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EuropaBlack Semiconductor bietet Halbleiterlösungen für die Industrie

Gewinner des Digitalpreises „The Spark“: Das Start-up aus Aachen entwickelt eine disruptive Halbleitertechnologie – und könnte Europa unabhängiger von Asien und den USA machen.Christof Kerkmann, Joachim Hofer 10.11.2025 - 08:29 Uhr Artikel anhören
Black-Semiconductor-Gründer Sebastian und Daniel Schall: Die Gewinner des Digitalpreises „The Spark“. Foto: Marc-Steffen Unger

München. Selten hat ein Start-up hierzulande so hohe Subventionen erhalten: Knapp 229 Millionen Euro haben der Bund und das Land Nordrhein-Westfalen Black Semiconductor vergangenes Jahr zugesagt. Rund 26 Millionen Euro stellten darüber hinaus Wagniskapitalgeber zur Verfügung. Und eine weitere Finanzierungsrunde könnte nächstes Jahr folgen.

Die vor fünf Jahren gegründete Firma will Halbleiter entwickeln, die ein Vielfaches leistungsfähiger sind als die heute üblichen Bauelemente. Das 100-köpfige Team der Brüder Daniel und Sebastian Schall arbeitet daran, Daten von einem Chip zum anderen zu schicken – und zwar per Licht. Im industriellen Maßstab hat das noch niemand geschafft.

Datentransport mit Licht

Die Ingenieure müssen optische und elektronische Schaltungen zusammenführen. Als Verbindungsmaterial nutzt Black Semiconductor Graphen, also Kohlenstoff in einer einzelnen, besonders dünnen Schicht. Graphen kann Licht schnell und über große Entfernungen leiten. Es ist jedoch schwierig aufzubringen.

Chiphersteller könnten mit der Technologie Milliardensummen sparen, die sie momentan jedes Jahr ausgeben, um die unfassbar kleinen Strukturen auf den Bauteilen weiter zu schrumpfen. Auf einem Chip von der Größe eines Fingernagels befinden sich heute mehr als 100 Milliarden Transistoren.

Weil es immer aufwendiger wird, diese zu verkleinern, stapelt die Branche inzwischen mehrere Chips übereinander oder ordnet sie unmittelbar nebeneinander an. Die Bauelemente zu verbinden, ist hochkomplex, wenn es überhaupt funktioniert. Erklärtes Ziel des Start-ups ist es, tausende Halbleiter so zu koppeln, als wären sie ein einziges Bauteil.

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„Wir wollen weltweit Technologie bereitstellen – von Europa aus. Das gesetzte Ziel ist der Börsengang, wir wollen eigenständig bleiben“, sagte Co-Gründer Daniel Schall in München bei der Preisverleihung.

Black Semiconductor ging aus der RWTH Aachen hervor. Im Labor hat sich das Vorgehen bewährt. Die Brüder Schall wollen nun am Firmensitz in Aachen eine Produktionslinie aufbauen, die sogenannte Fab1. 15.000 Quadratmeter Fabrikfläche stehen dafür bereit. Die benötigten Maschinen sind teuer. Ebenso wie der Bau und Unterhalt eines Reinraums, in dem Black Semiconductor, wie in der Chipbranche üblich, produziert.

Reinraum von Black Semiconductor: 2027 soll die Pilotfertigung beginnen. Foto: Black Semiconductor

Rat von Nvidia-Gründer Jensen Huang

Noch bevor die Brüder Schall ihre Firma gründeten, suchten sie Rat beim erfolgreichsten Gründer der Chipbranche, Nvidia-Chef Jensen Huang. Den Milliardär kontaktierten sie unbürokratisch über das Karriereportal LinkedIn. Innerhalb eines Tages habe er geantwortet – und sie mit einem Photonik-Spezialisten des Konzerns vernetzt, berichtet Daniel Schall. „Der sagte uns: Jungs, das ist eine super Idee, aber das Design an die Fab zu schicken kostet 200 Millionen – ich hätte gern einen Beweis, dass es letzten Endes funktioniert.“

Für die beiden ambitionierten Gründer sei das die erste wichtige Lektion gewesen, sagt Daniel Schall: „Das Urproblem von Deep Tech: Man benötigt sehr früh sehr viel Geld, sonst hat man keine Chance, überhaupt anzufangen.“

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Wie wichtig eine gut gefüllte Kasse ist, zeigte sich zu Jahresbeginn. Da übernahm Black Semiconductor den niederländischen Graphen-Spezialisten Applied Nanolayers. Durch die Übernahme der kleinen Firma mit zehn Beschäftigten wollen die Schall-Brüder zwei Jahre Entwicklungszeit sparen.

Applied Nanolayers brachte zwölf Jahre Erfahrung in der Graphenproduktion mit ein. Zudem erwarb Black Semiconductor eine Fertigungslinie mit einer Kapazität von 10.000 Wafern. Als Wafer bezeichnen Fachleute die Scheiben, auf denen Chips entstehen. Allerdings produziert Applied Nanolayers lediglich auf Wafern mit 200 Millimeter Durchmesser. In der neuen Fabrik in Aachen will das Start-up Scheiben mit 300 Millimetern verarbeiten – inzwischen die in der Branche übliche Größe.

In der neuen Fabrik soll 2027 die Pilotproduktion starten, 2029 dann die Volumenfertigung beginnen.

Black Semiconductor als Faustpfand für Europa

Europa ist abhängig von asiatischen und amerikanischen Chipherstellern. Mit einer eigenen Produktionsstätte für die neuartige Halbleitertechnologie könnte die EU Verhandlungsmasse schaffen, wenn sich der Streit um die Chips verschärft.

Denn die Bauteile werden zunehmend eingesetzt, um andere Länder unter Druck zu setzen. So wie aktuell beim Streit um den niederländischen Halbleiterhersteller Nexperia. Aus Sorge, dass wesentliches Know-how abfließt, hat die Regierung in Den Haag dem chinesischen Eigentümer Wingtech die Kontrolle über den Konzern entzogen. Daraufhin stoppten die Behörden in China den Export von Nexperia-Chips aus chinesischen Fabriken. Seither bangt insbesondere die deutsche Autoindustrie um den Nachschub an Nexperia-Chips.

„Die Nexperia-Krise zeigt, dass wir in Europa in bestimmten, kritischen Technologien Know-how aufbauen müssen“, sagt Christian Grimmelt, Chipexperte der Beratungsgesellschaft Berylls by Alix Partners.

Weil Black Semiconductor klassische Chips nicht einfach weiterentwickelt, sondern eine disruptive Technologie setzt, ist die Firma für ganz Europa relevant. In einem stark wachsenden Markt könnten die Aachener damit eine Führungsrolle einnehmen, denn über Black Semiconductor lassen sich Standards und Schnittstellen eines Tages womöglich maßgeblich mitgestalten.

Fertigung bei Black Semiconductor: Ende des Jahrzehnts soll die Serienproduktion beginnen. Foto: Black Semiconductor

Europa wird damit für internationale Kooperationen attraktiver und ist weniger erpressbar bei Preis- oder Lieferbedingungen. Wenn Black Semiconductor erfolgreich skaliert, könnte Europa eine kritische Komponente für KI-Systeme kontrollieren und zum Exporteur statt zum Importeur in einem Zukunftssegment werden.

Der Misserfolg eines anderen Aachener Start-ups schreckt die zwei Gründer indes nicht. In der weitläufigen Halle, in der bald die Chipmaschinen stehen werden, sollte einst der elektrische Stadtflitzer e.GO Life produziert werden. Dem ambitionierten Vorhaben ging 2024 das Geld aus. Wenige Monate später zog Black Semiconductor ein – mit deutlich üppigeren Mitteln.

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Erstpublikation: 07.11.2025, 18:25 Uhr.

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