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Online Tagebuch Teil 1 Juchhu, wir haben Corona-Ferien!

Chefreporterin Tanja Kewes berichtet aus dem Homeoffice – mit Ehemann und drei Kindern in Düsseldorf. Es ist ein privater Stresstest – mit lustigen und nachdenklichen Momenten. Tag 1.
16.03.2020 - 17:16 Uhr Kommentieren
Auch die Kinder wollen beschäftigt werden.
Homeoffice in Corona-Zeiten

Auch die Kinder wollen beschäftigt werden.

Düsseldorf Tag eins beginnt gut. Es klingelt kein Wecker. Es rumort nur der Jüngste in seinem Bett, das Babyphone überträgt zuverlässig. Nach einigen Sekunden erlischt das Rumoren. Der Schnuller scheint gefunden – noch mal eine halbe Stunde Ruhe.

Die beiden Großen, vier und sechs Jahre alt, sind noch im Wochenendmodus. Sie schlafen länger. An diesem Montag können sie es auch. Wir Eltern werden sie heute nicht nach dem montagmorgens üblichen „Ich bin noch so müde“-Gejammere aus den Betten und ins Badezimmer ziehen müssen. Es ist Corona-frei.

Nicht Hitzefrei oder frei, weil Lehrer oder Erzieher ein Teambuilding-Seminar machen. Nein, die Jungs haben frei, weil ein kleines, gemeines Virus durch die Welt wandert und nun auch droht in ihre Körper zu kriechen und sie, wenn schon wahrscheinlich nicht ernsthaft krank, so doch zu Vehikeln zu machen, um weitere Menschen anzustecken. Corona-frei, das bedeutet zunächst einmal drei Wochen Extraferien für unsere drei kleinen Jungs.

Drei Wochen freies Spielen zu Hause und im eigenen Garten. Für die Jungs: ein Traum. Für uns Eltern: nein, kein Albtraum, aber eine echte Herausforderung. Schließlich müssen und wollen wir „nebenbei“ auch noch arbeiten. Ich im Homeoffice, mein Mann pendelnd zwischen Home und Office. Ich im Dachgeschoss unseres Hauses, er im Keller, dazwischen die Jungs.

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    Warum wir keinen Urlaub nehmen? Nun ja, erstens können und wollen wir in unseren Berufen nicht alles stehen und liegen lassen. Schon gar nicht unter diesen außergewöhnlichen Umständen und für fünf Wochen. Zweitens: Würden wir das tun, könnten wir abhängig Beschäftigten uns danach wahrscheinlich gleich einen neuen Job suchen ... Drittens: Die Digitalisierung macht es möglich. Die Laptops stehen, die Netzwerke laufen, und unser WLAN wird hoffentlich halten. Warum wir nicht Oma und Opa zur Pflicht rufen, also zur Enkelbetreuung hinzuziehen? Sie sind Ü75. Wir wollen sie natürlich nicht gefährden.

    Also gut, starten wir unseren privaten Stresstest: Spielen, arbeiten und schlafen unter einem Dach. 24 Stunden, sieben Tage die Woche, 21 Tage lang. Ob das überhaupt und wie es funktioniert, darüber werde ich nun täglich auf Handelsblatt Online berichten. Ich bin wie immer in meinem Leben optimistisch. Das wird schon.

    Das Fläschchen: geschüttelt, nicht gerührt, lauwarm, nicht eiskalt

    Über die pessimistische Ansage einer Freundin gestern, dass sie und ihr Mann nach diesen drei Wochen wahrscheinlich geschieden sind und die Kinder im Heim, habe ich jedenfalls noch gelacht. Als wäre es ein guter Witz. Hoffentlich wird mir dieses Lachen nicht noch vergehen.

    Es wird hart, für alle Beteiligten. Schließlich schwebt über all unserem Tun und Handeln auch noch die Furcht, dass die lieben Kleinen, man selbst oder Familie und Freunde dieses Virus bekommen und ernsthaft erkranken.

    Tag eins von Corona-frei beginnt für mich um 7.25 Uhr. (Mein Mann sitzt da schon in seinem Homeoffice im Keller.) Der Schnuller reicht dem Jüngsten nicht mehr. Jetzt muss das Fläschchen her: geschüttelt, nicht gerührt, lauwarm, nicht eiskalt.

    Seit 2016 Chefreporterin des Handelsblatts und Autorin der Kolumne „Faktor Mensch“. Quelle: Frank Beer für Handelsblatt [M]
    Tanja Kewes

    Seit 2016 Chefreporterin des Handelsblatts und Autorin der Kolumne „Faktor Mensch“.

    (Foto: Frank Beer für Handelsblatt [M])

    Das ungeduldige Gebrüll weckt natürlich die beiden Großen. Sie springen aus ihren Betten, schlagen die Türen zu und fangen da an zu spielen, wo sie abends aufgehört haben. Ich denke, während ich das Fläschchen schüttele: Kind müsste man noch einmal sein. Diese Freiheit, diese Unbekümmertheit.

    Wenn man das damals, als man selbst noch Kind war, wenigstens schon zu schätzen gewusst hätte ... Aber gut, sie scheinen glücklich und zufrieden. Sie spielen jedenfalls schön. Vorerst. Wie lange, das wird sich noch zeigen im Laufe dieses ersten Arbeits- und Spieltags zu Hause.

    Ob Uno, Skip Bo oder Lotti Karotti, ob Lego, Playmobil oder Duplo, ob Brio-Holzeisenbahn, Carrera-Bahn oder Hot-Wheels-Autos, ob Paw Patrol, Ninjago oder Feuerwehrmann Sam, ob Wimmelbücher, Wer-Wie-Was-Bücher oder Erstlesebücher: Wir haben wirklich viel Spielzeug. Aber wird es reichen? Wahrscheinlich nicht ...

    Ich kalkuliere deshalb schon eine heimliche Shoppingtour in den nahen Spielzeugladen, schließlich ist fraglich, wie lange solche Nicht-Lebensmittelläden noch geöffnet haben dürfen, um noch ein paar Überraschungen und Stimmungsaufheller in der Hinterhand zu haben, sobald der erste und bestimmt nicht letzte Corona-Lagerkoller ausbricht. Mein Mann dagegen, von Beruf Architekt, plant schon die Renovierung von Haus und Garten für die Zeit nach dieser fünfwöchigen Extremabnutzung.

    Auf die drei Wochen Corona-frei folgen schließlich noch zwei Wochen Osterferien. In denen wollten wir eigentlich zum Skifahren nach Tirol. Doch daraus wird natürlich nichts: Skigebiet geschlossen, Grenze dicht.

    Unser Sechsjähriger hat fast geweint, als wir ihm sagen mussten: kein Ski. Er hatte sich schon „soooo gefreut“... Nun ja, wir auch. Aber es gibt Schlimmeres als einmal nicht curven und boarden. Quarantäne zum Beispiel, wie sie in einigen anderen europäischen Ländern infolge allgemeiner Ausgangssperre schon gilt.

    Die Mittagspause wird zur Hochleistungsphase

    Zurück zu Tag Nummer eins. Der Vormittag läuft gut. Der Jüngste räumt munter die Küchenschubladen aus und wieder ein und wieder aus. Das bringt mich noch nicht aus der Ruhe. Hauptsache, er ist beschäftigt. Auch die lieben kleinen Großen spielen zunächst so schön, dass ich sie mehrfach auffordern muss, zum Frühstücken zu kommen.

    Beim Warten auf die „kleinen Herrschaften“ am Küchentisch, wie wir sie in solchen Momenten nennen, komme ich ins Grübeln: Heute gibt es sogar noch Brötchen. Was wird es erst für ein Theater geben, wenn es mal nur noch „altes Brot“ oder „Knäcke“ geben wird, weil ... Nein, diese Gedanken verbiete ich mir. Ich will ja keine Panik entfachen – weder bei mir noch bei anderen.

    Und hamstern wollen wir ja nun auch nicht. Apropos, einkaufen müssen wir heute auf jeden Fall noch. Unser Fünf-Personen-Haushalt verschlingt schon in normalen Zeiten einiges. Und da essen die Jungs ihr zweites Frühstück und ihr Mittagessen in Schule und Kita, und mein Mann und ich essen auswärts.

    Jetzt muss mittags zu Hause gekocht werden. Lagerhaltung brauche ich gar nicht zu planen, just in time brauchen wir schon viel mehr Lebensmittel als sonst. Also fahre ich zum örtlichen Edeka und kriege – fast wundert es mich schon – noch alles, was wir brauchen. Nur Klopapier ist weg. Aber das stört mich nicht. Es gibt wirklich Wichtigeres.

    Grafik

    Kaum wieder zu Hause, wird schnell, schnell das Mittagessen gemacht. Es gibt das Lieblingsessen unseres Vierjährigen: Fischstäbchen mit Kartoffelbrei und Spinat. Zeit für Experimente und Kulinarik ist ein andermal, entscheiden wir. Das „Menü“ kommt so gut an, dass es sich der Jüngste großflächig im Gesicht verteilt. Wir lachen: Vielleicht sollten wir das nächste Mal, wenn wir Kleber brauchen und keinen finden, einfach Spinat mit Kartoffelbrei nehmen. Klebt super auf allen Unterlagen.

    Schließlich und endlich die Mittagspause – für uns Eltern im normalen Arbeitsalltag eine Phase der Entspannung mit Kaffee und Zeit für Schwätzchen mit den Kollegen. In unserem neuen Familienarbeitsleben wird die Mittagspause zur Hochleistungsphase.

    Denn: Der Jüngste macht sein Mittagsschläfchen, die beiden Großen dürfen Fernsehen. Sie entscheiden sich in der Mediathek für zwei Folgen „Terra X“. Sie lieben diese Sendungen wirklich, ziehen sie jedem Trick- oder Kinderfilm vor. Das schlechte Gewissen hält sich bei uns Eltern also in Grenzen: Bei diesen Sendungen lernen sie schließlich sogar noch was ... Ruhe kehrt ein ins Haus. Mein Mann und ich versinken in unseren Laptops, er im Keller, ich im Dachgeschoss.

    Die Mittagspause endet kurz vor 15 Uhr jäh mit dreifachem Geschrei. Dieses Mal wecken die Großen den Kleinen. Sie spielen den Ausbruch des Vesuvs nach (bei „Terra X“ ging es um die Zerstörung von Pompeji ...). Sie werfen Sesselkissen in die Luft und rennen schreiend durchs Wohnzimmer. Der Jüngste wird wach – und brüllt. Jetzt sind mein Mann und ich gefragt ... Einer allein reicht nicht. Also, doppelte Arbeitspause. Der Nachmittag verspricht die anstrengendste Phase im Home Care Office zu werden.

    Drei Prinzenrollen-Kekse und diverse Apfelachtelstücke nach dem jähen Ausbruch des Düsseldorfer Vesuvs herrscht wieder Ruhe. Doch auf den Zucker muss Action folgen. Wir beschließen, dass mein Mann mit den Jungs eine Fahrradtour am Rhein macht. Zwölf Kilometer. Knapp zwei weitere Stunden freie Arbeitszeit für mich.

    Die Tour verspricht zudem genug Anstrengung und frische Luft für einen frühen Feier-, pardon: Arbeitsabend. Um 20 Uhr sollen die lieben Kleinen schließlich im Bett liegen und schlafen, und wir Eltern wollen um diese Uhrzeit spätestens wieder am Rechner sitzen. So weit unser Plan. Schauen wir mal, ob es klappt. Ich bin noch optimistisch.

    Dienstag: zweite Runde im Familien-Stresstest

    Und morgen? Geht der Stresstest in die zweite Runde. Heute, an Tag eins, haben wir es uns noch einfach gemacht mit der Kinderbetreuung: morgens freies Spiel, nachmittags Ausflug. Morgen, an Tag zwei von Corona-frei, wird es ernster werden: Schulaufgaben stehen für unseren Großen an. Morgens Deutsch, nachmittags Mathe haben wir uns überlegt. Erst ein Arbeitsblatt aus der Schule, das laut Klassenlehrerin gemacht werden soll, dann die Lern-App Anton auf dem iPad. So der Plan ...

    Doch der wird nicht einfach zu erfüllen sein. Unser Erstklässler geht nämlich zwar gerne in die Schule, aber hauptsächlich wegen des Faches Sport, der Pausen und der Holz AG, wie er uns jüngst strahlend erzählte. Der Rest, das Erlernen von Lesen, Schreiben und Rechnen, wird so zwangsläufig und mehr oder weniger freudig mitgemacht.

    Handelsblatt Morning Briefing - Corona Spezial

    Mit seinen Hausaufgaben haben wir Eltern sonst auch wenig zu tun. Gott sei Dank, wie ich jeden Abend denke. Denn die erledigt er meist fast vollständig in der Offenen Ganztagsbetreuung. Denn das hat er schon kapiert: Sind die Hausaufgaben nicht erledigt, gibt es am Dienstag und Donnerstag kein Fußballtraining oder am Samstag kein Spiel.

    Der Widerstand morgen gegen die leidigen Hausaufgaben dürfte auch noch aus einem anderen Grund groß sein. Denn außerdem und überhaupt, so hat es uns der junge Mann schon prophylaktisch in puncto Hausaufgaben angekündigt, habe er „jetzt Corona-Ferien“.

    Also morgens, mittags, abends arbeiten, Lehrer mimen, spielen. Wie lange wir dieses Tagesprogramm in unserem Familienarbeitsleben wohl durchhalten? Ich frage mich das schon jetzt ... Und wann erwischt uns das Virus wohl? Oder hat es uns schon erwischt, und wir haben es gar nicht gemerkt? Sind vielleicht sogar schon immun? Schließlich hatten die Jungs in den letzten sechs Wochen natürlich schon mal Husten und wir Eltern Kopfschmerzen. Wir werden es wohl nie erfahren.

    Diese Ungewissheit, dieses Nicht-planen- und Nicht-wissen-Können ist auch eine krasse Erfahrung. Das mal nur am Rande angemerkt. Denn zum Grübeln bleibt mir und Ihnen, die sich vielleicht auch im Homeoffice mit Kindern befinden und jede ablenkungsfreie Minute nutzen müssen, eigentlich keine Zeit. Keine Zeit zum Nachdenken zu haben ist angesichts sich überschlagender Ereignisse und Nachrichten vielleicht auch gar nicht schlecht.

    Morgen werde ich mich erst einmal als Lehrerin versuchen. Das war eh der Traumjob meiner Eltern für mich. Ihres Erachtens der beste Beruf für eine Mutter mit Kindern ... Nun ja, ich habe diesen Beruf seinerzeit nicht nur aus Prinzip nicht gewählt. Ungeduld ist schließlich mein zweiter Vorname. Schauen wir mal, ob unser Erstklässler mit Mama Lehrerin klarkommt.

    Mehr: Bleibt zu Hause und bewahrt Ruhe! Die Zwanzigerjahre des 21. Jahrhunderts beginnen durch die Coronakrise mit einem Fanal. Was tun?

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