Vermögensverwaltung: Wie die deutschen Familienunternehmen ihr Geld anlegen
Frankfurt, Düsseldorf. Deutsche Familienunternehmen stehen, was das Investment ihres Finanzvermögens angeht, vor großen Herausforderungen. Sorgen bereiten ihnen die Folgen der erratisch wirkenden politischen Maßnahmen des neuen US-Präsidenten auch für den Weltfrieden, die divergierende technologische Entwicklung in den USA und Europa und vor allem eine immer größere Belastung durch Steuern und Abgaben.
Das ergibt eine Umfrage unter Familienunternehmern, die dem Handelsblatt vorliegt. Demnach halten sich diese Großanleger aktuell mit neuen Investments eher zurück. Die Auswertung zeigt, mit welchen Anlageklassen sich diese Investoren aktuell beschäftigen und wo sie zuletzt gute Renditen erzielt haben.
Die geopolitischen Sorgen der Familienunternehmer seien in den vergangenen Wochen seit dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump deutlich gestiegen, sagt Oliver Holtz, stellvertretender Leiter von Pictet Wealth Management in Deutschland. Immer mehr Familienunternehmen meldeten sich mit drängenden Fragen zum Thema.
Konkret interessiert die Investoren, ob die große Unsicherheit über die US-Politik auf der einen Seite und die Milliarden Euro schweren Infrastruktur- und Rüstungspakete in Europas größter Volkswirtschaft Deutschland auf der anderen Seite bereits zu einer Verlagerung von Geldströmen führten. Vermögensverwalter Holtz warnt: Ein Abgesang auf die USA sei nicht angebracht – allein schon wegen der globalen Führungsrolle der Vereinigten Staaten im Technologiesektor, die sich in den seit Jahren besonders stark steigenden Kursen der Aktien der börsennotierten Tech-Konzerne zeigte.
Der Banker warnt mit Blick auf die unterschiedliche Entwicklung der führenden Aktienindizes in diesem Jahr: „Momentan werden Vorschusslorbeeren verteilt.“ So haben der US-Leitindex S&P 500 und der Technologieindex Nasdaq 100 seit Jahresbeginn mehrere Prozent an Wert eingebüßt. Dagegen sind der breite europäische Index Stoxx 600 Europe wie auch der deutsche Leitindex Dax in diesem Jahr bisher mehr als zehn Prozent nach oben geklettert.
Europa habe ohne Frage Nachholbedarf, räumt Vermögensverwalter Holtz ein. Es müsse aber abgewartet werden, ob der Kontinent auch strukturell zukünftig mit einer Stimme spreche und den großen Investitionsrahmen richtig kanalisiere. Das dürften die Aktienkurse dann ebenfalls widerspiegeln.
Ein Großteil der Familienunternehmer im Land sieht die wachsende technologische Kluft zwischen Europa und den USA sowie China als Bedrohung für ihr Familienvermögen an. Das geben 46 Prozent der befragten Familienunternehmen im Wir-Barometer des Magazins für Unternehmerfamilien des Vermögensverwalters Pictet und der Wifu-Stiftung an. Danach folgen Bedrohungen wie ein Handelskrieg, die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten, die Abschottung der Märkte, Populismus und der drohende Bedeutungsverlust Europas.
Befragt wurden für das diesjährige Barometer mehr als 150 Gesellschafter von Familienunternehmen. Die Umfrage liegt dem Handelsblatt exklusiv vor.
Als größte Bedrohung für ihre Finanzen allerdings erkennen deutsche Familienunternehmer noch immer höhere Steuern und Abgaben. Das gaben 62 Prozent der befragten Unternehmerfamilien an. Diese Sorge hat demnach zuletzt zugenommen: Im vergangenen Jahr nannten 55 Prozent der Befragten steigenden Steuern und Abgaben als ihre größte Sorge.
Wie eine Bestätigung wirkt, dass das Bundesverfassungsgericht am Mittwochmorgen Beschwerden ehemaliger FDP-Bundestagsabgeordneter zurückgewiesen und den Solidaritätszuschlag für rechtmäßig erklärt hat. Der Verband Die Familienunternehmer teilte mit, dass die Familienunternehmer im Land fast zwei Drittel des gesamten Solidaritätszuschlags erbrächten.
Befragt nach ihrem vorrangigen Anlageziel betonten die Familienunternehmen, in dieser volatilen Lage zunächst den Wert ihrer Vermögen erhalten zu wollen.
Familienunternehmen wollen fünf bis zehn Prozent Rendite erzielen
Als Renditeziel scheint sich immer mehr ein erwarteter Ertrag zwischen fünf und zehn Prozent im Jahr zu etablieren. In der aktuellen Befragung nannte eine knappe Hälfte von 48 Prozent dieses Renditeziel. Im vergangenen Jahr gaben 43 Prozent an, eine Rendite auf diesem Niveau anzustreben.
Familienunternehmen versuchen grundsätzlich, ihre Vermögen für künftige Generationen zu bewahren. Daher denken sie auch in ihrer Anlagestrategie oft sehr langfristig. Generell investieren diese Großanleger ihr Vermögen breit über alle wichtigen Anlageklassen.
Familienunternehmer zögern mit weiteren Investments
Die Umfrage zeigt, dass sich Familienunternehmer mit weiteren Anlagen aktuell eher zurückhalten. So zeigen deutlich weniger Familienunternehmer Interesse, ihre nicht börslichen Beteiligungen über Fonds, Private Equity genannt, zu investieren. Vor einem Jahr gab noch ein Drittel an, diese Anlageklasse ausbauen zu wollen, aktuell sagt dies nur noch ein Viertel der Befragten.
Holtz von Pictet erwartet allerdings infolge der Infrastruktur- und Verteidigungspakete in Deutschland wieder ein Umdenken der Investoren: Vor allem im Verteidigungssektor gebe es auch „viele private, jetzt sehr erfolgreiche Firmen“. Viele Familienunternehmen fragten in Gesprächen, wie sie vom Milliarden-Euro-schweren Finanzpaket der künftigen Bundesregierung profitieren könnten.
Auch bei Direktbeteiligungen an Firmen ist das Interesse leicht gesunken. Wollten im vergangenen Jahr noch 48 Prozent ihr Beteiligungsportfolio ausbauen, sind es in diesem Jahr nur noch 41 Prozent.
Etwas zurückhaltender als im vergangenen Jahr zeigen sich die befragten Familienunternehmen auch bei der Frage, ob sie ihre Engagements in Immobilien weiter ausbauen wollen. Der Umfrage zufolge ist eine große Mehrheit von 90 Prozent bereits in Immobilien investiert. Im vergangenen Jahr wollten noch 60 Prozent ihre Investments in diesem Segment ausbauen, aktuell sind es nur noch 52 Prozent. Mit einer neuen Bundesregierung könnte sich der Optimismus bei Immobilien auch wieder erhöhen, meint Holtz von Pictet.
In diesen Anlageklassen übertrafen die Unternehmerfamilien ihre Ziele
Spannend ist ein Blick auf die verschiedenen Anlageklassen: Welche waren erfolgreich, welche weniger?
Die Auswertung zeigt: Viele Familienunternehmen haben vor allem an der guten Kursentwicklung im vergangenen Jahr bei Aktien, festverzinslichen Wertpapieren und Gold verdient. In diesen Anlageklassen haben sie ihre Planziele im ersten Halbjahr 2024 deutlich übertreffen können. Seltener ist ihnen das dagegen bei Direktbeteiligungen und Investments in Risikokapital und Private Equity gelungen.
Interessant ist der Umgang der Familienunternehmen mit dem Thema Nachhaltigkeit: Rund die Hälfte der befragten Familienunternehmen befassen sich intensiv mit dem Thema und richten ihre Portfolios nach Richtlinien für Nachhaltigkeit, Soziales und gute Unternehmensführung oder an den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen aus.
Zugleich geben aber 40 Prozent der Befragten an, keine Nachhaltigkeitsaspekte bei ihrer Vermögensanlage zu berücksichtigen.
Das sind fast doppelt so viele wie im vergangenen Jahr und demnach die größte gemessene Abweichung der gesamten Umfrage. Nach Ansicht von Holtz von Pictet hat das mit den vorrangigen geopolitischen Themen zu tun, aber auch der Strategie der US-Regierung, Themen und Schlagworte wie Nachhaltigkeit oder Klimawandel aus der öffentlichen Diskussion zu verbannen.
Tom Rüsen, Vorstand der Wifu-Stiftung, sieht in der Zurückhaltung dieser 40 Prozent auch „Frust und Enttäuschung“ darüber, wie viel Greenwashing betrieben werde, also der Versuch von Firmen, sich etwa über Marketing nachhaltiger darzustellen, als sie sind. Außerdem seien Kapitalmärkte noch sehr weit davon entfernt, Nachhaltigkeit messen zu können.