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EnergieSchieflage bei Biomethanhändler bringt Stadtwerke in Not

Biogas soll Heizungen dekarbonisieren und die Energiewende voranbringen. Doch die Versorgung der Versorger stockt – und das kann durchaus beim Verbraucher ankommen.Catiana Krapp 13.07.2023 - 19:26 Uhr Artikel anhören

Erst kürzlich sagte der baden-württembergische Landwirtschaftsminister Peter Hauk: „Biogas gewinnt als speicherbarer, erneuerbarer Energieträger eine große Bedeutung. Im Unterschied zu grünem Wasserstoff ist Biogas bereits heute sofort verfügbar und eine verlässliche Säule im erneuerbaren Energiemix.“

Foto: dpa

Düsseldorf. Biomethan ist ein Hoffnungsträger der Energiewende. Doch in der Versorgung mit dem Gas gibt es nun einen Dämpfer: Der Großhändler BMP Greengas kann etlichen Kunden nicht mehr die vereinbarten Mengen liefern. Grund ist laut der insolvenzbedrohten BMP, dass die Biomethanhersteller selbst nicht genügend liefern können.

Zahlreiche Stadtwerke und Industrieunternehmen stehen jetzt vor einem Problem. Sie bekommen viel weniger Biomethan, als sie eingeplant hatten, und das womöglich zu deutlich höheren Preisen. Der Hauptgeschäftsführer des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU), Ingbert Liebing, sagte am Donnerstag: „Der Ausfall von vertraglich zugesicherten Biomethanmengen könnte negative Folgen für die Erneuerbare-Energien-Strategie vor Ort haben.“

Biomethan kommt häufig in Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen (KWK) zum Einsatz, über die Stadtwerke Bürger zentral sowohl mit Strom als auch mit Wärme versorgen. Mit Biomethan betrieben, können die Kraftwerke Haushalte mit klimafreundlicher Fernwärme versorgen und so Gasheizungen oder Wärmepumpen ersetzen.

Auch im umstrittenen Heizungsgesetz taucht das grüne Gas als Lösungsweg auf: Demnach dürfen auch künftig Gasheizungen in Bestandsgebäude eingebaut werden, wenn sie zu mindestens 65 Prozent mit Biomethan laufen.

Erst kürzlich sagte der baden-württembergische Landwirtschaftsminister Peter Hauk: „Biogas gewinnt als speicherbarer, erneuerbarer Energieträger eine große Bedeutung. Im Unterschied zu grünem Wasserstoff ist Biogas bereits heute sofort verfügbar und eine verlässliche Säule im erneuerbaren Energiemix.“

Dilemma für die Stadtwerke

Angesichts der Lieferschwierigkeiten von BMP Greengas dürften die Worte des Ministers für viele kommunale Energieversorger wie Hohn klingen. Denn BMP ist einer der führenden Händler im Markt. Hendrik Dönnebrink etwa, Geschäftsführer des Stadtwerks in Mülheim an der Ruhr, muss auf signifikante Biomethanmengen verzichten. Dabei sollte sein Vertrag mit dem Händler noch knapp zehn Jahre laufen. Er sagt: „Wenn ein Versorger einen so langfristigen Vertrag anbietet, muss er im Rahmen des Risikomanagements auch langfristig Biomethan einkaufen können. Wir haben gegenüber unseren Kunden ebenfalls langfristige Lieferverpflichtungen, die wir einhalten müssen.“

So wie Dönnebrink geht es Stadtwerken in ganz Deutschland. Das eine oder andere Stadtwerk dürfte sich an das vergangene Jahr erinnert fühlen, als der führende Erdgasversorger Uniper plötzlich drohte, kein Erdgas mehr liefern zu können, weil kein Nachschub mehr aus Russland kam. Uniper musste schließlich vom Staat gerettet werden. Sonst hätte entweder eine Insolvenz gedroht oder zahlreiche Stadtwerke hätten mit den Lieferausfällen klarkommen müssen.

Bei BMP Greengas ist es genauso. Der Großhändler hat Anfang Juni bekannt gegeben, ein Schutzschirmverfahren einzuleiten – die Vorstufe zu einer möglichen Insolvenz. Viele Kunden haben neue Verträge zugeschickt bekommen. Danach sollen sie teils auf die Hälfte der vereinbarten Biomethanlieferungen verzichten und für den Rest mehr Geld bezahlen.

Die Anwältin Franziska Lietz von der Kanzlei Ritter Gent erklärt: „Die Entscheidung, vor der viele BMP-Kunden standen, glich einem Pokerspiel: Entweder sie stimmen dem neuen Angebot nicht zu und tragen so womöglich dazu bei, dass BMP tatsächlich in die Insolvenz rutscht. Oder sie stimmen zu. Wird das Insolvenzverfahren über das Vermögen der BMP dennoch eröffnet, sind die Ansprüche an die noch verteilbare Insolvenzmasse aber in der Regel geringer.“

Dönnebrink sagt dazu: „Mit dem neuen Angebot von BMP müssten wir Biomethan zukaufen, das uns einen Mehraufwand im siebenstelligen Bereich kosten würde. Damit wäre ein bedeutender Teil unseres Jahresergebnisses verloren, der uns für den Umbau zur CO2-neutralen Zukunft fehlt.“ Laut VKU haben viele Stadtwerke aus ähnlichen Gründen die Frist zur Annahme der neuen Angebote von BMP verstreichen lassen.

Kritik an BMP-Mutter EnBW

Mehrere Branchenmitglieder haben aber auch den Verdacht, dass BMP die vereinbarten Biomethanmengen doch liefern könnte – wenn das Unternehmen nur genügend Geld in die Hand nähme. Denn während bei Uniper in Russland ein riesiger Lieferant ausgefallen ist, hat sich an der Biogasproduktion in Deutschland nicht viel geändert. Zahlen der Deutschen Energie-Agentur (Dena) zeigen, dass das Biomethan-Einspeisevolumen 2022 bei rund 10.400 Gigawattstunden lag – fast exakt so hoch wie jeweils in den vier Vorjahren.

Hinzu kommt, dass der wohl größte Wettbewerber von BMP, der Biomethanversorger Landwärme, keine Probleme zu haben scheint. Im Gegenteil: Landwärme-Geschäftsführer Zoltan Elek hat angeboten, den von Insolvenz bedrohten Konkurrenten zu übernehmen. Im Gespräch mit dem Handelsblatt sagte Elek: „Wir haben in der vergangenen Woche unser Interesse an BMP bekundet, aber es ist noch kein Übernahmeprozess gestartet.“ Es gebe keine signifikante Veränderung der Produktion oder des Absatzes von Biomethan, sagt er.

Am Geld sollte die Beschaffung bei BMP nicht scheitern, finden Kunden wie Dönnebrink. Denn BMP ist ein Tochterunternehmen des finanzkräftigen Energiekonzerns EnBW – der wiederum zu 47 Prozent dem Land Baden-Württemberg gehört, dessen Landwirtschaftsminister sich gerade für Biogas starkmacht.

In der Branche munkelt man, BMP hätte so wenig Biomethan für die Stadtwerke übrig, weil man das Gas lieber am lukrativeren Kraftstoffmarkt verkaufe. Dort bezahlen Unternehmen viel Geld für Biokraftstoffe, um Strafen wegen zu hoher CO2-Emissionen zu entgehen.

Dem Handelsblatt teilte BMP-Sanierungsgeschäftsführer Jochen Sedlitz mit: „Es trifft definitiv nicht zu, dass die BMP Greengas GmbH zur Belieferung von Kund*innen beschaffte Biogasmengen abzweigen würde, um diese dann im lukrativeren Kraftstoffmarkt zu verkaufen.“

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Bereits im Frühjahr seien Gespräche mit Landwärme geführt worden, da habe Landwärme keine relevanten Mengen des benötigten Biomethans liefern können. Die Situation könne sich jetzt geändert haben.

Eine EnBW-Sprecherin sagte, das Marktumfeld für Biomethan habe sich durch die Gaspreissteigerungen im Ukrainekrieg und Angebotsverknappungen unvorhersehbar und schwerwiegend verändert. BMP sei selbstverständlich jederzeit daran interessiert, alle für sie und die Kunden vorteilhaften Lösungsmöglichkeiten zu prüfen.

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