Rüstungsindustrie: Staaten rüsten ihre Marine auf – Schiffbauer Fincantieri hofft auf Auftragsboom
München. Der italienische Schiffbaukonzern Fincantieri rechnet mit einem Auftragsboom für die Marineindustrie – und damit auch für das eigene Unternehmen. Die Welt spalte sich wieder in zwei Blöcke und das geopolitische Umfeld habe sich stark verändert, sagte Vorstandschef Pierroberto Folgiero dem Handelsblatt. „Die steigenden Investitionen in die Sicherheit spiegeln sich auch in einer größeren Nachfrage bei uns.“
Fincantieri ist neben dem Bau von Kreuzfahrtriesen und Spezialschiffen für die Offshore-Industrie stark im Verteidigungssektor engagiert. Seit 1990 hat das Unternehmen mit Sitz in Triest mehr als 130 Marineschiffe ausgeliefert. Der Konzernumsatz über alle Bereiche lag in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres bei knapp 5,4 Milliarden Euro – 1,3 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Der Auftragseingang stieg im selben Zeitraum um 23 Prozent.
Das starke Wachstum im Marinegeschäft dürfte weitergehen: Nach jüngsten Zahlen des International Institute for Strategic Studies (IISS) sind die weltweiten Rüstungsausgaben im vergangenen Jahr auf den Rekordwert von 2,2 Billionen Dollar gestiegen – ein Plus von neun Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Ein wachsender Teil der Gelder dürfte in die maritime Rüstung fließen. Investitionen in die Marine seien den Steuerzahlern leicht zu erklären, sagt Folgiero. Schiffe könnten nicht nur mögliche Gegner abschrecken. „Sie können auch Handelswege schützen, wie aktuell vor Angriffen der Huthi-Rebellen, oder unterseeische Pipelines, Telekommunikationskabel und im Meeresboden lagernde Rohstoffe.“
Die EU hat gerade die Mission Aspides gestartet, um die Handelsschifffahrt im Roten Meer vor Angriffen der Huthis zu schützen. Deutschland beteiligt sich mit der Fregatte „Hessen“.
Australien und Italien investieren in ihre Flotten
Die Seewege offen zu halten, sei eine Kernaufgabe der Marine, sagte der deutsche Marineinspekteur Jan Christian Kaack kürzlich. „Wenn wir das nicht schaffen, dann werden wir weder in Frieden unsere Wirtschaft am Laufen halten noch in Krise oder Konflikt unsere Verteidigungsbereitschaft erhalten.“
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Auch angesichts chinesischer Machtdemonstrationen im Indopazifik hat Australien gerade eine massive Aufrüstung angekündigt. Umgerechnet 6,7 Milliarden Euro will das Land in den kommenden Jahren in seine Kampfflotte investieren, wie der Sender ABC kürzlich unter Berufung auf das Verteidigungsministerium berichtete. So ist unter anderem geplant, elf neue Mehrzweckfregatten anzuschaffen, die teilweise im Ausland gebaut werden sollen.
Auch Italien hat zuletzt in die Modernisierung seiner Flotte investiert. „Deshalb haben wir Angebote, die gut erprobt sind, sich bewährt haben und geschätzt werden“, sagt der Fincantieri-Chef.
Sein Unternehmen besitzt eine starke Position beim Bau von Fregatten der sogenannten Fremm-Klasse und Korvetten. Vor fünf Jahren hat Fincantieri einen bedeutenden Auftrag der US-Marine erhalten, die die Plattform der Italiener als Basis für ihr eigenes Fregattenprogramm nutzt.
Auch mit der staatlichen Edge-Group aus den Vereinigten Arabischen Emiraten hat Fincantieri erst in dieser Woche ein Eckpunktepapier über ein geplantes Joint Venture unterzeichnet. Das Gemeinschaftsunternehmen soll unter anderem Fregatten und U-Boote entwickeln und bauen.
In Europa ist die Schiffbauindustrie dagegen noch weitgehend national ausgerichtet. Folgiero plädiert daher für eine intensivere Rüstungskooperation „Es gibt immer viel Applaus, wenn eine stärkere europäische Verteidigungspolitik gefordert wird“, sagt der Italiener, der seit Mai 2022 an der Konzernspitze steht. „Aber man muss den Worten auch Taten folgen lassen.“
Gerade im Schiffbau mache es sehr viel Sinn, gemeinsame Plattformen zu nutzen, die jede Nation dann nach eigenen Wünschen ausstatten könne. Das würde bedeuten, dass die Schiffsrümpfe weitgehend einheitlich sind, dann aber individuell mit Radaren, Software oder Bewaffnung bestückt werden.
Auf dem deutschen Markt sind lukrative Großaufträge aber bereits vergeben. Die Bundeswehr will unter anderem neue Fregatten, Korvetten und U-Boote anschaffen. Der Bau der ersten von zunächst vier geplanten Fregatten der Klasse F126 im Gesamtwert von mehr als fünf Milliarden Euro hat im Dezember 2023 in Wolgast begonnen.
Generalunternehmer für den Auftrag ist die niederländische Damen Schelde Naval Shipbuilding, die mit Blohm+Voss, einer Tochter der deutschen Gruppe Naval Vessels Lürssen, und der französischen Thales zusammenarbeitet. Die Schiffe werden alle in Deutschland gebaut, das erste soll voraussichtlich 2028 ausgeliefert werden.
Interesse an Thyssen-Krupp Marine Systems
Bei Thyssen-Krupp Marine Systems (TKMS) hat im September der Bau von sechs U-Booten des Typs 212 CD begonnen, von denen vier für die norwegische Marine und zwei für die Bundeswehr bestimmt sind.
TKMS und Fincantieri kooperieren schon lange bei verschiedenen Projekten. Im Zuge der Überlegungen, TKMS aus dem Thyssen-Krupp-Konzern herauszulösen, hatte es im Jahr 2022 auch Gespräche über einen Verkauf an die Italiener gegeben. Doch aktuell zeichnet sich ab, dass der deutsche Staat über die Förderbank KfW Anteile übernimmt und TKMS als eigenständiges Unternehmen erhalten bleibt.
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Er glaube, dass ein Erfolg dieses Projekts sehr vorteilhaft für das Unternehmen und die gesamte Schiffbauindustrie sein werde, sagte der Fincantieri-Chef. Aber wenn TKMS eine stärkere Zusammenarbeit anstrebe, stehe sein Unternehmen weiter bereit, um Mehrwert zu schaffen, betonte Folgiero. „Wir passen gut zusammen, weil wir sehr ähnlich sind und schon seit 25 Jahren zusammenarbeiten.“