Verteidigung: Wo Russland die Nato provoziert hat
Düsseldorf. Kürzlich fand Nato-Generalsekretär Mark Rutte deutliche Worte: „Wir sind ein Verteidigungsbündnis, ja – aber wir sind nicht naiv.“ Hintergrund waren immer neue Provokationen von russischer Seite gegen die transatlantische Organisation.
Die Bündnispartner würden „nicht zögern, das Notwendige zu tun, um unsere Städte, unsere Menschen, unsere Infrastruktur zu schützen“, sagte Rutte. Und notwendig, das wurde jüngst klar, könnte im schlimmsten Fall auch ein Abschuss russischer Jets sein. Mehrere Vorfälle waren dieser Eskalationsstufe vorausgegangen.
23. Oktober 2025: Russische Flugzeuge über Litauen
Zwei russische Militärflugzeuge drangen nach Angaben der litauischen Armee in den Luftraum des baltischen Landes ein. Dabei habe es sich um einen russischen SU-30-Jet und ein Tankflugzeug vom Typ IL-78 gehandelt. Sie führten möglicherweise Betankungsübungen in der Region Kaliningrad durch.
Die beiden Maschinen seien etwa 700 Meter tief in litauisches Gebiet eingeflogen und hätten sich etwa 18 Sekunden lang darin aufgehalten. Litauens Staatspräsident Gitanas Nauseda verurteilte die Luftraumverletzung und sprach von einem „eklatanten Verstoß gegen das Völkerrecht und die territoriale Integrität Litauens“.
Mitte September 2025: Russisches Flugzeug überfliegt Fregatte Hamburg
Über der Ostsee überflog ein russisches Militärflugzeug eine Fregatte der Deutschen Marine. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) sagte, der russische Präsident Wladimir Putin wolle „die Nato-Mitgliedstaaten provozieren, und er will vermeintliche Schwachstellen im Nato-Bündnis identifizieren, offenlegen und ausnutzen“.
Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur wurde die Fregatte „Hamburg“ während der Nato-Übung „Neptun Strike“ überflogen. Überflüge gelten im Militär als unnötige Provokation.
19. September 2025: Verletzung des estnischen Luftraums
Drei Kampfjets vom Typ MiG-31 drangen nach Angaben der estnischen Armee nahe der Ostseeinsel Vaindloo unerlaubt in den Luftraum ein und hielten sich insgesamt zwölf Minuten dort auf. Außenminister Margus Tsahkna bezeichnete den Vorfall als „beispiellos dreist“.
Die Flugzeuge hätten keine Flugpläne übermittelt, ihre elektronische Kennung ausgeschaltet gehabt und auch keinen Funkkontakt mit der estnischen Flugsicherung gehalten. Da Estland keine eigenen Kampfjets besitzt – ebenso wenig wie die anderen baltischen Staaten Lettland und Litauen –, fingen F-35-Kampfjets der italienischen Luftwaffe die drei MiG-31 ab.
13. September 2025: Russische Drohne im rumänischen Luftraum
In der ostrumänischen Region Tulcea nahe der ukrainischen Grenze sichtete Rumäniens Armee eine Drohne. Das Verteidigungsministerium identifizierte den Flugkörper als russisch. Zwei F-16-Kampfjets stiegen zu einer Beobachtungsmission auf. Zwei deutsche Eurofighter Typhoon unterstützten nach rumänischen Angaben die Überwachungsaktion.
Demnach hatten die rumänischen Kampfpiloten die Genehmigung, die Drohne abzuschießen. Sie hätten sich jedoch dagegen entschieden, „um kollaterale Risiken“ zu vermeiden, teilte das Verteidigungsministerium mit. Die Drohne habe keine bewohnten Gebiete auf rumänischem Territorium überflogen und keine Gefahr dargestellt.
10. September 2025: Russische Drohnen im polnischen Luftraum
Inmitten einer russischen Angriffswelle gegen die Ukraine drang eine größere Zahl von Drohnen in den polnischen Luftraum ein. Regierungschef Donald Tusk sprach von mindestens 19 Verletzungen des Luftraums. Aus der Nato heißt es, in Polen seien mehr als zehn Objekte vom Radar erfasst worden.
Die polnische Luftwaffe griff daraufhin durch und schoss mehrere der Drohnen ab. Der Vorfall lasse sich nicht mit vorangegangenen Drohnen im heimischen Luftraum vergleichen, sagte Tusk: „Dies ist das erste Mal in diesem Krieg, dass sie nicht aufgrund von Fehlern oder kleineren russischen Provokationen aus der Ukraine kamen. Zum ersten Mal kam ein erheblicher Teil der Drohnen direkt aus Belarus“, so Tusk.
9. Juni 2024: Zwei Bomber und zwei Kampfflugzeuge im finnischen Luftraum
Der finnische Grenzschutz untersuchte einen Vorfall, bei dem vier russische Militärflugzeuge den Luftraum des nordeuropäischen Landes verletzten. Die Flugzeuge, wahrscheinlich zwei Bomber und zwei Kampfjets, drangen bis zu 2,5 Kilometer in finnisches Gebiet ein.
7. Mai 2023: Kampfjet bedrängt polnisches Transportflugzeug
Ein russischer Su-35-Jet flog nach polnischen Angaben über dem Schwarzmeergebiet dreimal auf eine polnische Turbolet L-410 zu. Aufgrund der daraus resultierenden Turbulenzen habe die aus fünf polnischen Grenzsoldaten bestehende Besatzung die Kontrolle über das Flugzeug verloren.
Dem polnischen Flugzeug gelang anschließend eine sichere Landung in Rumänien. Das rumänische Verteidigungsministerium verurteilte das „aggressive und gefährliche“ Verhalten des russischen Jets. Rumänische und spanische Flugzeuge seien von der Nato in „Voralarmbereitschaft“ versetzt worden, als sich der Vorfall ereignete, ein Eingreifen sei jedoch nicht notwendig gewesen.
Verdachtsfall am 22. September 2025: Drohnen über Kopenhagen
Zeugen sichteten über dem Flughafen Kopenhagen mehrere Drohnen. Polizei und Flughafensicherheit stoppten daraufhin aus Sicherheitsgründen den gesamten Flugverkehr. Etwa 35 Maschinen mussten umgeleitet werden. Nach ungefähr vier Stunden nahm der Flughafen den Betrieb wieder auf.
Die dänische Regierung und Behörden sprachen von einem Angriff. Es handle sich um den „bislang schwersten Anschlag auf dänische kritische Infrastruktur“, erklärte Ministerpräsidentin Mette Frederiksen. Zur Herkunft der Drohnen wollte sie sich nicht konkret äußern, deutete aber eine Verbindung zu vermutlich russischen Aktivitäten in der jüngeren Vergangenheit an.
Nach einer weiteren Drohnensichtung am 25. September sprach die dänische Regierung von einem „hybriden Angriff“. Alles deute darauf hin, dass ein professioneller Akteur dahinterstecke.
Verdachtsfall am 1. September 2025: Störung des GPS gegen Ursula von der Leyen
Ein Flugzeug mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen an Bord wurde Ziel einer absichtlichen Störung des satellitenbasierten Navigationssystems GPS. Bulgarische Behörden äußerten die Vermutung, dass die Störung auf eine Einmischung Russlands zurückzuführen ist.
Eine Sprecherin der EU-Kommission sagte, Brüssel sei sich bewusst, dass Drohungen und Einschüchterungen ein regelmäßiger Bestandteil von Russlands feindlichem Vorgehen seien. Von der EU hieß es auch, es sei in den vergangenen Monaten „eine beträchtliche Anzahl solcher Stör- und Täuschungsaktivitäten beobachtet“ worden, „insbesondere an Europas Ostflanke“.
Im Juni hätten 13 EU-Länder der Kommission einen Brief geschrieben, um auf „beinahe tägliche“ Vorfälle dieser Art aufmerksam zu machen. Die Kommission arbeite mit verschiedenen Organisationen zusammen, um gegen dieses sogenannte GPS-Jamming vorzugehen.
Mitarbeit: Hendrik Wünsche