Niederlande: Ein Ortsbesuch bei den Versandapotheken an der Grenze
Robotik im Apo-Werk.
Foto: dpaDüsseldorf. Zwischen dem niederländischen Heerlen und dem deutschen Aachen führt die Avantisallee durch ein Industriegebiet. Drei graue-weiß-gestreifte Lagerhallen mit 25 LKW-Zufahrten liegen in Holland. Große Stahlzäune schotten den Gebäudekomplex ab. Google-Maps zeigt, dass sie bereits in Deutschland liegen. Kameras überwachen das Gelände.
Das Verwaltungsgebäude befindet sich in den Niederlanden, direkt davor steht eine Bushaltestelle des Aachener Verkehrsverbunds. Die Station heißt „Doc Morris“. Das ist der Name des Versandhändlers, dem die Werkshallen gehören. Unternehmen dürfen in Deutschland per Gesetz keine Apotheken besitzen, in den Niederlanden hingegen schon. Versandhändler haben den Trick längst raus und eröffnen ihre Medikamentenlager in holländischen Grenzstädten. Die Arzneien bestellen Patienten über ihre Webseiten.
Das Doc-Morris-Gelände.
Foto: Britta RybickiVon der Einführung des elektronischen Rezeptes (E-Rezept) erhoffen sich Versandhändler große Wachstumschancen. Denn für Patienten werden Hürden abgebaut: Papierrezepte müssen nicht extra eingescannt, stattdessen können QR-Codes eingelöst werden. Das verschafft ihnen einen besseren Zugang zum Apothekenmarkt. Für rezeptfreie und verschreibungspflichtige Medikamente wurden laut der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände insgesamt 42 Millionen Euro ausgegeben, 1,8 Millionen Euro davon entfallen auf den Versandhandel.
Die Hallen von Doc Morris sind eigenen Angaben zufolge 10.000 Quadratmeter groß, sollen aber auf 20.000 Quadratmeter vergrößert werden. Rund 600 Millionen Euro Umsatz machte der Versandhändler laut Statista 2020. Eine Werksbesichtigung sei aufgrund von der Coronapandemie nicht möglich, teilt Doc Morris auf Anfrage mit.
Versandapotheke von Douglas
Wenige Kilometer entfernt liegt die Versandapotheke Disapo, die die Parfümeriekette Douglas gekauft hat. Auf dem Schild des Industrieparks, in dem die Online-Apotheke liegt, ist sie nicht eingetragen. Gegründet wurde Disapo 2020. Das Gelände wirkt im Vergleich zur Konkurrenz klein, die Ausstattung mit drei Rolltoren und einer LKW-Zufahrt beschaulich.
Die Öffnungszeiten sind an drei Tagen in der Woche von 9 bis 18 Uhr. Auf der Klingel eines Gebäudes, das das Unternehmenslogo trägt und die Verwaltung sein könnte, steht „Max Mustermann“. Schätzungen zufolge macht die Online-Apotheke einen Jahresumsatz von 90 Millionen Euro. Eine große Grünfläche für eine mögliche Erweiterung liegt direkt neben der Lagerhalle.
Hunderte Mitarbeiter in der Shop Apotheke
Ein wiederum ganz anderes Bild vermittelt die Shop Apotheke in Venlo. Im vergangenen Jahr hat das Unternehmen laut Statista erstmals die Umsatzgrenze von einer Milliarde Euro überschritten, konnte seinen Umsatz also um 9,5 Prozent steigern. Beliefert werden von der Shop Apotheke Kunden in Deutschland, Italien und den Niederlanden. Seit 20 Jahren ist der Versandhändler am Markt. In die Wachstumsprognose für dieses Jahr plane man die Einführung aber noch nicht ein.
Auf dem Parkplatz stehen hauptsächlich Autos mit deutschen Kennzeichen. Gegen 14 Uhr startet die zweite Schicht. Knapp 400 Menschen arbeiten während einer Schicht auf der Fläche. 1000 Angestellte gibt es insgesamt an dem Standort.
Die Disapo-Online-Apotheke.
Foto: Britta RybickiIn der ersten Halle rotieren Mitarbeiter, sie packen die Bestellungen aus, kontrollieren die Rechnungen. Die Produkte landen in grauen Boxen auf dem Lieferband und werden von den Kollegen in der Kommissionierung angenommen. Sie scannen die Artikel, sortieren sie in Regale, die bis zur Decke ragen. Um den Stellplatz eines Artikels zu erfahren, wird eine Art Smartphone der Firma Zebra eingesetzt. Jedes Produkt ist über einen Barcode erfasst. Die detaillierten Daten werden in einem selbst entwickelten System gespeichert, was die Patientensicherheit gewährleisten soll, sagt Theresa Holler, die das strategische Geschäft leitet.
Im nächsten Raum sind in zwei Kühlschrank-Reihen Medikamente gelagert. An Schreibtischen packen Mitarbeiter Produkte in Pakete mit Sondergröße. Direkt unter dem Dach befindet sich ein elektrisches Regal, das zwar händisch gefüllt werden muss, die Artikel aber selbstständig aufs Band spuckt. Das System erkennt und schickt auffällige Pakete in die „Nachbearbeitung“, die wieder von Angestellten übernommen wird. Werksleiter Agostino Pugliese sagt: „Abhängig von der Auftrags- und Sortimentsstruktur in einem Kundenauftrag kann die Durchlaufzeit im Lager von etwa 15 Minuten bis zu drei Stunden dauern.“ 8000 Pakete werden eigenen Angaben zufolge in einer Stunde fertiggestellt.
Der moderne Versand findet hier auf Servern statt, Roboterarme sind in den Venloer-Werken nicht zu sehen. „Wir sind bis zu einem Grad von rund 85 Prozent automatisiert“, sagt Pugliese. Eine Vollautomatisierung wie der Einsatz von Kommissionierrobotern gestalte sich im rezeptpflichtigem Bereich schwierig. Stattdessen setzt das Unternehmen zum Beispiel auf eine Erkennungssoftware, die Fotos von Bestellungen analysiert.
Apo setzt auf Pick-Stationen
Ganz anders ist das Unternehmen Apo.de in Duiven ausgestattet, das 2020 einen Jahresumsatz von rund 200 Millionen Euro machte. Das Gebäude mit elf LKW-Zufahrten ist kleiner als die der Wettbewerber. Insgesamt 60 Mitarbeiter sind an dem Standort beschäftigt, 40 davon arbeiten in der Logistik und Technik. 95 Prozent der Produktion sei automatisiert, die Anlage habe einen zweistelligen Millionenbetrag gekostet.
Zwischen sechs und acht Angestellte arbeiten laut dem Geschäftsführer Oliver Scheel in der Regel auf der Fläche. Alle Systeme sind für die Rückverfolgung mit Kameras ausgestattet. An zwei Stationen leeren Mitarbeiterinnen Zulieferungen und prüfen die Rechnungen der Hersteller.
Das Apo-Werk.
Foto: Britta RybickiIn der nächsten Halle steht eine große Box namens Right Hand Robotics: An ihren Wänden sind Regale befestigt, durch die Mitte fährt ein Roboterarm, der Produkte aus dem Regal pickt. Zwei Mitarbeiter kontrollieren zwei Sortiermaschinen. Einen Gang weiter findet in Pick-Stationen die Kommissionierung statt.
Aufträge werden aus verschiedenen Produktboxen zusammengestellt. Durch Barcode, Scans und Gewicht, erkennt ein Roboterarm ein Medikament. Irrt die Technik sich, korrigiert sie sich selbst und merkt sich den Fehler, da sie mit einer Künstlichen Intelligenz gesteuert wird.
Viele der Roboter scannen die Produkte, die sie bewegen. Daten werden gesammelt und können auf einem Dashboard über Bildschirme und Handys eingesehen werden. Das Highlight der Anlage ist der sogenannte Autostore. Dabei ist ein Gitter nahe am Dach aufgebaut, unter dem Behälter gelagert und bewegt werden können. 85 kleine selbstfahrende Wagen greifen von oben auf die Behälter zu und verschieben sie. 100 Roboter übernehmen den Großteil der Lagerarbeit bei Apo.de. Viele potenzielle Arbeitsplätze verschenkt Deutschland durch den Verzicht auf die Versandapotheke jedenfalls nicht.