Suchoi Superjet 100: Russlands Superjet mausert sich
Der Wind für das russische Mittelstrecken-Flugzeug hat sich gedreht.
Foto: AFPDüsseldorf. Am 9. Mai 2012 schien die Geschichte des Superjet 100 ein schnelles Ende zu nehmen. Bei einem Vorführflug in Indonesien stürzte der Mittelstreckenjet ab. 45 Menschen starben, als die Maschine an einem Vulkan zerschellte. Viele davon waren Vertreter potenzieller Kunden. Der Pilot hatte ein Warnsignal ignoriert und war offenbar abgelenkt.
Der Mensch hatte versagte. Die Technik funktionierte – dennoch hatte der Superjet 100 fortan einen Malus. Auf das Unglück folgte noch ein Beinahe-Absturz: Die Wiederauferstehung der russischen Flugzeugindustrie geriet zur Tragödie.
Doch drei Jahre später hat sich der Wind für das Flugzeug des federführenden Herstellers Suchoi gedreht. Seit geraumer Zeit häufen sich die Bestellungen für den Superjet 100 – und sie kommen längst nicht mehr nur von russischen Gesellschaften. Zuletzt griff auch eine europäische Airline zu.
VLM Airlines wurde Ende vergangenen Jahres vom eigenen Management übernommen. Die neuen Eigentümer bauen die belgische Airline zu einer Linien-Gesellschaft um und mieteten als erste Amtshandlung zwei Superjets vom Leasingunternehmen Ilyushin Finance. Damit wird VLM zur ersten Airline in Europa, die mit dem Jet aus russischer Produktion fliegt.
Aufgrund des Komforts für die Passagiere, der Flexibilität auf Kurz- und Mittelstrecken und der niedrigen Betriebskosten sei die Wahl auf den Superjet 100 gefallen, sagte VLM-Chef Arthur White zuletzt im Interview mit dem Branchenmagazin „Aerotelegraph“. Dass europäische Passagiere vor dem Flug mit einer Maschine aus russischer Produktion zurückschrecken könnten, glaubt White „überhaupt nicht“.
Schließlich sei der Superjet bereits außerhalb von Putins Reich im Einsatz: Der mexikanische Billigflieger Interjet betreibt aktuell zwölf der Mittelstreckenflugzeuge. Zehn weitere Jets sollen bestellt werden und könnten in Zukunft verstärkt Kuba anfliegen, wenn die US-Sanktionen fallen. Der Superjet sei die „beste Maschine seiner Klasse“, lobte Interjet-Chef Jose Luis Garza schon bei der Übergabe des ersten Fliegers auf der Luftfahrtschau Le Bourget in Paris 2013.
Größter Betreiber des Superjet aber bleibt die russische Staats-Airline Aeroflot mit aktuell 18 Maschinen. Bis 2016 sollen 50 weitere hinzukommen, verkündete Aeroflot-Chef Vitaly Savelyev jüngst der Agentur Itar-Tass zufolge nach einem Gespräch mit Präsident Wladimir Putin. 150 Bestellungen für die Maschine hatte Putin im März gezählt.
Der Superjet ist Chefsache, denn der Flieger ist Hoffnungsträger Nummer eins der Russen und das erste Passagierflugzeug überhaupt, das seit dem Zerfall der Sowjetunion in Russland entwickelt wurde. Ende der 1980er Jahre wurden in der Sowjetunion noch bis zu einem Viertel aller zivilen Flugzeuge weltweit produziert. Vor dem Superjet ließ sich die jährliche Produktion von Passagiermaschinen dann nahezu an zwei Händen abzählen.
Um an die früheren Erfolge anzuknüpfen, gründete Putin 2006 per Dekret das Luftfahrtkonsortium United Aircraft Corporation (UAC). Seitdem gehören die größten russischen Flugzeugbauer zum Teil oder – wie Suchoi – ganz zur UAC. Für Entwicklung und Vertrieb des Superjets setzen die Verantwortlichen jedoch nicht nur auf staatliche Unterstützung und das russische Luftfahrt-Know-how, sondern vor allem auf Internationalität.
So kümmert sich um den Vertrieb auf dem westlichen Markt das Gemeinschaftsunternehmen Superjet International, das Suchoi zusammen mit der Tochter Alenia Aermacchi des italienischen Herstellers Finmeccanica ins Leben gerufen hat. Zahlreiche Unternehmen halfen mit bei der Entwicklung: Der US-Flugzeugbauer Boeing beriet die Superjet-Verantwortlichen und für die Triebwerke gab es eine russisch-französische Kooperation. Auch deutsche Flugzeugausrüster wie Liebherr-Aerospace sind mit an Bord.
Doch trotz der internationalen Gemeinschaftsarbeit müssen Fluggäste der VLM zunächst noch weitere anderthalb Jahre auf den Superjet warten. Die Auslieferung wurde auf das dritte Quartal 2016 verschoben, sagte Airline-Chef White im „Aerotelegraph“. Die Zertifizierung der Flugzeug-Variante mit längerer Reichweite wurde von der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (EASA) noch nicht abgeschlossen. Ganz in Europa angekommen ist der Superjet also immer noch nicht.