Lufthansa-Streik: Lufthansa legt Angebot vor – wird der zweite Pilotenstreik noch abgewendet?
Die Gewerkschaft VC gibt sich kämpferisch.
Foto: Getty Images; Per-Anders PetterssonFrankfurt. Die Piloten der Lufthansa haben eine zweite Streikwelle bei der Airline beschlossen. Das Unternehmen könne den für Mittwoch geplanten zweitägigen Ausstand noch mit einem „ernst zu nehmenden“ Angebot abwenden, teilte die Gewerkschaft Vereinigung Cockpit in der Nacht zum Dienstag in Frankfurt mit.
Dazu sei ein weiterer Verhandlungstermin angeboten worden, der „dem Vernehmen nach“ am Dienstag stattfinden werde. Die Piloten hatten bereits am vergangenen Freitag den kompletten Betrieb der Lufthansa-Kerngesellschaft lahmgelegt.
In einer ersten Reaktion sagte ein Lufthansa-Sprecher: „Wir bedauern sehr, dass die Gewerkschaft den Weg der Eskalation weitergeht.“ Klar sei, dass eine Lösung nur am Verhandlungstisch gefunden werden könne, heißt es im Umfeld des Unternehmens.
Lufthansa-Streik: Carsten Spohr will „Partnerschaft“ zu Piloten verbessern
Den streikbereiten Piloten wolle man ein verbessertes Tarifangebot unterbreiten. Die Verhandlungen sollen am Vormittag beginnen. Bis spätestens 12 Uhr müsse entschieden werden, ob für die angedrohten Streiktage ab Mittwoch Flüge gestrichen werden. Dies sei sowohl für die Flugzeug- und Crew- Disposition als auch für einen zumindest minimalen Vorlauf für die betroffenen Fluggäste notwendig, so das Unternehmen.
Die Lufthansa-Führung fürchtet, dass wie vor einigen Jahren ein langer Konflikt mit immer neuen Streikwellen droht. Das will man unbedingt verhindern. Man arbeite daran, das Vertrauensverhältnis zu den Tarifpartnern zu verbessern, sagte Lufthansa-Chef Carsten Spohr am Montagabend bei einer Veranstaltung in der Konzernzentrale am Frankfurter Flughafen: „Das Wort Partnerschaft muss wieder gelebt und gefühlt werden.“
Erst vergangene Woche hatten Piloten der Lufthansa gestreikt.
Foto: dpaOb heute schon eine Annäherung gelingen kann, um einen Arbeitskampf noch zu verhindern, ist allerdings offen. Es gibt eine Unmenge von Themen. Nicht nur zwei Tarifverträge sind offen. Der Streit wird auch überlagert von der Sorge der Pilotinnen und Piloten, dass die Kernmarke Lufthansa zulasten anderer Gruppen-Airlines geschrumpft wird, die niedrigere Personalkosten haben. Die Lufthansa-Spitze überlegt, Zubringerflüge an den beiden Drehkreuzen Frankfurt und München aus der Lufthansa zu einer neuen Airline-Marke zu verlagern, der Cityline 2.0.
Dagegen will Spohr von einer Schrumpfung der Kern-Airline nichts wissen. „Sie ist anders als oft dargestellt in den letzten Jahren mehr gewachsen als die Gruppe in Summe“, sagte er. Die Markenstärke, die sich Lufthansa erarbeitet habe, hänge mit der besonderen Rolle der Mitarbeiter dort zusammen: „Deshalb glaube ich, dass auch mit dieser Berufsgruppe ein besseres Miteinander gelingen kann.“
Konzernchef Spohr glaubt an eine Lösung des Konflikts
Ob solche Aussagen dabei helfen, den emotional aufgeladenen Konflikt mit dem Cockpitpersonal zu entschärfen, ist fraglich. Zwar räumen auch einige Piloten hinter vorgehaltener Hand ein, sehr hohe Lohnzuschläge zu verlangen. Das Lufthansa-Management hatte kürzlich vorgerechnet, dass die Forderungen der Gewerkschaft die Personalkosten im Cockpit über die Laufzeit von 18 Monaten um gut 40 Prozent erhöhen würden, und das als untragbar bezeichnet.
Andererseits gibt es in der VC auch Hardliner, die es an der Zeit finden, die Konfrontation mit der Lufthansa-Spitze zu suchen. „Wir hätten es uns anders gewünscht“, erklärte VC-Tarifvorstand Marcel Gröls. „Doch leider sind die Beharrungskräfte bei der Lufthansa erheblich.“
Sollten sich beide Seiten nicht ausreichend annähern können, ist ein neuer Streik unausweichlich. Der Organisationsgrad der Piloten ist sehr hoch, die meisten sind einem Aufruf der VC zu einem Arbeitskampf bisher gefolgt. In dem Fall sollen die Abflüge der Lufthansa-Passagiermaschinen aus Deutschland am Mittwoch und Donnerstag bestreikt werden. Bei der Frachttochter Lufthansa Cargo ist der Streik nur für den Mittwoch geplant.
Bei der ersten Streikwelle am vergangenen Freitag hatte die Lufthansa das gesamte Programm ihrer Kern-Airline abgesagt. Mehr als 800 Flüge mit 130.000 betroffenen Passagieren fielen aus, und das Unternehmen erlitt nach eigener Aussage einen wirtschaftlichen Schaden von 32 Millionen Euro. Die Tochtergesellschaften Eurowings, Lufthansa Cityline und Eurowings Discover waren von dem Arbeitskampf nicht betroffen und wären auch bei der neuen Welle außen vor.
Die Lufthansa-Führung ist sich bewusst, dass es bei den Gehältern Nachholbedarf gibt. „In Zeiten mit einer solch hohen Inflation sind signifikante Lohnerhöhungen auch aus Sicht des Vorstands angemessen, insbesondere in den unteren Einkommensgruppen“, sagte Spohr.
Lufthansa habe die Kostensenkungen in den letzten Jahren vor allem dadurch erreicht, dass die Einkommen der langjährigen Mitarbeiter gehalten wurden, die Einstiegsgehälter aber abgesenkt worden seien. „Da sind Einstiegsgehälter dabei, die bei dieser Inflation in der Form nicht haltbar sind“, räumte Spohr ein.
Lufthansa will in den nächsten anderthalb Jahren tausende neue Mitarbeiter einstellen
Zudem lockte der oberste Lufthanseat mit größeren Aufstiegschancen. „Es gab keine Beförderungen in den letzten zweieinhalb Jahren. Jetzt fahren wir das ganze Thema wieder hoch.“ Auch will das Unternehmen kräftig einstellen. „Wir brauchen 20.000 neue Mitarbeiter in den nächsten 18 Monaten. Das ist ein Kraftakt.“
Die sich abzeichnende Rezession in Deutschland soll an den Plänen nichts ändern. Zwar glaubt auch Spohr, dass Deutschland härter von einer Rezession getroffen wird als andere Länder. Aber das Geschäft etwa in den USA laufe sehr gut. „Wir verkaufen dort zu Preisen und Auslastungen, die wir in der Form nicht kennen. Das wird 2023 weitergehen.“ Auch China werde sich zumindest etwas öffnen, Japan habe eine Öffnung bereits angekündigt.
Der Konzernchef fürchtet, dass die Gehaltskosten für die Airline zu stark steigen.
Foto: dpaIm kommenden Jahr will Lufthansa laut Spohr die Kapazität von aktuell rund 80 Prozent des Vorkrisenniveaus auf bis zu 90 Prozent steigern. Das wären 50 Flugzeuge mehr als im Sommer diesen Jahres. Dabei würde die Kernmarke stark von den Investitionen in die Flotte und deren Ausstattung profitieren, versprach Spohr den Piloten.
Allerdings macht der Lufthansa-Chef keinen Hehl daraus, dass er im Konzern eine zu große Abhängigkeit vom Heimatmarkt Deutschland sieht. „Wir wollen unter den Top Ten der weltweiten Airlines bleiben, wir wollen deshalb weiter internationalisieren.“
Lufthansa begrüßt Wegfall der Maskenpflicht im Flugzeug
Zwar sei man froh, dass mittlerweile nur noch ein Drittel des Umsatzes aus Deutschland komme. Aber Lufthansa hänge zu 80 Prozent von der Regulierung in Deutschland ab, sagte Spohr, und verwies auf den bisherigen Plan der Regierung, in Flugzeugen eine FFP2-Maske vorzuschreiben. Allein die Ankündigung hat nach Informationen aus dem Unternehmensumfeld dazu geführt, dass etwa Geschäftsreisende Langstreckenflüge verstärkt nach Zürich verlagert haben, wo es keine Maskenpflicht gibt.
Dass die Bundesregierung am Montag von ihren Maskenplänen wieder abgerückt ist, freut Spohr. „Wie froh sind unsere Mitarbeiter, die nicht mehr Maskenpolizei spielen müssen. Wie froh sind täglich knapp 300.000 Fluggäste.“