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Interview Investor Carsten Maschmeyer: „Die Rezession wird brutal“

Der Investor spricht im Interview über die akuten Risiken des Lockdowns. Für die Zeit nach Corona sieht Maschmeyer jetzt schon Anlagemöglichkeiten.
03.04.2020 - 08:12 Uhr 1 Kommentar
Der Investor warnt die Politik, dass die Coronakrise „nicht noch die unternehmerische Zukunft des Landes zerstören“ dürfe. Quelle: imago images/Future Image
Carsten Maschmeyer

Der Investor warnt die Politik, dass die Coronakrise „nicht noch die unternehmerische Zukunft des Landes zerstören“ dürfe.

(Foto: imago images/Future Image)

Düsseldorf Einem breiten Publikum ist Carsten Maschmeyer mittlerweile vor allem als Juror aus der Start-up-Castingshow „Höhle der Löwen“ bekannt. Doch für den Investor sind junge Unternehmen kein Spiel, sondern Tagesgeschäft und Herzensangelegenheit zugleich. Entsprechend kritisch sieht er die Gegenwart: Die anstehende Rezession, so fürchtet er, werde „brutal“ – für den Dienstleistungssektor, aber auch für junge Unternehmer.

Da müsse man auch mit den Start-ups „offen über die Umsatzausfälle und Zahlungsschwierigkeiten sprechen“. Der Markt werde „unter anderem eine Deflation der Assets erleben. Die vorhergegangenen Preissteigerungen vieler Anlageklassen hatten ja teilweise nichts mehr mit der Realität zu tun“, so Maschmeyer.

Zugleich appelliert er an die Politik: „Corona zerstört unsere Gegenwart, darf aber nicht noch die unternehmerische Zukunft des Landes zerstören.“ Die Entscheidung des Bundes, für kleine, junge Firmen weitere zwei Milliarden Euro zur Verfügung zu stellen, komme „zur richtigen Zeit“. Maschmeyer weiter: „Wir dürfen uns da auf Zukunftsgebieten wie KI durch Finanzierungsengpässe weder von den USA noch von China die Butter vom Brot nehmen lassen.“

Die Nach-Corona-Welt werde eine andere sein als die, die wir heute noch kennen: „Die Zukunft ist – und das befeuert Corona natürlich – digital total. Auch die letzten Konsumenten, die bislang gern in Geschäfte gegangen sind, haben plötzlich ein neues Familienmitglied namens Amazon“, prophezeit Maschmeyer.

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    Die Pandemie werde „zumindest einem weiteren Teil des hiesigen Einzelhandels den Todesstoß versetzen“. Andererseits glaubt er auch, dass „der Glasfaserausbau und damit auch die Internetversorgung auf dem Land viel rasanter und effizienter vonstattengehen werden“.

    Der Investor warnt: „Wir müssen jetzt erst mal überleben – ganz körperlich. Aber wir müssen uns dieses Überleben später auch finanziell noch leisten können. Insofern können wir nicht nur auf die Virologen hören, sondern müssen ebenso den Rat der Wirtschaftsexperten einholen.“

    Das ganze Interview lesen Sie hier:

    Herr Maschmeyer, an wie vielen Start-ups sind Sie aktuell beteiligt?
    Rund 80, gut verteilt über Deutschland, Europa und die USA sowie viele unterschiedliche Branchen. Insofern haben wir einen ganz guten Überblick, wie es der Szene gerade geht.

    Nicht gut, nehmen wir an.
    Es gibt zumindest einige, die von den enorm gewachsenen Onlinezugriffen stark profitieren. In unserem Portfolio etwa Usercentrics, das sich um alle Themen rund um die Datenschutzgrundverordnung kümmert. Oder pflege.de, eine Informationsplattform rund um das Thema Altenpflege. Digitale B-to-B-Geschäftsmodelle, die Kosten, Zeit, Personal und Nerven sparen, laufen gut. Ebenso natürlich der E-Commerce, in dem wir allerdings kaum vertreten sind. Aber natürlich leiden die meisten Start-ups derzeit wie der Rest der Wirtschaft – und das ja in einer weitaus sensibleren Phase ihrer Unternehmensgeschichte als etwa etablierte Konzerne.

    Viele junge Firmen müssen vor allem um ihre Finanzierungen bangen.
    Leider, ja. Und es gibt Investorengruppen, die in so einer Krise nun komplett ausfallen.

    Welche etwa?
    Vermögende Family Offices, die sich in den vergangenen Jahren über schöne Gewinne mit Aktien oder Immobilien freuen und deswegen in Start-ups investieren konnten und nun schnell mal 20, 30 Prozent verloren haben. Das Geschehen an den Börsen kennen Sie, und das Immobiliengeschäft würde ich derzeit als illiquide bezeichnen. Da finden ja keinerlei Transaktionen, Besichtigungen oder gar Notartermine mehr statt. Solche Leute investieren jetzt zumindest in den Venture-Sektor kein weiteres Geld mehr, denn sie haben beachtliche Prozente ihres Vermögens in den anderen Assetklassen verloren.

    Wie charakterisieren Sie die anderen Investoren?
    Da gibt es noch die Pausierer, die einfach mal abwarten. Die Abspringer, die es sich einfach nicht mehr leisten können. Außerdem gibt es die Ausnutzer, die sich jetzt viele Anteile an den Jungunternehmern zu Schnäppchenpreisen sichern wollen. Und es gibt die Weitermacher, die sachlich analysieren, welche Geschäftsmodelle auch nach Corona das größte Potenzial versprechen.

    Sie sind eher ein „Weitermacher“ – oder ziehen Sie jetzt auch den einen oder anderen Stecker?
    Natürlich muss in so einer Sondersituation alles auf den Prüfstand. Und auch die Start-ups müssen und wollen ihre Businesspläne anpassen. Wir werden unter anderem eine Deflation der Assets erleben. Die vorhergegangenen Preissteigerungen vieler Anlageklassen hatten ja teilweise nichts mehr mit der Realität zu tun. Aber ich will sicher nicht die missliche Lage vieler junger Unternehmer ausnutzen, sondern mit denen auf Augenhöhe realistische neue Prognosen beleuchten. Man muss da offen über die Umsatzausfälle und Zahlungsschwierigkeiten sprechen.

    Regierung legt Milliarden-Hilfsfonds für Start-ups auf

    Was raten Sie den Jungunternehmern?
    Mut, Fleiß und Durchhaltewillen nicht zu verlieren. Zurzeit hilft auch denen an vielen Stellen das Instrument der Kurzarbeit. Ein wichtiger Posten kann es zudem sein, sich sozialversicherungspflichtige Beiträge oder Mehrwertsteuer vom Staat stunden zu lassen. Und auch in den Diskussionen mit den Vermietern steckt Potenzial. Man muss da offen miteinander sprechen.

    Und die Finanzhilfen des Bundes?
    Die Unterstützung bis zu 15.000 Euro für Kleinst-Gewerbetreibende ist gut, greift aber für viele zu kurz. Erst für Start-ups mit Bewertungen über 50 Millionen Euro gibt’s dann wieder Mittel. Das große Feld dazwischen hat momentan noch große Probleme. Deshalb kommt die Ankündigung in dieser Woche, dass der Bund nun zwei Milliarden Euro auch für kleinere Start-ups zur Verfügung stellt, zur richtigen Zeit. Corona zerstört unsere Gegenwart, darf aber nicht noch die unternehmerische Zukunft des Landes zerstören. Wir dürfen uns da auf Zukunftsgebieten wie KI durch Finanzierungsengpässe weder von den USA noch von China die Butter vom Brot nehmen lassen.

    Wie lange kann und darf der Lockdown der Weltwirtschaft noch andauern?
    Wir müssen jetzt erst mal überleben – ganz körperlich. Aber wir müssen uns dieses Überleben später auch finanziell noch leisten können. Insofern können wir nicht nur auf die Virologen hören, sondern müssen ebenso den Rat der Wirtschaftsexperten einholen…

    … die ja unisono sagen: Je länger es dauert, umso tiefer und gefährlicher wird die Rezession.
    Daraus muss die Politik verantwortungsbewusste Entscheidungen ableiten, um die ich sie nicht beneide. Jedenfalls wird es danach eine neue Zeitrechnung geben.

    Inwiefern?
    Wir werden von der Zeit „vor Corona“ sprechen und von der Zeit „nach Corona“. So wie vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Ich denke, dass wir diesmal schlimmer getroffen werden als durch die Lehman-Pleite und anschließende Finanzkrise ab 2007, aber weniger hart als von der Weltrezession in den 1930er-Jahren.

    Wie hart wird die gegenwärtige Rezession?
    Ich fürchte brutal, gerade für den Dienstleistungssektor. Service kann man nicht speichern. Da werden viele Unternehmen gerettet werden müssen. Ihr Überleben hilft ja auch deren jeweiliger Hausbank. Und nicht jede Hilfsmaßnahme macht Sinn, weil sich jetzt natürlich auch und vor allem die schon vor Corona Schwachen als Opfer des Virus gerieren. Es ist ja viel charmanter, ein Virus für die Pleite verantwortlich zu machen als das eigene Unvermögen als Manager. Die KfW, bislang eher Insidern bekannt, wird als Retter-Bank nun jedenfalls ein echter Machtfaktor im Land.

    Wie wird sich die Nach-Corona-Zeit von der Gegenwart unterscheiden?
    Der Neustart bedeutet unter anderem: Bislang weltweit fein zerlegte Lieferketten werden wieder entglobalisiert. In bestimmten Bereichen wird es eine klar nationale oder regionale Produktion geben. Die Eigenversorgung wird eine wachsende Rolle spielen.

    Die Kartoffel wird die neue Mango?
    So weit geht’s sicher nicht gleich. Aber Medikamente, Medizinprodukte, Schlüsseltechnologien – da könnte schon viel zurückkommen, auch weil man es zu Hause einfach besser kontrollieren kann. Schauen Sie sich an, wie in Teilen der deutschen Industrie gerade die Lieferketten erodieren.

    Tina Müller ist als Douglas-Chefin besonders hart getroffen und musste wegen Corona fast all ihre 2400 Filialen schließen. Aber auch sie hält die Pandemie für einen „Katalysator“, was die Digitalisierung angeht. Korrekt?
    Auf jeden Fall. Die Zukunft ist – und das befeuert Corona natürlich – digital total. Auch die letzten Konsumenten, die bislang gern in Geschäfte gegangen sind, haben plötzlich ein neues Familienmitglied namens Amazon.

    Das Ende der deutschen Fußgängerzone?
    Corona wird zumindest einem weiteren Teil des hiesigen Einzelhandels den Todesstoß versetzen. Das ist wie bei der Pandemie: Wer schon unter Vorerkrankungen litt, wird die jetzige Krise möglicherweise nicht mehr überleben.

    Grafik

    Wer profitiert von dieser Revolution?
    Der Glasfaserausbau und damit auch die Internetversorgung auf dem Land werden viel rasanter und effizienter vonstattengehen. Auch digitales Lernen wird einen Riesenschub erleben. Warum muss ein Kind jeden Tag zu Fuß, mit Fahrrad, Bus oder Auto oft lange Strecken in die Schule zur traditionellen Tafel und Kreide zurücklegen?

    Weil uns soziale Kontakte erst zum Menschen machen?
    Die Interaktion ist natürlich wichtig. Aber ob Lernerfolge davon abhängen, dass mir ein Lehrer ausschließlich physisch gegenübersteht, wage ich zu bezweifeln.

    Wird sich auch unser Privatleben verändern?
    Auf jeden Fall. Einwählen wird das neue Reisen. Homeoffice hat ja funktioniert – und wird deshalb ausgeweitet. Im Gegenzug können sich die Unternehmen viele teure Büroflächen sparen, was einen gigantischen Einbruch im Bereich der Gewerbeimmobilien nach sich ziehen könnte.

    Bringt das Homeoffice nicht auch neue Probleme?
    Es klappt jedenfalls meistens viel besser, als wir das alle vor der Krise erwartet haben. Und ob jemand loyal und fleißig arbeitet, hat mit dem Ort seiner Tätigkeit am Ende nichts zu tun. Nichtstuer können sich auch in den schönsten Großraumbüros verstecken. Und in diesem Zusammenhang wird auch eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten folgen. Manche sind nun mal eher nachts produktiv, andere frühmorgens. Dem kann das Homeoffice viel besser Rechnung tragen. Insofern könnte sich unsere ganze Arbeitskultur verändern.

    Und der Investor Maschmeyer? Wird künftig noch mehr in digitale Geschäftsfelder investieren als eh schon?
    Cash wird King sein – wie einst nach der Lehman-Bankenkrise. Manche Firmenbewertungen werden Einstiegschancen zu günstigeren Preisen bei funktionierenden Firmen bieten. Die guten, aktiv gemanagten Aktienfonds sind in der jetzigen Krise deutlich erfolgreicher als Indexfonds. Wie bei jeder Krise gibt es Gewinner und Verlierer und somit auch Investitionschancen.
    Herr Maschmeyer, vielen Dank für das Interview.

    Mehr: Abhängigkeit von ausländischen Geldgebern wird für Start-ups zum Problem

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    1 Kommentar zu "Interview: Investor Carsten Maschmeyer: „Die Rezession wird brutal“"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Mann o Mann, HB. Ihr sucht euch als Interviewpartner, aber auch immer Gestalten.
      Frank Thelen, Alexander Dibelius, Hans Werner Sinn, und jetzt dieser König der Drückerkolonnen.
      Unterirdischer gehts wohl nicht mehr? Als nächstes laden Sie vermutlich noch Mario Ohoven ein.
      "Alles große Persönlichkeiten, die viel zur Lösung und Einordnung der gegenwärtigen Probleme beitragen können".
      Etwas mehr Fallhöhe bitte! Der Lage angemessen.

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