Autoindustrie: Autoverband VDA fordert mehr Produktion von E-Fuels
Brüssel, Düsseldorf, München. Die deutschen Autohersteller erhöhen den Druck auf die Mineralölindustrie: Der Branchenverband VDA fordert die Politik auf, deutlich ambitioniertere Ziele für die Einführung alternativer Kraftstoffe wie E-Fuels festzulegen. In der Konsequenz soll nach dem Willen der Autohersteller ab 2045 kein Benzin und Diesel mehr aus fossilen Quellen verkauft werden. Autos und Lastwagen sollen ihre Energie dann nur noch aus E-Fuels, Wasserstoff oder Strom beziehen dürfen.
„Die Politik ist aufgefordert, Anreize für den Hochlauf erneuerbarer Energieträger festzuschreiben und somit Investitionen zu gewährleisten und zu fördern“, erklärte VDA-Präsidentin Hildegard Müller am Mittwoch in Berlin. Konkret hat der Verband seine Vorstellungen in einem Positionspapier formuliert.
- So soll die Mineralölindustrie beispielsweise über eine Erhöhung der Quoten dazu verpflichtet werden, künftig deutlich mehr Alternativen zu regulärem Diesel und Benzin anzubieten.
- Auch soll es den Herstellern fossiler Kraftstoffe schwerer gemacht werden, Investitionen in alternative Kraftstoffe über die Zahlung von Prämien an Besitzer von Elektroautos aufzuschieben.
- Außerdem fordert der VDA Mindestziele für Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe, die nicht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion stehen.
- Ab 2045 soll der Verkauf von Benzin und Diesel auf Erdölbasis eingestellt werden.
Als Hebel für diese Forderungen dient die von der EU festgelegte Erneuerbare-Energien-Richtlinie, die Deutschland bis Mai 2025 in nationales Recht umsetzen muss.
Die Mineralölindustrie möchte dem grundsätzlichen Ziel nicht widersprechen. Christian Küchen, Hauptgeschäftsführer des Wirtschaftsverbands Fuels und Energie, sagte dem Handelsblatt: „Das Ziel, Treibhausgasneutralität bis 2045 in Deutschland und bis 2050 in Europa zu erreichen, erfordert einen weitgehenden Verzicht auf fossile Kraftstoffe.“
Dafür aber verlangt der Mineralölverband staatliche Hilfen: „Ehrgeizige Quoten können nur erfüllt werden, wenn sie von weiteren Maßnahmen begleitet werden, etwa einer Energiesteuerreform, die erneuerbare Kraftstoffe steuerlich entlastet, und einer Förderung bei der Einführung neuer Kraftstofftechnologien“, sagte Küchen. In den Reihen der Regierungskoalition sind die Meinungen gespalten. Bernd Reuther, verkehrspolitischer Sprecher der FDP, will über synthetische Kraftstoffe die Zulassung von Verbrennern auch nach 2035 möglich machen. Stefan Gelbhaar von den Grünen lehnt das ab. „Synthetische Kraftstoffe sind Mangelware. Effizienz und Kosten kommen als Probleme noch dazu. Das wiederholte Beschwören von synthetischen Kraftstoffen ändert daran nichts.“
Das Ölverbot soll den Verbrenner retten
E-Fuels sind mit grünem Strom hergestellte Kohlenwasserstoffe, die herkömmliche Benzin- und Dieselprodukte ersetzen können. Aus Sicht des VDA sollen sie bei der Klimawende im Verkehr eine wichtige Rolle spielen, wenn sie in großen Mengen kostengünstig produziert werden.
Die EU hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2050 klimaneutral zu werden, und einzelnen Branchen strenge Vorgaben gemacht. Deutschland will sogar ab 2045 klimaneutral sein. In der EU können daher ab 2035 keine Neuwagen mit Verbrennungsmotor mehr zugelassen werden.
Für die Autohersteller ist dieses Ziel mittlerweile ein Problem, denn während der Absatz von Elektroautos stockt, bleibt das Geschäft mit Verbrennern sehr lukrativ. Da diese weiterhin tanken müssen, muss die Menge an klimaneutralem Sprit deutlich steigen, wenn die Emissionen unter dem Strich sinken sollen. Da E-Fuels bislang am Markt kaum verfügbar sind, müssen die Investitionen in die Herstellung von synthetischen Kraftstoffen deutlich zunehmen, auch um die Kosten für die Verbraucher zu drücken.
Dafür müsse aber die Ölindustrie deutlich mehr gefordert werden, heißt es in Kreisen der Autohersteller. Denn während die Autohersteller in den kommenden zehn Jahren ihre Produktion komplett auf Elektromobilität umstellen müssten, seien die Ölkonzerne viel zu wenig gefordert, ihre Produkte klimaneutraler zu machen, klagen die Automanager hinter vorgehaltener Hand. Statt wie bislang auf 25 Prozent CO2-Minderung bis 2030 soll die Mineralölindustrie auf 35 Prozent verpflichtet werden, fordert deshalb der VDA.
Gelingt es, deutlich mehr synthetischen Sprit in den Markt zu bringen, könnte die EU doch noch Ausnahmen für das für 2035 festgelegte Verbot von Verbrennungsmotoren zulassen, lautet ein Kalkül der Branche. Tatsächlich gibt die EU weiter der Elektromobilität den Vorzug – lässt aber eine Hintertür für den Verbrenner offen.
„Fakt ist: Der Hochlauf der Elektromobilität wird in den kommenden Jahren erhebliche CO2- Einsparungen ermöglichen“, sagt Verbandschefin Müller. Gleichzeitig gelte: „Das ist nicht ausreichend, da es in Deutschland noch lange Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor geben wird.“
Selbst wenn das Ziel der Bundesregierung von 15 Millionen E-Autos bis 2030 erfüllt werde, würden dann nach Angaben des VDA immer noch mindestens 40 Millionen Pkw und Lkw mit Verbrennungsmotoren auf deutschen Straßen fahren. Denen will die Branche mit alternativen Kraftstoffen eine Art Bestandsschutz zusichern. Denn anders als herkömmlicher Sprit dürften E-Fuels in den kommenden Jahren von Energiesteuern und Emissionshandel ausgenommen werden und im Preis eher sinken als steigen.
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BMW-Chef hält EU-Vorgaben für falsch
Auch BMW-Chef Oliver Zipse dringt seit Längerem auf mehr Alternativen zum Elektrokurs der EU. Zipse hatte erst Anfang August gefordert, CO2-arme Kraftstoffe wie E-Fuels, E25 oder den neuen Biodiesel HVO100 massiv zu fördern, „und zwar so schnell wie möglich und in großer Breite“.
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Vom Hochlauf der klimaneutralen Kraftstoffe hängt ab, ob es Ausnahmen beim Verbrenner-Aus geben kann. Wenn die Politik dann nichts unternehme, um die Produktion CO2-armer Kraftstoffe zu beschleunigen und den Einsatz auch praktikabel zu machen, wäre das ein „gezieltes Verbrennerverbot durch die Hintertür“, sagt der BMW-Chef.
„Wir halten das kategorische Verbot der Verbrennertechnologie nach wie vor für falsch“, sagt Zipse. So investiert BMW zwar massiv in eine neue Generation von Elektroautos, nennt aber nach wie vor kein Datum für den Ausstieg aus Benzin- und Dieselmotoren.
Erstpublikation: 21.08.2024, 10:52 Uhr.