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LebensmittelhandelKnuspr will Rewe von der Spitze der Lieferdienste verdrängen

Während Aldi und Lidl den Einstieg in den Onlinehandel scheuen, expandiert das tschechische Start-up rasant. Und es hat einige strategische Vorteile.Florian Kolf 30.11.2021 - 04:00 Uhr Artikel anhören

Der Knuspr-Chef will den Lebensmittellieferdienst in zwei Jahren zur Nummer eins in Deutschland machen.

Foto: Handelsblatt

Düsseldorf. Wer Betreiber von deutschen Lebensmittellieferdiensten fragt, wann sie mal profitabel sein wollen, erntet meist ungläubige Blicke. Schnelldienste wie Gorillas oder Flink haben ohnehin erst mal nur das Ziel, so rasch wie möglich Marktanteile zu gewinnen – auch wenn sie dabei Investorengeld verbrennen. Doch selbst Marktführer Rewe Digital macht zehn Jahre nach der Gründung noch keine Ansage, wann er Geld verdienen will.

Der tschechische Angreifer Rohlik, der seit wenigen Monaten unter der Marke Knuspr in München präsent ist, setzt sich da andere Ziele. In zwei Jahren werde man in Deutschland profitabel arbeiten, ist Deutschlandchef Erich Comor überzeugt. In Tschechien und Ungarn habe man das schließlich auch geschafft.

Der Wettkampf der Lebensmittellieferdienste in Deutschland geht in die entscheidende Phase. Mehr als ein Dutzend Anbieter kämpfen um die Kunden. Und die ersten Zahlen der Expansion von Knuspr deuten darauf hin, dass der Anbieter selbst in diesem kompetitiven Umfeld neue Maßstäbe setzen könnte.

Gerade in München drängen sich die Lieferdienste: Bringmeister, Rewe und Amazon Fresh mit Vollsortiment, dazu Schnelllieferer wie Gorillas und Flink. Trotzdem hat es Knuspr geschafft, dort in nur drei Monaten 20.000 Kunden zu gewinnen. Täglich werden 1500 Bestellungen ausgeliefert, bis Ende des Jahres soll diese Zahl auf 2000 steigen.

„Wir haben das Know-how“, zeigt sich Comor selbstbewusst, „wir haben ein funktionierendes Geschäftsmodell in Tschechien aufgebaut, das wir auf andere Länder übertragen können.“ Das habe sich in Ungarn gezeigt und aktuell auch in Österreich.

Bestellung ist innerhalb von drei Stunden beim Kunden

Im Schnitt hat Rohlik den Umsatz in den vergangenen Jahren jährlich fast verdoppelt. Das Ziel des Unternehmens ist es, den Umsatz in Europa bis zum Jahr 2024 auf fünf Milliarden Euro zu steigern. Gerade erst hat Rohlik die Expansion nach Italien, Rumänien und Spanien angekündigt.

Doch ein Großteil des Wachstums soll aus dem deutschen Markt kommen. „Bis Ende 2024 wollen wir ein Drittel des Onlinemarktes für Lebensmittel besetzen“, sagt Comor. Bis dahin will er in den Regionen um die 15 größten deutschen Städte liefern.

Der Umsatz in Deutschland soll dann bei 1,2 Milliarden Euro liegen. Damit wäre Knuspr wohl die Nummer 1 – noch vor dem heutigen Marktführer Rewe Digital.

Matthias Schu, E-Commerce-Experte von der Hochschule Luzern und Autor des Standardwerks „Das E-Food-Buch“, hält das für durchaus realistisch. „Es besteht durchaus die Chance, dass Knuspr mittelfristig zur Nummer eins avancieren könnte“, bestätigt er.

Den großen Vorteil von Knuspr sieht er in den kurzen Lieferzeiten. Das Unternehmen ist der einzige Vollsortimenter, der standardmäßig innerhalb von drei Stunden nach der Bestellung beim Kunden ist. Rewe oder Amazon liefern frühestens am nächsten Tag. Schnelllieferdienste wie Gorillas, die in zehn Minuten liefern, haben in der Regel nur eine sehr begrenzte Auswahl von unter 2000 Artikeln.

Nachfrage wächst schneller als das Angebot

Knuspr dagegen hat jetzt schon 12.000 Produkte im Angebot und will das auf 20.000 ausbauen. Entscheidend sei dabei die starke Fokussierung auf Frische, Bio und Regionalität, lobt Experte Schu. „Gerade dies sind die derzeitigen Megatrends bei den Kunden“, beobachtet er.

Was Angreifern wie Knuspr entgegenkommt: Der Markt wächst derzeit so rasch, dass sich die Lieferdienste bisher kaum gegenseitig kannibalisieren. „Im deutschen E-Food-Markt bestehen für die Unternehmen paradiesische Zustände wie beim deutschen Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit“, erklärt Schu. „Die Nachfrage übersteigt bei Weitem das Angebot und die Kapazität der jetzigen Anbieter.“

Nach einer Studie des Handelsforschungsinstituts IFH Köln wird der Gesamtmarkt für den Lebensmitteleinzelhandel in Deutschland in diesem Jahr bei knapp 240 Milliarden Euro liegen. Davon entfallen erst zwei Prozent auf den Onlinehandel. Bis 2030, so die Prognose, könnte das Liefergeschäft um 17,3 Prozent pro Jahr wachsen und dann im besten Fall einen Anteil von acht Prozent erreichen.

Auch Studienautorin Eva Stüber betont, dass das Wachstum durch das Angebot begrenzt wird, die Nachfrage für ein noch höheres Wachstum wäre da. „Unsere Umfragen zeigen: Die Nachfrage nach gelieferten Lebensmitteln ist groß, viele Kunden und Kundinnen würden diesen Service gerne nutzen“, sagt die E-Commerce-Expertin des IFH.

Discounter wie Aldi und Lidl zögern noch

Entsprechend schaut Knuspr gar nicht so sehr auf die anderen Lieferdienste. „Unsere Wettbewerber sind nicht die Onlineplayer“, erklärt Deutschlandchef Comor. „Wir treten gegen die großen Lebensmittelhändler an.“

Und die machen bisher wenig Anstalten, den Start-ups diesen Markt streitig zu machen. Nur Rewe hat einen eigenen Lieferservice, Edeka beschränkt sich weitgehend auf eine Beteiligung am niederländischen Lieferdienst Picnic. Aldi und Lidl warten weiter ab und testen Liefermodelle nur in ausgewählten Auslandsmärkten.

„Mit dem Einstieg in den Onlinehandel weiter zu warten ist für die traditionellen Supermärkte und Discounter der falsche Weg“, warnt Expertin Stüber. „Selbst wenn die Lieferdienste 2030 nur 4,9 Prozent des Marktes erobern, entspricht das dem Geschäft von 2900 Supermärkten.“

Währenddessen investieren Start-ups wie Rohlik weiter in ihre Lieferinfrastruktur. So installiert das Unternehmen jetzt das Lagersystem AutoStore in seinen Verteilzentren, womit die Lager weitgehend automatisiert werden und sich die Produktivität beim Zusammenstellen der Bestellungen verdreifacht. Rund 400 Millionen Euro will das Unternehmen in diese Systeme investieren.

Mutterunternehmen Rohlik als Einhorn bewertet

Um das starke Wachstum stemmen zu können, hat Rohlik in diesem Jahr bereits zwei Finanzierungsrunden abgewickelt. So bekam das Unternehmen im März 190 Millionen Euro von einer Investorengruppe, angeführt von der Venture-Capital-Firma Partech.

Im Juli folgte dann eine weitere Runde mit einem Volumen von 100 Millionen Euro, angeführt von Index Ventures. Dabei wurde Rohlik mit mehr als einer Milliarde Euro bewertet, kann sich damit also als sogenanntes Einhorn bezeichnen.

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Ein wichtiges Element beim Wachstum ist für Rohlik auch die enge Zusammenarbeit mit seinen 520 Lieferanten. „95 Prozent unserer Produkte stammen direkt vom Hof oder Hersteller und nicht von Zwischenhändlern“, betont Björn Christian Wolf, der bei Knuspr das operative Geschäft verantwortet. Deswegen sieht sich der Lieferdienst selbst auch als Mischung aus Supermarkt und Hofladen, wodurch er sich besser von der Konkurrenz abheben könne.

Davon profitieren dann auch die Lieferanten. „Das Team von Knuspr hat einen großen Respekt vor dem, was wir machen und eine hohe Wertschätzung für unsere Produkte“, bestätigt Sebastian Brandl vom Naturlandhof Brandl, einem Biohof im Münchener Umland. Die Zusammenarbeit sei ganz unkompliziert. „Das gibt uns eine super Perspektive für die Zukunft“, so Brandl.

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