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USASo sorgt Kennedys Lebensmittelpolitik für Verunsicherung

Der US-Gesundheitsminister will mehrere Inhaltsstoffe aus Lebensmitteln verbannen. Das stellt Industrie und Verbraucher vor Herausforderungen. Zudem ist seine Ursachenforschung umstritten.Laurin Meyer 20.06.2025 - 08:33 Uhr Artikel anhören
Burger, Robert Kennedy Junior: Kampagne für gesündere Ernährung mit zweifelhaften Elementen. Foto: Imago, Reuters

New York. Die Mission von Robert Kennedy Junior hat mit Verspätung begonnen. Kurz nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten saß der Gesundheitsminister gemeinsam mit anderen Vertrauten in dessen Privatjet. Zu essen gab es: ein Menü des Fast-Food-Giganten McDonald’s.

Amerika wieder gesund zu machen, beginne erst morgen, scherzte Trumps Sohn Donald Junior, als er das Bild in den sozialen Netzwerken teilte.

Dabei nimmt der ehemalige Umweltanwalt Kennedy seine Mission sehr ernst, die er als „Make America Healthy Again“ bezeichnet, abgekürzt mit dem Akronym MAHA. In den vergangenen Wochen hat der 71-Jährige bereits die Verwendung von bestimmten Farbstoffen untersagt, daneben droht er mit weiteren Verboten mancher Inhaltsstoffe.

Kennedy adressiert damit durchaus ein großes Problem in der amerikanischen Gesellschaft. Denn sie leidet überdurchschnittlich stark unter Fettleibigkeit und chronischen Krankheiten.

Doch nicht alle Zusatzstoffe, die er als gesundheitsgefährdend ausgemacht haben will, sind wirklich kritisch. Trotzdem dürften Kennedys Vorhaben die Lebensmittelindustrie vor massive Herausforderungen stellen, warnen Experten.

Gegen Maissirup und Sonnenblumenöl

Im April hat Kennedy Jr. bereits sein erstes großes Vorhaben umgesetzt. Die US-Regierung kündigte an, bestimmte künstliche Farbstoffe aus Lebensmitteln und Medikamenten zu verbannen. Der Plan sieht vor, acht bislang zugelassene Stoffe bis Ende 2026 schrittweise zu verbieten. In Europa sind die entsprechenden Farbstoffe nicht gänzlich verboten. Es besteht aber eine ausführliche Kennzeichnungspflicht, weshalb zahlreiche Unternehmen inzwischen auf natürliche Alternativen umgestellt haben.

Auch weitere Inhaltsstoffe will Kennedy ausgemacht haben, die für amerikanische Verbraucher besonders schädlich seien. Dazu gehört Maissirup, der oft als günstiger Zuckerersatz verwendet wird. Zusatzstoffe zum Verdicken, Aromatisieren oder Konservieren sollen schärfer reguliert werden.

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Pflanzliche Fette, also etwa Sonnenblumen- oder Sojaöl, will Kennedy Jr. am liebsten verbannen. Diese werden in ultraverarbeiteten Lebensmitteln sowie beim Frittieren verwendet. Deshalb hat der Gesundheitsminister große Fast-Food-Ketten unlängst dazu aufgerufen, wieder Rinder- statt Pflanzenfett zu verwenden.

Küchenmitarbeiter schüttet Öl in die Fritteuse: Zu Unrecht bezeichnet der US-Gesundheitsminister Pflanzenfette als ungesund. Foto: Bloomberg/Getty Images

Viele Ernährungswissenschaftler betonen, dass Samenöle nicht per se ungesund und bei richtiger Verwendung sogar gesundheitsfördernd seien. Stattdessen liege das Problem im übermäßigen Verzehr von verarbeiteten Lebensmitteln und Fast Food. Kennedy Jr. macht jedoch explizit Pflanzenöle für das Übergewicht von Amerikanern verantwortlich und sprach sogar davon, dass sie „unwissentlich vergiftet“ würden.

Hohes Misstrauen gegenüber Chemieindustrie

Tatsächlich geht es der amerikanischen Gesellschaft nicht gut. Die Lebenserwartung in den USA liegt fast vier Jahre unter dem Vergleichswert anderer Industrieländer. Schon im Jugendalter leiden mehr als 40 Prozent an Übergewicht oder Fettleibigkeit. Daneben haben sechs von zehn Amerikanern mindestens eine chronische Krankheit.

Allerdings wird Kennedys korrekte Bestandsaufnahme dieses Problems durch seine umstrittene Einstellung zu anderen Themen beeinflusst. In den vergangenen Jahren ist der Politiker immer wieder mit Verschwörungstheorien aufgefallen, insbesondere zu angeblichen Nebenwirkungen von Impfungen. All seine Aussagen sind von einem hohen Misstrauen gegenüber der Pharma- und Chemieindustrie geprägt.

Erst vor wenigen Wochen hat das Weiße Haus einen umfassenden Bericht veröffentlicht, in dem ultraverarbeitete Lebensmittel, chemische Belastungen, Bewegungsmangel und der übermäßige Gebrauch von Medikamenten für die Zunahme chronischer Krankheiten bei Kindern verantwortlich gemacht werden. Der Bericht soll nun als Grundlage für politische Handlungsempfehlungen dienen.

Allerdings gab es massive Kritik an dem Bericht. So sollen die Autoren darin Studien zitiert haben, die gar nicht existierten. Die gemeinnützige Nachrichtenseite Notus hatte zuerst darauf hingewiesen, später schlossen sich Denkfabriken wie das Cato Institute der Kritik an. Die US-Regierung musste mehrere Verweise korrigieren. Gleichzeitig scheint der Bericht auffällig viele Positionen von Kennedy zu bestätigen.

Produktion von Alternativen teils nicht möglich

Die Lebensmittelindustrie ist alarmiert. Bislang verwendete Inhaltsstoffe seien schließlich schon nach einem „wissenschaftlichen und risikobasierten Bewertungsverfahren eingehend untersucht“ worden und hätten sich dabei als sicher erwiesen, behauptet Melissa Hockstad, Präsidentin des Branchenverbands Consumer Brands Association (CBA), der die großen Konsumgüterhersteller repräsentiert.

Es wird nicht genug produziert.
Scott Gerlt, Landwirtschaftslobbyist

Die Chefs der größten US-Nahrungsmittelproduzenten, darunter Pepsico und Kellogg’s, trafen Kennedy unlängst zu einer Art Krisengipfel. Sollten die Lebensmittel- und Getränkehersteller jetzt zunehmend alternative Inhaltsstoffe verwenden müssen, werde man dabei „weder die Wissenschaft noch die Sicherheit unserer Produkte vernachlässigen“, kündigte Hockstad an.

Die Landwirtschaft warnt außerdem davor, dass sich Pflanzenöle nicht einfach durch Alternativen ersetzen ließen. „Vereinfacht gesagt, es wird nicht genug produziert“, sagt Scott Gerlt, Chefökonom beim Verband amerikanischer Sojabauern ASA. Tierische Fette seien größtenteils ein Nebenprodukt der Fleischproduktion und machten nur einen kleinen Teil der Verarbeitung aus. „Auch die Produktion von Olivenöl ist begrenzt und kostspielig, und Erdnussöl wird nicht in großem Umfang vertrieben.“

Mit einheitlicheren Zutatenlisten könnten Unternehmen bei den Verbrauchern mehr Vertrauen schaffen.
Nicholas Fereday
Analyst

Doch allen Klagen zum Trotz: Analysten sehen auf die Branche in den USA weitreichende Veränderungen zukommen. Die Unternehmen müssten sich darauf vorbereiten, dass „eine Zeit des Wandels in der amerikanischen Lebensmittelindustrie“ beginne, sagt Nicholas Fereday, Analyst bei der Rabobank. Der Ökonom rät den Konzernen dazu, drohender Gesetzgebung zuvorzukommen und freiwillig Änderungen vorzunehmen – etwa bei neuen Formulierungen oder größerer Transparenz.

„Viele internationale Unternehmen unterliegen bereits EU-Rechtsvorschriften für die Herstellung von Lebensmitteln“, sagt Fereday. Diese seien sehr oft strenger als in den USA. „Mit einheitlicheren Zutatenlisten könnten Unternehmen bei den Verbrauchern mehr Vertrauen schaffen“, glaubt der Experte.

Höhere Preise für die Konsumenten

Doch Kennedys Mission dürfte noch weitere Leidtragende hervorbringen: die Verbraucher. Bei ihnen dürfte die Umstellung der Lebensmittelindustrie über höhere Supermarktpreise ankommen.

Supermarkt in New York: Der Preisdruck ist in den USA ohnehin schon hoch. Foto: China News Service/Getty Images

Sollten Pflanzenöle in der Lebensmittelverarbeitung verboten werden, könnten die Durchschnittspreise für Fette und Öle um bis zu 35 Prozent steigen. Das geht aus einer aktuellen Studie der Beratungsfirma World Agricultural Economic and Environmental Services hervor, die der Verband der Sojabauern in Auftrag gegeben hat. Rinderfett ist demnach etwa doppelt so teuer wie Sojaöl. Zucker kostet bis zu 30 Prozent mehr als Maissirup.

Dabei hatte Donald Trump den Amerikanern im Wahlkampf versprochen, die Preise für Lebensmittel zu senken. Zudem steht er den amerikanischen Farmern sehr nahe.

Rabobank-Analyst Fereday sieht daher die Möglichkeit, dass Trump die Politik seines Gesundheitsministers durch dessen Entlassung stoppen könnte. Schon während seiner ersten Amtszeit hätte er häufig sein Führungspersonal ausgetauscht, sagt der Ökonom.

So hängt der Erfolg von Kennedys Gesundheitskampagne auch von der Zustimmung des US-Präsidenten ab – der bekanntlich ein Liebhaber von Fast Food ist.

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Erstpublikation: 16.06.2025, 12:07 Uhr.

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