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Energie

Gasmarkt Mehr Angebot als Nachfrage – die LNG-Blase droht zu platzen

Wegen der massiven Überversorgung stehen immer mehr Flüssigerdgas-Projekte vor dem Aus. In Europa steht LNG zudem in der Kritik von Umweltaktivisten.
11.07.2020 - 14:55 Uhr Kommentieren
2019 war ein Rekordjahr für das verflüssigte Erdgas. Quelle: REUTERS
LNG-Tankschiff

2019 war ein Rekordjahr für das verflüssigte Erdgas.

(Foto: REUTERS)

Düsseldorf Explosionsartiges Nachfragewachstum, Milliardeninvestitionen und politische Euphorie – Flüssigerdgas, auch LNG (Liquefied Natural Gas) genannt, galt lange als vielversprechender Zukunftsrohstoff. Und vor allem als „grünere“ Alternative zu Kohle und Öl. 

Aber die Preise sind auf einem historischen Tief. Die weltweite Pandemie hat die Nachfrage einstürzen lassen, und die Kritik von Umweltschützern und aktivistischen Investoren wird größer. 

In der Folge werden laut einer neuen Studie der Umweltschutzorganisation Global Energy Monitor (GEM) immer mehr LNG-Projekte noch in der Planungsphase stillgelegt. Zwischen 2014 und 2020 waren das immerhin 61 Prozent.

„LNG galt einmal als sicheres Investment. Aber die Überversorgung auf dem Gasmarkt, die immer günstiger werdenden erneuerbaren Energien und zunehmende Proteste machen das Geschäft mit Flüssigerdgas immer unsicherer“, sagt Ted Nace, Hauptautor der Studie. Hunderte von Milliarden könnten so verloren gehen, warnt der GEM-Chef.  

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    Auch die britische Großbank HSBC geht laut einer aktuellen Analyse davon aus, dass der globale Gasmarkt nicht nur in diesem Jahr mehr LNG produziert, als die Nachfrage hergibt. Die Analysten rechnen damit, dass viele LNG-Projekte aufgrund von Überkapazitäten auch in fünf Jahren noch zurückgezogen oder verschoben werden. Und Projekte, die tatsächlich gebaut werden, „müssen mit niedrigeren Gewinnen rechnen als bislang angenommen“. 

    Grafik

    Flüssigerdgas gilt vor allem in der Schifffahrt als Treibstoff der Zukunft und als Alternative zu Schweröl und Diesel. Die USA sind dank des Schiefergasbooms die Nummer eins im LNG-Export. Das durch die Fracking-Technologie geförderte Schiefergas gibt es in Nordamerika in großen Mengen.

    Um es zu transportieren, wird das Erdgas auf minus 162 Grad Celsius heruntergekühlt, sodass es flüssig wird und nur noch ein Sechshundertstel seines ursprünglichen Volumens hat. So kann es in großen Mengen auch über weite Strecken verschifft werden. In den LNG-Terminals wird das flüssige Erdgas nach dem Transport dann wieder in seinen Urzustand zurückversetzt und über das bestehende Pipelinesystem verteilt.

    In seiner aktuellen Energie-Prognose geht der britische Ölkonzern BP davon aus, dass Gas in den nächsten zwanzig Jahren nach den Erneuerbaren die am schnellsten wachsende Energiequelle ist. Und das liegt vor allem an LNG. 2019 war ein Rekordjahr für das verflüssigte Erdgas.

    Die Nachfrage ist um zwölf Prozent gestiegen, und die Investitionen in LNG-Terminals haben sich von 82,8 Milliarden US-Dollar auf 196,1 Milliarden Dollar mehr als verdoppelt. Gleichzeitig ist der Preis für den fossilen Rohstoff, genauso wie der allgemeine Gaspreis, massiv eingebrochen – auf den niedrigsten Stand seit zehn Jahren. Und das nicht erst seit Ausbruch der Virus-Pandemie. 

    Warren Buffett hat sich von Milliardenprojekt verabschiedet

    „Der globale LNG-Markt war schon vor Corona übersättigt“, erklärt Jens Burchardt, Energieexperte beim Beratungsunternehmen BCG den Preiseinbruch. „Die Nachfrage ist nicht in demselben Maß gewachsen wie die Kapazitäten.“ Vor allem in Asien habe sich der Markt nicht so schnell entwickelt wie gehofft. In Japan und Südkorea ging die Nachfrage sogar zurück. „Das hat zu einem Angebotsüberhang und gesunkenen Preisen geführt“, sagt Burchardt.

    Der britisch-niederländische Ölriese Shell musste erst in der vergangenen Woche Abschreibungen für das zweite Quartal in Höhe von 15 bis 22 Milliarden US-Dollar einräumen. Das lag nicht zuletzt auch am massiven Preisverfall und der gesunkenen Nachfrage im LNG-Sektor.  

    Vor zehn Jahren wurde LNG von vielen als nachhaltiges Investment angesehen. Denn die Verbrennung von Gas für die Stromerzeugung verursacht nur etwa die Hälfte der Emissionen wie die Verbrennung von Kohle für Strom. Inzwischen haben aber viele Länder – schneller als erwartet – den Ausbau erneuerbarer Energien vorangetrieben. Und sie verlassen sich lieber auf Pipelines, um Gas zu geringeren Kosten zu importieren, als auf LNG-Ladungen auf dem Seeweg. 

    Erst im Mai hatte Star-Investor Warren Buffett sich von einem Vier-Milliarden-Dollar-Investment eines LNG-Terminals in Kanada zurückgezogen. Zuvor hatten zahlreiche Proteste und Demonstrationen gegen das Projekt in Quebec für mediale Aufmerksamkeit gesorgt. Insgesamt stehen laut den Analysen des Global Energy Monitor weltweit weitere elf solcher Milliardenprojekte vor einer unsicheren Zukunft. 

    Europa als zweitgrößter LNG-Importeur

    „Die Probleme von LNG werden mit dem Ende der Pandemie nicht auf magische Weise verschwinden“, sagt Nace. „Im Energiesektor sehen wir, dass erneuerbare Projekte in Südkorea bereits deutlich wirtschaftlicher sind als importiertes Flüssigerdgas. Und jedes Jahr werden erneuerbare Energien wettbewerbsfähiger.“ 

    Auch in Deutschland ist LNG ein großes Thema. Hier sind gleich drei Terminals geplant. Vor allem auf politischer Ebene erschien Flüssigerdgas aus den USA oder aus Katar vielen als Möglichkeit, sich von der Abhängigkeit durch Pipelinegas aus Russland zu lösen. Insgesamt ist Europa nach China immerhin der zweitgrößte Importeur von Flüssigerdgas weltweit. Im vergangenen Jahr ist die Nachfrage laut dem aktuellen Shell LNG-Outlook um ganze 74 Prozent gestiegen. 

    Denn durch die niedrigen Preise ist Flüssigerdgas in Deutschland in den vergangenen zwei Jahren wettbewerbsfähig gegenüber dem sonst deutlich günstigeren Pipelinegas aus Russland geworden. Aus Russland kommen über 40 Prozent der europäischen Gasversorgung. 

    Die USA nutzen den Streit um die Gaspipeline Nord Stream 2 deshalb auch weiterhin, um die EU von der Notwendigkeit von mehr Flüssigerdgas zu überzeugen. Energieexperten wie Burchardt halten es trotzdem für unwahrscheinlich, dass die Nachfrage in Europa nach LNG noch einmal so hoch steigen wird wie im vergangenen Jahr. 

    Durch den Green Deal der Europäischen Union und die straffen Klimaziele vieler Mitgliedstaaten hat sich die Perspektive für LNG zumindest in Europa deutlich eingetrübt.  

    Andrew McDowell, Vizepräsident der Europäischen Investitionsbank, betonte kürzlich, dass Investitionen in neue Infrastrukturen für fossile Brennstoffe einschließlich LNG „wirtschaftlich eine zunehmend unsicherere Entscheidung“ seien. „Jedes weitere Wachstum von LNG in Europa müsste schon politisch getrieben werden“, ist auch Burchardt überzeugt.

    International wird der Markt für LNG allerdings weiter wachsen. „Gerade in asiatischen Volkswirtschaften steigt der Energiebedarf stark an. Dort würde sogar bei zunehmenden Klimaschutzbemühungen mehr Gas verbraucht als heute“, sagt Burchardt. In seinem jährlichen Report geht der Ölkonzern Shell davon aus, dass sich die globale Nachfrage bis 2040 weltweit verdoppeln wird. Deswegen investieren Exportländer trotz Überkapazität und niedriger Preise weiter. Gerade erst hat Katar angekündigt, den Bau des weltweit größten Terminals weiter voranzubringen.
    Mehr: Die Wasserstoff-Welt der Zukunft: So will die EU das Energiesystem umbauen.

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