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WiederaufbauWo sich in der Ukraine Investitionen besonders lohnen könnten

Obwohl der Krieg andauert, investieren internationale Firmen in der Ukraine. Eine dem Handelsblatt vorab vorliegende Bertelsmann-Studie zeigt die Sektoren mit dem größten Potenzial.Jana-Sophie Brüntjen 22.05.2024 - 08:39 Uhr
Stahlwerk in Saporischja: Auch Chancen auf dem internationalen Markt.  Foto: Future Publishing/Getty Images

Düsseldorf. Eine neue Fabrik für Nestlé, Investitionen von Blackrock und JP Morgan, ausgebaute Anlagen für Bayer: Trotz des anhaltenden russischen Angriffskrieges haben internationale Firmen die Ukraine nicht aufgegeben. Sie sehen den künftigen Wiederaufbau als Chance.

Die Bertelsmann-Stiftung hat diese Chance in Zusammenarbeit mit dem Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) genauer untersucht. In der Studie, die dem Handelsblatt vorab vorliegt, wird deutlich: In der Ukraine steckt Potenzial. Insbesondere sechs Bereiche könnten für Investoren interessant sein.

Erneuerbare Energien

Die Internationale Energieagentur bezeichnet die Ukraine als „Schlüsselland für die europäische und globale Energiesicherheit“. Die Studienautorinnen sehen besonders bei der Bioenergie Potenzial. Die Ukraine hat einen starken Agrar- und Forstsektor. Die dort anfallenden Abfälle können als Biomasse genutzt werden, um Wärme und Strom zu erzeugen.

Energie

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Vielversprechend sei auch die Produktion von blauem Wasserstoff, heißt es in der Studie. Im Gegensatz zum klimaneutralen grünen Wasserstoff wird er meist aus Erdgas hergestellt – das in der Ukraine reichlich vorhanden ist. Das bei der Herstellung anfallende CO2 wird teilweise abgeschieden und im Erdboden gespeichert.

Zugute kommt der Ukraine das Netz aus Gasleitungen, das das Land mit Moldau und der EU verbindet. Herkömmliche Gasleitungen lassen sich mit leichten Anpassungen für Wasserstoff nutzen.

Seltene Rohstoffe

Die Ukraine verfügt über große, nicht erschlossene Vorkommen. In den Lagerstätten finden sich 117 der 120 am häufigsten verwendeten Industriemineralien, darunter Titan, Nickel, Lithium und seltene Erden. Der Marktwert liegt schätzungsweise bei bis zu 7,1 Billionen Euro.

Schon 2021 haben die EU und die Ukraine eine strategische Partnerschaft für Rohstoffe beschlossen, unter anderem um die Abhängigkeit Europas von China zu reduzieren. Die Europäische Kommission nennt die Ukraine als Lieferant von mehr als zwanzig kritischen Rohstoffen.

Metallverarbeitung

Die Metallindustrie ist einer der ältesten und größten Industriesektoren der Ukraine. Trotz zahlreicher Einschnitte wie dem Kriegsbeginn 2014 und der Zerstörung wichtiger Anlagen 2022 hat der Sektor der Studie zufolge das Potenzial, sich zu erholen.

Gründe seien unter anderem die verfügbaren Bodenschätze und gut ausgebildete Arbeitskräfte. Die heimische Nachfrage werde hoch bleiben. Mithilfe neuer Technologien ließe sich auch der internationale Markt bedienen.

Metallverarbeitung in Kiew: Die Metallindustrie hat eine lange Tradition in der Ukraine.  Foto: Bloomberg

Maschinenbau

Der Kriegsbeginn traf die Hersteller von Maschinen, elektrischer Ausrüstung und Transportgeräten hart. Der Wendepunkt kam 2023, als staatliche militärische Bestellungen und solche von Unternehmen zunahmen, die ihre Produktion wieder aufnehmen wollen.

Ukrainische Firmen stellen schon lange Ersatzteile für Autos her und führen Wartungsarbeiten für europäische Firmen durch. Daraus ergibt sich aus Sicht der Studienautorinnen großes Entwicklungspotenzial bei der Herstellung von elektronischer Ausrüstung.

Wachstumsmöglichkeiten gebe es auch in der Rüstungsindustrie. Seit 2023 wurden verschiedene Joint Ventures mit EU-Unternehmen für die Waffen- und Munitionsproduktion angekündigt. So will etwa Rheinmetall mit einem ukrainischen Partnerunternehmen Artilleriemunition in der Ukraine herstellen.

Die Ukraine konnte zudem ihre starke Position bei der Produktion von Turbinen und Motoren für die Luft- und Raumfahrtindustrie beibehalten. Es ist eine Industrie mit Geschichte: Das bis zu seiner Zerstörung durch Russland größte Frachtflugzeug der Welt, die Antonow AN-225, stammt aus der Ukraine.

Lebensmittelindustrie

Die Agrarindustrie ist der wichtigste Teil des verarbeitenden Sektors in der Ukraine. Und die Studie sieht Wachstumspotenzial: Ressourcen sind zahlreich vorhanden, die heimische und internationale Nachfrage ist hoch.

Maisverladung in der Ukraine: Die Agrarindustrie hat sich während des Krieges resilient gezeigt. Foto: ---/ukrin/dpa

Attraktiv sind auch die niedrigen Kosten: Nach Angaben der Investitionsförderagentur UkraineInvest liegen die Löhne im Schnitt bei 400 US-Dollar im Monat, Strom und Kraftstoff sind günstig, die Pachtpreise deutlich niedriger als in anderen europäischen Ländern.

IT

Nach Daten des Ukraine IT Report arbeiteten 2021 fast 290.000 Ukrainerinnen und Ukrainer in dem Sektor – fast doppelt so viele wie 2017. Die Zahl der Informatik-Studierenden ist hoch, international erfolgreiche Firmen wie Grammarly wurden von Ukrainern gegründet. Nur wenige Fachkräfte wollen einer Umfrage zufolge abwandern.

Auch Risiken bei Investitionen in der Ukraine

Die Studienautorinnen sind mit ihrer Einschätzung nicht allein. Reiner Perau, Geschäftsführer der Deutsch-Ukrainischen Industrie- und Handelskammer (AHK) sieht den IT-Bereich ebenfalls als wichtigen Zukunftssektor.

Ukrainische Unternehmen seien bereits jetzt wichtige Partner für die deutsche Wirtschaft. In der Branche zeige sich auch die Innovationsfähigkeit der Ukraine. Deutsche Unternehmen investierten zudem in Bauzulieferer und den Verteidigungssektor. Potenzial sieht die AHK wie die Studienautorinnen auch im Bereich der erneuerbaren Energien.

Doch Investoren aus Deutschland seien weiterhin zögerlich – trotz staatlicher Unterstützung. „Investitionsgarantien sind zwar eine gute Sache, aber selbst, wenn man sie hat: Es ist ja immer noch Krieg im Land“, sagt Perau. Diese Garantien der Bundesregierung schützen deutsche Investitionen im Ausland gegen politische Risiken.

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Zudem gebe es „Konkurrenz aus der Nachbarschaft“, sagt Perau. In Polen oder Rumänien seien etwa die Lohnkosten auf einem ähnlichen Niveau.

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Einige Potenziale hängen davon ab, wie viel ihres Territoriums die Ukraine nach Kriegsende zurückbekommt. Mehrere Lagerstätten für kritische Rohstoffe liegen in den Gebieten Donezk und Luhansk, die Russland schon seit 2014 kontrolliert. Die Metallindustrie ist ebenfalls auf den Osten des Landes konzentriert.

Entscheidend wird mit Blick auf Handelsbarrieren wie Zölle auch sein, wann die Ukraine der EU beitreten kann beziehungsweise wie weit sie sich in den europäischen Markt integriert. Wenn sich ein deutsches Unternehmen für Investitionen entscheidet, mahnt AHK-Geschäftsführer Perau Präsenz in der Ukraine – und ausreichend Vorbereitung an. „Das gilt natürlich in jedem Markt, aber hier besonders.“

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