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KommentarEZB und Fed agieren in zwei Welten

Die allergische Reaktion der Finanzmärkte auf den Inflationsschock in den USA ist begründet: Die Fed muss umdenken. Für die EZB stellt sich die Realität anders dar.Stefan Reccius 11.04.2024 - 17:26 Uhr
Fed-Chef Jerome Powell erlebt Rückschläge im Kampf um die Preisstabilität. Foto: dpa

Der Realitätsschock ist da. Die US-Inflation hat sich den dritten Monat nacheinander beschleunigt – und der jetzige Anstieg von 3,2 auf 3,5 Prozent ist noch kräftiger als erwartet ausgefallen. Diese Entwicklung lässt sich nicht mehr als vorübergehender Rückschlag abtun. Die amerikanische Notenbank Fed hat ein großes Problem.

Die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen sprangen auf mehr als 4,5 Prozent nach oben. Die Experten der Deutschen Bank protokollierten den stärksten Tagesausschlag nach oben bei einer der wichtigsten Kennzahlen an den Finanzmärkten seit September 2022. Seinerzeit steckte die Fed noch mitten in einer Serie von Zinserhöhungen.

Der Inflationsschock hat Anleger aufgeschreckt. Auch weil Händler an den Terminmärkten binnen Stunden eine volle Zinssenkung bis Ende 2024 durch die Fed „ausgepreist“ haben, wie die Börsianer sagen. Sie erwarten jetzt noch maximal zwei Zinssenkungen – zu Jahresbeginn lagen die Erwartungen bei mehr als sechs. Bei höheren Zinsen sind Aktien generell weniger attraktiv.

Die allergische Reaktion von Anlegern und Investoren ist begründet. Die US-Wirtschaft hat die Zinserhöhungen beeindruckender abgeschüttelt, als das die meisten Ökonomen für möglich hielten. Die Konjunktur boomt. Die Unternehmen verdienen prächtig. Der Arbeitsmarkt läuft heiß. Die Löhne steigen unvermindert.

Selbst US-Präsident Joe Biden sah sich zu einer Reaktion genötigt: Er habe einen Plan, um die Wohnkosten zu senken, ließ er in einer Stellungnahme aus dem Weißen Haus verlauten. Und er fordere die Unternehmen auf, ihre Rekordgewinne für Preissenkungen zu nutzen.

Inflationsbekämpfung bleibt meine oberste wirtschaftliche Priorität.
Joe Biden
US-Präsident

Biden scheint die Trendumkehr im Kampf um Preisstabilität allmählich unheimlich zu werden – und das sollte sie auch. Denn es tritt ein, wovor Ökonomen gewarnt haben: Die überdimensionierten Konjunkturprogramme der Biden-Regierung treiben nicht nur die Wirtschaft an, sondern auch die Inflation in die Höhe.

Der Federal Reserve wird deshalb gar nichts anderes übrigbleiben, als die Zinswende bis auf Weiteres abzusagen. Eine Zinssenkung im Juni wäre töricht. Sie würde die Glaubwürdigkeit der Fed im Streben nach Preisstabilität schwer ramponieren.

EZB: Kreditvergabe an Firmen springt nicht an

Grundsätzlich besteht diese latente Gefahr auch für die Europäische Zentralbank (EZB). De facto stellt sich die wirtschaftliche Realität für die EZB aktuell aber markant anders dar: Die Inflation sinkt, vereinzelte Ausreißer ausgenommen. Die Konjunktur lahmt. Wachstumsimpulse sind kaum auszumachen. Die Unternehmen sind gehemmt.

Christine Lagarde, Präsidentin der EZB: Auch strukturell agieren EZB und Fed in verschiedenen Welten. Foto: REUTERS

Das zeigt sich in der mauen Nachfrage nach Krediten: Europas Unternehmen sind da nach Angaben der Banken im ersten Quartal dieses Jahres noch zurückhaltender geworden. Die Banken hatten eigentlich erwartet, dass die Kreditnachfrage anspringt. Eingetreten ist das Gegenteil.

Die EZB kann daraus eine wichtige Schlussfolgerung und eine bittere Erkenntnis ziehen: Der geeignete Zeitpunkt für den Beginn der Zinswende ist nah. Und einmal mehr zeigt sich, dass die Notenbank in der Rolle des Ausputzers für die reformscheue Politik steckt.

2,4
Prozent
Inflationsrate in der Euro-Zone im März. (Quelle: Eurostat)

Denn auch strukturell agieren EZB und Fed in verschiedenen Welten. In Europa sind Unternehmen viel stärker auf die Banken als Finanzierer angewiesen als in den USA. Dort läuft vieles über die Kapitalmärkte. Den Preis für Kredite an Unternehmen gibt die EZB über die Leitzinsen maßgeblich vor. Sie ist die Taktgeberin.

Doch sie wird von der Politik in Brüssel und den Hauptstädten im Stich gelassen. Denn es wäre an den Regierungen, mit mutigen Reformen mehr Anreize für Investitionen im gemeinsamen Währungsraum zu setzen, gerade jetzt. Dieses Verlangen macht der EZB-Rat, das Gremium der Notenbankchefs und EZB-Direktoren, auch immer wieder deutlich.

EZB fordert engere EU-Kapitalmarktunion

Nicht von ungefähr setzen sich die Euro-Notenbanker mit Nachdruck für den Ausbau der EU-Kapitalmarktunion ein. Die Idee: Kapitalgeber sollen es leichter haben, in Europa über Grenzen hinweg zu investieren. Allerdings ist das Vorhaben so sperrig, wie der Name schon klingt.

Es geht beispielsweise darum, Insolvenzregeln zu vereinheitlichen. Wird ein Unternehmen zahlungsunfähig, haben Investoren von EU-Land zu EU-Land unterschiedliche Ansprüche. Das schreckt viele ab.

Außerdem wollen es Europas Banken leichter haben, ihre Kredite an Mittelständler in Finanzprodukte zu bündeln, um diese an den Börsen zu verkaufen. Das Zauberwort lautet Verbriefung. Doch die EU-Gesetzgeber trauen sich an eine Liberalisierung des Verbriefungsmarkts nur zögerlich heran. Denn Verbriefungen haben seit der großen Finanzkrise 2008/09 einen schlechten Ruf.

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Auch deshalb ist die Sehnsucht nach Zinssenkungen als Konjunkturimpuls in Europa ausgeprägter als in den USA. Die Europäische Zentralbank sollte sich aber weiterhin strikt von ihrem eigentlichen Auftrag der Preisstabilität leiten lassen. Der wird wohl eine Zinssenkung im Juni zulassen.

Damit sollte es die EZB bis zur Sommerpause aber bewenden lassen und nicht überziehen. Ansonsten läuft sie Gefahr, dass sie ihren Kurs korrigieren muss, falls die Inflation doch wieder anzieht. Die Folge wäre nicht nur ein Realitätsschock wie in den USA. Es würde auch ihrer mühsam wieder aufgebauten Glaubwürdigkeit einen Schlag versetzen.

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