Deutschland: Warum Rüstungs-Start-ups von einem Neustart absehen
Berlin. Seit Beginn des Ukrainekriegs nimmt die Zahl deutscher Start-ups, die als Kerngeschäft an digitalen Technologien für die Verteidigung arbeiten, zu. Dennoch verliert der Standort Deutschland offenbar an Attraktivität: Nur etwas mehr als jeder dritte Gründer würde sein Verteidigungs-Start-up erneut hierzulande starten.
Das geht aus einer Bitkom-Umfrage unter 44 Verteidigungs-Start-ups hervor, die der Branchenverband der digitalen Wirtschaft am Mittwoch veröffentlichte. Demnach würden sich 59 Prozent für einen anderen Standort entscheiden – 25 Prozent für die USA, 16 Prozent für ein anderes EU-Land und 18 Prozent für eine andere Region in der Welt. Als Gründe werden unter anderem die stagnierende Wirtschaft, staatliche Vorgaben und der Mangel an Risikokapital genannt.
Ein Gefühl mangelnder Anerkennung prägt ebenfalls die Haltung der Gründer. So geben 34 Prozent an, sich in Deutschland nicht ausreichend wertgeschätzt zu fühlen.
Geringer Stellenwert
Viele sind zudem unzufrieden mit dem Stellenwert, den das Thema Verteidigung einnimmt. Die Mehrheit der Befragten schätzt demnach die Verteidigungsfähigkeit der Bundesrepublik Deutschland als gering ein. Jeder Vierte sogar als sehr gering.
Zu den bekanntesten europäischen Start-ups, die digitale Technologien für die Verteidigung entwickeln, zählt das Münchener Verteidigungs-KI-Unternehmen Helsing, das mit rund fünf Milliarden Euro bewertet wird. Insidern zufolge könnte bald auch der Drohnenhersteller Quantum Systems in den exklusiven Kreis der sogenannten „Einhörner“ aufsteigen. Einhörner sind Unternehmen, die eine Bewertung von über einer Milliarde US-Dollar erreichen.
Weitere Unternehmen, die sich in der Branche etabliert haben, sind Arx Robotics, das autonom fahrende Bodensysteme sowie eine Software mit Künstlicher Intelligenz (KI) entwickelt, sowie der erst 2023 gegründete Drohnenabwehr-Spezialist Alpine Eagle. „Neben der klassischen Rüstungsindustrie muss deutschen Tech-Start-ups eine Schlüsselrolle bei der Neuaufstellung der Streitkräfte zukommen“, sagte Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst.
Obwohl Deutschland seine Verteidigungsausgaben inzwischen weitgehend von der Schuldenbremse ausgenommen hat und die EU einen Rüstungsfonds in Höhe von 150 Milliarden Euro auflegen will, sind viele der Start-ups skeptisch, dass bei ihnen von den finanziellen Mitteln etwas ankommen wird.
Schnellere Aufträge und mehr Geld
Um dies zu ändern, fordern alle befragten Gründer Verbesserungen im langwierigen Beschaffungsprozess. Derzeit haben es Start-ups schon schwer, lange genug zu bestehen, um überhaupt in den Auswahlprozess aufgenommen zu werden. Konkret geht es ihnen um Veränderungen beim Sicherheitsüberprüfungsgesetz. Zudem befürworten sie einen Marktplatz, der Start-ups mit den verschiedenen Innovationseinheiten der Streitkräfte verknüpft. Letzteres gibt es bereits in den USA.
Weitere Forderungen der Gründer sind mehr Möglichkeiten in der Erprobung durch Reallabore, um schneller in die Anwendung zu kommen und Produkte praxisnah testen zu können. Aktuell wird zumindest der Fliegerhorst Erding entsprechend ausgebaut.
Weiteres großes Thema ist die Finanzierung. Gründer fordern mehr öffentliche Investitionen in Start-ups, die in diesem Sektor unterwegs sind, und verweisen auf die Erfolge des französischen „Fonds Innovation Défense“ oder des niederländischen „SecFund“. In Frankreich sollen jetzt sogar Kleinanleger in diesen Sektor investieren können.
Erstpublikation: 23.04.2025, 12:31 Uhr.