Mobilitätskonzepte: So sehr können sich Dienstfahrräder lohnen
Seit 2012 erlaubt der Gesetzgeber die Gehaltsumwandlung für Diensträder.
Foto: ImagoAls vor zehn Jahren die ersten Leasingangebote für Fahrräder auf dem Markt waren, schüttelten die Chefs über dieses Ansinnen den Kopf. Fahrrad? Leasen? Nur um Mitarbeiter fit zu halten? Eher nicht.
An dieser Meinung hat sich bis heute im Grundsatz nicht viel geändert. Um ein vom Arbeitgeber geleastes Fahrrad auch privat fahren zu dürfen, haben Mitarbeiter meist keine andere Wahl, als auf einen kleinen Teil ihres Gehalts zu verzichten. Ein kleiner Teil des Gehalts wird dabei zur Finanzierung der Leasingraten einbehalten. Das Nettogehalt sinkt, und für den Arbeitgeber sinken damit die Sozialabgaben.
Das „Tandem“ aus Gehaltsverzicht und Arbeitgebervorteil wird allerdings angenommen. 200.000 geleaste Dienstradler sind laut Schätzungen mit dem Vehikel Entgeltumwandlung unterwegs. Marktführer ist Jobrad, mittlerweile ziehen Wettbewerber wie Bikeleasing-Service oder Eurorad Bikeleasing nach.
Sie fungieren als Mittler zwischen Fahrradhandel, Arbeitgeber und Leasinggesellschaften. Die Refinanzierung übernehmen Spezialisten wie Mercator Leasing, Würth Leasing, IKB-Leasing, Hofmann Leasing Bank und Glinicke Leasing. Sie alle haben ihr Geschäftsmodell und die Prozesse auf das Modell Entgeltumwandlung getrimmt.
Andere Optionen gibt es derzeit nicht. Dabei bietet ein Mobilitätsbudget im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements für Fahrradleasing Experten zufolge riesiges Potenzial. Die Chance wird aber nicht genutzt – weder vom Gros der Unternehmen noch von den großen Leasingfirmen, die bislang für das Konzept „Mobilitätsbudget“ noch keine Angebote parat haben.
Bislang stellt Kai Gebhardt deshalb eine Ausnahme dar. Der Personalchef von ebm Papst, einem Hersteller von Elektromotoren und Ventilatoren in Mulfingen, hat irgendwann die Krankenstatistik der „Job-Radler“ im Betrieb mit der radelabstinenten Gesamtbelegschaft verglichen. Der Krankenstand der Gesamtbelegschaft ohne Jobradler betrug 5,94 Prozent. Die Jobradler kamen auf nur 3,67 Prozent.
Die Konsequenz daraus: ebm Papst kooperiert seit 2013 mit Jobrad. Die Leasingfirma verleast Fahrräder als Bestandteil des betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) an ebm Papst. Jobrad ist einer der Ersten, die BGM mit Diensträdern kombinieren. „Die besten Gesundheitsangebote bringen nichts, wenn niemand Interesse daran hat. Fahrräder sind ein Selbstläufer. Und das Beste: Die Mitarbeiter sagen es den anderen weiter“, so der Personaler.
Solche innovativen Leasingangebote bringen für die Unternehmenskunden messbare Einsparungen. Laut einer Studie der Ecolibro GmbH sind Mitarbeiter, die täglich zur Arbeit radeln, rund zwei Tage im Jahr weniger krank als der Durchschnitt der „radlosen“ Belegschaft. Bei einem durchschnittlichen Fehlkostensatz von 280 Euro je Werktag errechnen sich bei zwei Fehltagen bei Lohnfortzahlung bereits Kostenersparnisse für Unternehmen in Höhe von 560 Euro pro Mitarbeiter.
Ein Pedelec mit einem Anschaffungswert von etwa 1800 Euro kostet bei einem effektiven Jahreszins von 8,5 Prozent und einer Laufzeit von vier Jahren 525,60 Euro pro Jahr, hat das Ministerium für Finanzen und Wirtschaft Baden-Württemberg errechnet.
Nicht eingerechnet sind die 10.000 bis 12.000 Euro Kosten pro Parkplatz, die Firmen für die Pkw ihrer Mitarbeiter vorhalten müssen. Angesichts dieser Kalkulation stellt sich die Frage, warum die Arbeitgeber Fahrradleasing nicht einfach als BGM-Investment verbuchen, sondern die Arbeitnehmer die Leasingraten „abstrampeln“ lassen. Zumal die Entgeltumwandlung mit hohem Verwaltungsaufwand verbunden ist.
(Mikro)-Mobilitätsbudget
Experten raten daher für die Zukunft lieber zu einem (Mikro)-Mobilitätsbudget für alle Mitarbeiter, das den sparsamen Umgang mit Mobilität – also das Abstrampeln statt Auto oder Taxi – monetär belohnt. „In Zukunft wird es darum gehen, alle Mitarbeiter abzuholen, auch die, die dem Fahrrad bisher nichts abgewinnen können“, sagt Gunter Glück, Vorsitzender Netzwerk intelligente Mobilität.
Ein weiterer wichtiger Parameter bei der Akzeptanz neuer Angebote ist die Wahlfreiheit. Ein zeitgemäß ausgestaltetes Mobilitätsbudget ermöglicht daher nicht nur ein Fahrrad, sondern schließt beispielsweise auch Carsharing und die Nutzung des ÖPNV mit ein.
Fahrradfahren im Winter ist zudem nicht jedermanns Sache. Zwar besagt die Ecolibro-Studie, dass Sommerradler im Schnitt zwei Tage länger „erkältet“ sind als „Ganzjahresnutzer“. Doch unterm Strich dient jeder Tritt in die Pedale der Gesundheit und zahlt in die betriebliche und volkswirtschaftliche Kasse ein.
Erfolgsvoraussetzung ist nach Beobachtungen von Experten, dass der Arbeitnehmer keine Maßnahme aufgedrängt bekommt, sondern freiwillig, flexibel, stressfrei und monetär zu seinen Gunsten wählen kann. Das heißt aber auch, dass er eigenverantwortlich und privat über sein Budget verfügen kann.
Selbst die „Fahrradspezialisten“ unter den Leasingfirmen stellt ein solches Konzept allerdings vor Herausforderungen. Sie müssen ihre Geschäftsmodelle komplett umstellen, wollen sie in dem neuen Segment mitmischen. Bisher wurden die Leasingverträge vorwiegend mit einem Unternehmen als Leasingnehmer über Hunderte Fahrräder und mit einer Bonitätsprüfung, einem einheitlichen Vertragswerk und automatisierten Prozessen geschlossen.
Das würde sich ändern. Bislang werden einzelne Fahrräder zum Beispiel über die Grenke AG in Baden-Baden über Fachhändler vor Ort an Privatpersonen verleast. Auf ein kleinteiliges Geschäft mit vielen Bonitätsabfragen für Tausende privater Kunden sind die Kapazitäten der meisten Leasinggeber nicht eingestellt.
Gute Marktchancen haben daher Anbieter, die zukünftig einen effektiven Algorithmus für das Privatleasing im kleinteiligen und tendenziell margenschwachen Segment der Mikromobilität entwickeln. Denn nach E-Bikes, Pedelecs und elektrisch betriebenen Lastenrädern steht schon das „nächste große Ding“ vor der Tür: Tretroller mit E-Motor.