Hoteliers: Chef Lindner – „Zehn Monate ging es um unsere Existenz“
Düsseldorf. Adrian Lindner lenkt den Fahrstuhl in die 19. Etage des Brutalismus-Gebäudes am Düsseldorfer Seestern, dorthin, von wo aus sein verstorbener Großvater und Firmengründer Otto Lindner ab 1973 die zeitweise 40 Häuser umfassende Hotelgruppe führte. Ihm hatte der gelernte Architekt einst den eigenen Familiennamen verpasst.
Hoch über dem Rheinufer geben die Panoramafenster der Hochhaus-Herberge mit 250 Zimmern eine Aussicht frei, um die viele den neuen Vorstandsvorsitzenden beneiden dürften – anders als um den Blick zurück auf die vergangenen zehn Monate. „Bis Ende September waren wir damit beschäftigt, unsere Existenz zu sichern“, sagt der 36-Jährige, der erst im vergangenen Dezember ins Unternehmen wechselte. Mehrmals habe er dabei gedacht, dass die Situation auch kippen könnte.
Vor Weihnachten 2024 hatte die Hotelgruppe, die über Jahre empfindliche Verluste angehäuft hatte, Insolvenz in Eigenverwaltung anmelden müssen. Überhastete Zukäufe bis Mitte der 2000er-Jahre hatten eine große Zahl unrenovierter Häuser ins Unternehmen gebracht, zugleich belasteten alte und teure Pachtverträge die Rendite.
Den als glücklos geltenden Vorstandschef Otto Lindner junior, 63, ersetzte im März 2022 der Hotelprofi Arno Schwalie, 50. Doch auch ihm misslang der Rettungsversuch.
Eine Kooperation mit der Hotelkette Hyatt, unter deren Franchisesystem Lindner schlüpfte, überforderte offenbar zunächst das Familienunternehmen. Von dem US-Unternehmen übernommene Funktionen, etwa im Vertrieb, für die Lindner eigene Kapazitäten abbaute, erwiesen sich Insidern zufolge zu Beginn als wenig verlässlich. Ins Unternehmen geholte Topmanager kosteten demnach viel Geld, die Spitzenkräfte integrierten sich nur zögernd. Zudem habe die Transformation die Mitarbeiter im eigenen Haus überfordert.
Die Folgen der Coronapandemie ließen die Situation schließlich außer Kontrolle geraten, wie Insider berichten: Zur Überbrückung aufgenommene KfW-Kredite mussten beglichen werden, zunächst gestundete Pachtzahlungen wurden fällig. Am Ende belastete dann auch noch die Übernahme von Häusern der Schwesterfirma 12.18. Hospitality Management GmbH, deren fünf luxuriöse Ferienhotels im Frühjahr 2024 zu Lindner stießen, die Finanzen.
Dass die Firma das Insolvenzverfahren überlebte, verdankt sie den Einschätzungen zufolge nicht zuletzt dem Insolvenzexperten Frank Kebekus, der als Generalbevollmächtigter den Sanierungsplan begleitete. Der Düsseldorfer Rechtsanwalt und Restrukturierungsberater Dirk Andres übernahm als Sachwalter die Vertretung der Gläubiger, die den Insolvenzplan Mitte 2025 einstimmig annahmen.
Quelle: Adrian Linder
Ende August 2025 stimmte auch das Gericht zu. „Der Insolvenzplan sieht für die Gläubiger, falls es in den kommenden 13 Monaten nicht noch zu Nachforderungen kommt, eine Quote von 14 Prozent vor“, sagt Adrian Lindner. Der Sohn von Jörg Lindner, dem mit 67 Jahren ältesten Nachkommen des Firmengründers, ist seit September offiziell als Vorstandsvorsitzender der neuen Lindner Hotel AG im Amt.
Die um zehn Häuser auf 30 Standorte geschrumpfte Hotelgruppe bleibt in den Händen der Familie. Und das, obwohl alle fünf Söhne des Firmengründers, die bislang gleichberechtigt beteiligt waren, laut dem Handelsregister ihre Anteile verloren. Das Grundkapital wurde von 2,6 Millionen Euro auf null herabgesetzt.
Neues Grundkapital in Höhe von 500.000 Euro, das vollständig als Bareinlage eingebracht werden musste, stellt nun die Enkelgeneration bereit. Insgesamt elf Vettern und Cousinen aus vier Familienzweigen beteiligten sich daran. Jeweils unter Geschwistern bündelten sie ihre Anteile in vier Investmentgesellschaften, die je rund 16,7 Prozent an der Lindner Hotel AG halten.
Hinzu kamen zwei weitere Investmentgesellschaften mit ebenfalls rund 16,7 Prozent: Firmenchef Lindner hält ebenso wie sein Cousin Jonas Lindner zusätzlich eine gesonderte Finanzbeteiligung, wie dem Handelsregister zu entnehmen ist. Beide stellten danach rechnerisch jeweils knapp 84.000 Euro an haftendem Kapital bereit. Äußern will sich die Lindner Hotel AG nicht dazu.
Ex-Vorstandschef Lindner verlässt Gesellschafterkreis
Auffällig ist jedoch, wer in der sanierten Firma nicht mehr vertreten ist: die Familie von Ex-Vorstandschef Otto Lindner junior. Wie es aus Unternehmenskreisen heißt, schied der mittlere der fünf Söhne von Firmengründer Lindner senior im Streit mit seinen Geschwistern aus.
Statt in die einst von ihm selbst geführte Familienfirma investiert Otto Lindner junior nun gemeinsam mit seinen Kindern Otto Konstantin, Max und Josephine in die Düsseldorfer Hospitality Xpeterience. Zu ihr gehört das „The Zipper Hotel & Apartments“ in Düsseldorf und das Hotel „Vier Jahreszeiten“ am Schluchsee.
Derweil bemüht sich Quereinsteiger Adrian Lindner, der zuvor für Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, Unternehmensberatungen und Fintechs arbeitete, die Hinterlassenschaft von Otto Lindner senior wieder auf Rendite zu trimmen. Beim Neustart geht es statt neuer Marketingstrategien und Expansionspläne erst einmal ums Kostenmanagement: In der Konzernzentrale schrumpfte die Mitarbeiterzahl von 120 auf 80. Mit nahezu sämtlichen Verpächtern handelte Lindner Preisnachlässe aus.
Mittelklasse-Hotels stecken in einem Dilemma
Doch ein Problem bleibt: Die meisten Häuser der Lindner Hotel AG befinden sich im Mittelklassebereich, der in der Branche Experten zufolge zunehmend an Kundschaft verliert. Vor wenigen Tagen erst stellte eine Studie der Fondsgesellschaft Union Investment und des Fachblatts „Hospitality Inside“ erneut fest, dass derzeit allein Budget- und Luxuskonzepte gefragt seien. „Midscale-Hotels geraten unter Druck“, schreiben die Autoren.
Hinzu kommt, dass die Lindner-Hotels zwar mit umfangreicher Gastronomie vollen Service bieten, dadurch jedoch von steigenden Mitarbeiterkosten durch den angehobenen Mindestlohn überproportional getroffen werden. „Die Übernachtungspreise können wir nicht in gleichem Maße erhöhen“, beschreibt Adrian Lindner das Dilemma.
In den Mittelpunkt seiner Vertriebsaktivitäten stellt der Firmenchef deshalb Meetings und Events für Firmenkunden, die er unter dem Schlagwort „Denkquartier“ vermarktet. „Bei den Lindner Hotels & Resorts sind dazu die notwendigen Flächen vorhanden“, sagt Lindner, „ebenso der Service und individuelle Catering-Lösungen.“
Eine weitere Herausforderung für die Hotelgruppe: Das Vertrauen einstiger Firmenkunden, die nach der Insolvenz um ihre geplanten Veranstaltungen bangen mussten, gilt es erst wieder zurückzugewinnen. Der junge Vorstandschef hat dafür sein Vertriebsteam ausgebaut, das mit gezielten Telefonanrufen um Kundschaft wirbt.
Bis Mitte 2026 gibt es beispielsweise Lockangebote: Veranstaltungen bis zu 50 Personen lassen sich noch 24 Stunden vor Beginn kostenlos stornieren, Vorauszahlungen entfallen. Und jeder zehnte Teilnehmer erhält ein kostenfreies Update auf ein Deluxe-Zimmer – beispielsweise mit Blick auf die Panorama-Suiten im Stammhaus am Rhein eine durchaus verlockende Offerte.