sie wieder bereit, größere Ausgaben zu tätigen.

Immobilienkrise hält an – Vertrauen er Verbraucher ist schwach

Angesichts der anhaltenden Immobilienkrise und der Tatsache, dass rund drei Viertel des Vermögens der privaten Haushalte in Immobilien stecken, ist unklar, wie nachhaltig die Erholung des Konsums ist. Die Staatsführung will nun offenbar, dass die Chinesen verstärkt in Aktien und Fonds investieren statt in den kriselnden Immobiliensektor. Mit steigenden Kursen steigt auch die Konsumbereitschaft, so das Kalkül. Experten bezweifeln jedoch, dass dieser Plan aufgeht.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat zuletzt die Wachstumsprognose für China sowohl für das laufende als auch für das kommende Jahr erneut nach unten korrigiert. Er rechnet 2023 mit einem Zuwachs von fünf Prozent (bislang 5,2 Prozent) und 2024 mit einem Plus von 4,3 Prozent (bislang 4,6 Prozent). Anfang 2023, nach dem Ende der strengen Null-Covid-Politik, hatte der IWF noch optimistischer auf die wirtschaftliche Entwicklung geblickt. Als Hauptgrund für die chinesische Schwäche wird die anhaltende Immobilienkrise im Land genannt.

Große Bauträger wie Evergrande und Country Garden kämpfen mit Zahlungsschwierigkeiten und hoher Verschuldung. Der IWF nennt in seinem Bericht ausdrücklich Country Garden, das lange Zeit als stabil und vertrauenswürdig galt. Dass das Unternehmen mit rund 70.000 Mitarbeitern in Liquiditätsschwierigkeiten geraten ist, sei „ein Zeichen, dass sich die Immobilienkrise auf stärkere Bauträger ausbreitet“, schreibt der IWF.

Chinas Immobiliensektor steckt in einer tiefen strukturellen Krise.

Foto: Reuters

Chinas Führung müsse deshalb die „Umstrukturierung angeschlagener Bauträger“ beschleunigen, Wohnungsbauprojekte fertigstellen und die „wachsende Belastung von Kommunalfinanzen“ angehen, rät der Währungsfonds. Chinas Kommunen sind – in unterschiedlicher Ausprägung – von Einnahmen aus dem Verkauf von Grundstücken angewiesen.

Der IWF warnt zudem vor gravierenden wirtschaftlichen Schäden durch eine zunehmende Abkopplung des Westens von China. Die Volksrepublik selbst hätte nach Berechnungen der IWF-Volkswirte am meisten unter einer solchen Politik zu leiden – mit einem langfristigen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 6,8 Prozent als Folge der sinkenden Nachfrage. Doch auch für die westlichen Staaten wäre die Distanzierung von China kostspielig – vor allem, weil sich Importe verteuern dürften: Für die Europäische Union veranschlagt der Bericht im sogenannten „Friendshoring"-Szenario einen Wohlfahrtsverlust von knapp zwei Prozent.

„Die De-Risking-Politik der großen Volkswirtschaften führt zu einer potenziell signifikanten Wachstumsbremse“, heißt es in einem am Mittwoch in Singapur vorgestellten Bericht der Organisation. Sie beziffert die globalen Wohlstandsverluste auf 1,8 Prozent der Wirtschaftsleistung, sollten die OECD-Länder ihre Handelsbeziehungen mit China zurückfahren – und stattdessen verstärkt auf eine Produktion in befreundeten Ländern setzen.

Kurzfristig bleibt Asien-Pazifik-Raum weiter der Motor der Weltwirtschaft:

Schlechte Nachrichten beinhaltet der Report aber auch für jene Länder in Asien, die darauf hoffen, von den geopolitischen Spannungen zu profitieren: So versuchen sich Indien und mehrere südostasiatische Länder wie Indonesien und Vietnam als China-Alternativen in den Lieferketten in Position zu bringen.

Tatsächlich können sie laut dem IWF-Modell zunächst damit rechnen, dass ihre Exporte beliebter werden. Doch die wirtschaftlichen Probleme durch eine Abkopplung von China im Westen und in der Volksrepublik selbst würden anschließend zu einer spürbar niedrigeren Gesamtnachfrage führen. Die positiven Folgen der Handelsumlenkung würden sich dadurch sowohl in Indien als auch in Südostasien ins Negative verkehren, schreiben die IWF-Ökonomen.

Noch größer wären die Schäden dem Bericht zufolge, sollten sich die OECD-Staaten – zu der Gruppe gehören neben den meisten europäischen Ländern unter anderem auch die USA, Australien und Japan – statt zum „Friendhoring“ für das „Reshoring“ entscheiden, also die Produktion verstärkt wieder ins Inland holen. Dann droht den Ländern Südostasiens laut IWF ein Wohlstandsverlust von mehr als neun Prozent der Wirtschaftsleistung – die Region wäre damit noch stärker getroffen als China selbst.

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Kurzfristig bleibt der Asien-Pazifik-Raum laut IWF aber weiter der Motor der Weltwirtschaft: Die Region steht laut dem neuen „Regional Economic Outlook“ der Organisation für zwei Drittel des globalen Wirtschaftswachstums. Der Großteil entfällt dabei auf China und Indien, die gemeinsam die Hälfte der weltweiten wirtschaftlichen Zuwächse verantworten.

Insgesamt dürfte das BIP im Asien-Pazifik-Raum der IWF-Prognose zufolge in diesem Jahr um 4,6 Prozent zulegen – eine Verbesserung im Vergleich zu den 3,9 Prozent im vergangenen Jahr. Doch eine erneute Abkühlung zeichnet sich ab: Für 2024 erwartet der Währungsfonds nur noch 4,2 Prozent Plus in Asien und mittelfristig ein weiteres Absinken. Der Region droht dann laut IWF das – abgesehen vom Coronajahr 2020 – niedrigste Wirtschaftswachstum der vergangenen zwei Jahrzehnte.

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