Tech-Investoren: Deutscher High-Tech Gründerfonds sammelt so viel Geld ein wie noch nie
Die Geschäftsführer Alex von Frankenberg (links) und Guido Schlitzer suchen nach vielversprechenden Start-ups.
Foto: PRMünchen. Dunkle Wolken ziehen auch über der deutschen Start-up-Szene auf. Der Ukrainekrieg, Lieferkettenprobleme und Börsenrückschläge wirken sich aus. Mitten hinein in die schwierige Lage meldet der halbstaatliche High-Tech Gründerfonds (HTGF) aus Bonn Signale der Hoffnung.
Mit seinem vierten Fonds erreicht er demnach im „First Closing“ ein zugesagtes Volumen von 420 Millionen Euro. Mehr als 130 Millionen davon kommen von 40 privaten Investoren, die sich neben dem Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz und der staatlichen KfW Capital beteiligen.
„Angesichts einer drohenden Wirtschaftskrise ist es ein positives Zeichen, dass wir mehr Geld denn je bei so vielen Investoren wie noch nie einsammeln konnten. Die Start-ups brauchen eine solche Ermutigung“, sagt Geschäftsführer Alex von Frankenberg: „Andere Investoren mögen sich derzeit zurückhalten, bei uns wurden sie trotz des schwierigen Umfelds aktiv.“ Die eigenen Erwartungen seien übertroffen worden, verdeutlicht der Manager, das „Second Closing“ werde noch in diesem Jahr über die Bühne gehen.
Vor allem der Mittelstand ist im vierten Fonds stark vertreten, hinzu kommen diesmal vier Family Offices, die lieber ungenannt bleiben möchten, sowie einige Großunternehmen, beispielsweise SAP, Altana, Qiagen oder die Deutsche Bank. Ziel des neuen Fonds ist es, junge Unternehmen aus den Digitalmärkten, Ingenieurwissenschaften, Pharma und Chemie in der frühen Finanzierung zu unterstützen.
Aber auch bei HTGF wurden in zwei Fällen gemachte Zusagen in letzter Minute nicht eingehalten und zurückgezogen – ein Problem, das in der Branche bekannt ist. Geldgeber, mit denen man fest gerechnet hatte, sind dann auf einmal verschwunden.
Keine neue Dotcom-Blase
Größere Gefahren befürchtet die Bonner Gesellschaft aber dennoch derzeit nicht. Die Unsicherheiten im Markt seien bei unseren Investoren und Start-ups „unter dem Strich noch nicht angekommen“, erklärt Mitgeschäftsführer Guido Schlitzer: „Die Gefahr eines Absturzes wie nach dem Platzen der Dotcom-Blase sehen wir derzeit nicht. Der Venture-Capital-Markt in Deutschland ist auf einem anderen Niveau als vor 20 Jahren.“
Tatsächlich fürchten einige Beobachter, der Boom der Start-ups könne in sich zusammenfallen wie im Jahr 2000 die damalige „New Economy“. Das Platzen der „Dotcom“-Blase führte damals im Gründermarkt zu einer jahrelangen Stagnation und in Deutschland zu einer temporären Skepsis gegenüber dem Internet. Es habe bei den Firmenbewertungen zuletzt „ein paar Übertreibungen“ gegeben, räumt Frankenberg ein: „Insofern ist es gesund, dass nun ein realistischerer Blick Einzug hält.“
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Im vorigen Jahr waren in der deutschen Start-up-Szene alle Rekorde geschlagen worden. Investoren hatten 17,4 Milliarden Euro in hoffnungsvolle Firmen gesteckt, ein sagenhaftes Plus von 229 Prozent. Die Folgen der Pandemie hatten diesen Boom ausgelöst. Damit ist es nun vorbei, die Werte fallen auf ein früheres Maß zurück. So haben Investoren in diesem Jahr bisher nur sechs Milliarden in deutsche Start-ups gesteckt.
Mit der in den USA und in Europa eingeleiteten Zinswende sind vor allem die Tech-Aktien eingebrochen. Auch Start-ups, die während der Geldschwemme der Notenbanken mit Kapital geradezu überschüttet werden, werden nun kritischer gesehen. Im Silicon Valley soll mitunter in Firmen regelrechte Panik ausgebrochen sein. Auch bei HTGF hat offenbar der Käufer eines Start-ups kurz vor Vertragsabschluss den Kaufpreis noch einmal deutlich um 25 Prozent gesenkt, ist im Umfeld des Fondsunternehmens zu hören. Der Deal kam dennoch zustande.
Wer Geld verbrennt, dem droht das Ende
Ein jüngster Bericht der Finanzierungsfirma Sequoia Capital sorgt auch in Deutschland für Aufregung, bestätigen die Macher von HTGF. Die Venture-Capital-Geber aus dem Silicon Valley, die Tech-Konzerne wie Apple oder Airbnb mit Kapital ausstatteten, sahen Ende Mai in einer Präsentation einen „Moment der Wahrheit“ auf die Gründerszene zukommen. Wer weiter hohe „Cash-Burn-Raten“ aufweise und das Geld der Investoren verbrenne, dem drohe die „Todesfalle“.
Es gelte nun, auf die künftige Profitabilität zu schauen und die Ausgaben zu begrenzen. Tatsächlich sind zuvor gehypte deutsche Jung-Unternehmen wie die Lieferunternehmen Gorillas und Gopuff, der Steuerservice Kontist, der Blockchain-Bankendienst Nuri, der Online-Hypothekenanbieter Better oder der schwedische Zahlungsdienstleister Klarna dazu übergegangen, sich im großen Stil von Mitarbeitern zu trennen.
„Wir sagen unseren Start-ups, dass sie stärker auf die Kosten achten sollen – und auf die Cash-Burn-Rate“, erklärt Frankenberg: „Gründer müssen derzeit sowohl weiter Gas geben als auch leicht auf die Bremse steigen.“ Und der Start-up-Förderer sagt auch, dass Innovationen noch immer „das beste Mittel gegen Stagnation“ seien: „SAP und Microsoft sind nach der Ölkrise 1973/74 gegründet worden, Facebook entstand bald nach dem Crash der New Economy. Auch jetzt gibt es, trotz aller Widrigkeiten, gute Gründe für Optimismus.“ Man werde weiter als „stabiler Anker im Markt“ antizyklisch auch in einer sich verschärfenden Krise Start-ups finanzieren.
Der High-Tech-Gründerfonds wurde 2005 gegründet und sieht sich als „Europas aktivster Seedinvestor“, der schon 670 Hightech-Start-ups finanziert habe. In der ersten Finanzierungsrunde können junge Unternehmen bis zu eine Million Euro erhalten. Mehr als 150 Unternehmen seien erfolgreich verkauft worden, darunter ein Milliarden-Exit sowie vier Börsengänge.
Zu den bekanntesten Deals gehört der Verkauf der Online-Matratzenverkäufer der Bettzeit-Gruppe („Emma“) an die Haniel-Familie, die auch jetzt zu den Finanziers beim vierten HTGF-Fonds zählt. Im dritten Fonds des Bonner Unternehmens sind 33 Mittelständler und Industriekonzerne investiert, nah dem „Second Closing“ kamen 319,5 Millionen Euro zusammen, fast 25 Prozent weniger als bei der neuen Geldsammelrunde. Insgesamt sind jetzt mit dem vierten Fonds rund 1,3 Milliarden Euro Fondsvolumen zusammengekommen.
Man sieht sich selbst als Plattform, die junge Unternehmen, Industrie und Kapital zusammenbringt. Das Ziel: ein Netzwerk aus Innovationstreibern auszubauen und technologiegetriebene Unternehmen zu fördern.