Morning Briefing: Trump und Putin könnten die Nach-Wende-Ordnung zum Einsturz bringen
Alaska-Treffen: Die Säge an Europas Sicherheitsarchitektur
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
in wenigen Tagen wird ein Treffen stattfinden, das – ohne seinen Ausgang zu kennen – jetzt schon als historisch gilt. Da sitzen die Führer zweier Großmächte zusammen und besprechen an der Grenze verschiedener geopolitischer Einflusssphären den Ausgang eines Krieges.
Das Treffen von US-Präsident Donald Trump und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin beunruhigt Europa, denn der Kontinent fürchtet, die beiden könnten in Alaska die Säge an die gesamte europäische Nach-Wende-Architektur anlegen.
Doch zugleich könnte das Treffen auch ein möglicher Lichtblick für ein Ende des Krieges sein. Polens Premier Donald Tusk fasste die Stimmung gestern so zusammen: Das Treffen zwischen Trump und Putin erfülle ihn „mit Hoffnung und Furcht“ zugleich.
Bundeskanzler Friedrich Merz unterbrach seine sommerliche Auszeit, um bis Freitag noch einmal halb Europa zu mobilisieren. Morgen um 14 Uhr schalten sich die wichtigsten Staats- und Regierungschefs der EU mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zusammen. Danach darf Europa noch einmal bei Trump vorsprechen.
Um einen Diktatfrieden noch zu verhindern, haben die Europäer drei Bedingungen formuliert:
- Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj muss an den Gesprächen teilnehmen.
- Ein Waffenstillstand soll Voraussetzung für Friedensverhandlungen sein.
- Mögliche Grenzverschiebungen oder der Tausch von Territorien sollten höchstens als Ergebnis der Verhandlungen, nicht jedoch als Vorbedingung infrage kommen.
Wachstumschancen auch ohne Waffenstillstand
Während der Krieg in der Ukraine weitergeht, sehen einige Unternehmen dort schon Chancen auf Wachstum. Die Zahl der Ukraine-Unterstützer aus der Wirtschaft wächst wieder, nachdem sie seit der russischen Invasion stark gesunken war. Meine Kollegin Mareike Müller war in Kiew und hat Investoren getroffen, die an die Zukunft des Landes glauben.
Der ukrainische Unternehmer Denys Gurak etwa hat eine Investmentgruppe ins Leben gerufen, deren Versprechen lautet, westliche Investoren mit der boomenden ukrainischen Verteidigungsbranche zu vernetzen. Auch der ehemalige Unternehmensberater Hans Braunfisch hat in den USA eine Plattform gegründet, mithilfe derer Investoren sich an ukrainischen Jungunternehmen beteiligen können. Ihn ermutigt, dass historisch betrachtet Volkswirtschaften nach Kriegen erstaunliche Wachstumsraten für frühe Investoren erzielt hätten. Momentan warteten viele Kapitalgeber allerdings noch auf einen Waffenstillstand.
KI frisst Karrierechancen
Viele Unternehmen in Deutschland scheinen bei ihrer Personalpolitik aktuell eine spezielle Rechnung zu machen, die sich langfristig rächen könnte. Wieso einen Menschen einstellen mit Launen, Schwächen und Bedürfnissen, wenn die Arbeit auch eine Künstliche Intelligenz (KI) erledigen kann?
Vor allem Berufseinsteiger werden offenbar immer öfter als überflüssig und ersetzbar angesehen, wie eine exklusive Auswertung der Jobplattform Stepstone für das Handelsblatt zeigt.
Eine Analyse von mehreren Millionen Inseraten der vergangenen fünf Jahre ergab, dass der Anteil ausgeschriebener Einsteigerjobs seit 2023 stark gesunken ist.
Ein Teil dieses Rückgangs lässt sich durch die wirtschaftliche Lage erklären, doch auch der rasche Einsatz von KI verändert die Nachfrage. Denn automatisierte Tools übernehmen immer häufiger Aufgaben, die bislang Berufseinsteiger erledigten: Fehler im Programmcode finden, Präsentationen vorbereiten oder Markt- und Rechtsrecherche.
Besonders betroffen sind Jobs, die textbasiert, klar strukturiert und repetitiv sind – etwa in der IT, im Rechtswesen oder in der Unternehmensberatung. Doch auch wenn die Strategie zunächst kostensparend ist, birgt sie ein großes Risiko. Harald Fortmann, Vizepräsident des Bundes Deutscher Unternehmensberater, warnt vor den Auswirkungen in seiner Branche:
Die Stärke des Euro und die Gründe dahinter
Der Euro ist teuer und wird immer teurer. Momentan nähert er sich dem psychologisch bedeutenden Preis von 1,20 US-Dollar. Dass die Stärke der europäischen Währung erst mal anhalten wird, darüber besteht bei Analysten größtenteils Einigkeit. Uneinig sind sie sich allerdings bei der Frage, ob der starke Euro ein wirtschaftliches Problem darstellt. Eine starke heimische Währung macht Importe günstiger – Exporte allerdings teurer.
Schätzungen von Goldman Sachs legen nahe, dass etwa zwei Drittel der Aufwertung auf einen verbesserten Wirtschaftsausblick in Europa zurückzuführen, also endogener Natur sind. Wäre dies der Fall, wäre der Grund für die aktuelle Stärke vor allem ein gestiegenes Vertrauen der Marktteilnehmer. Das wäre dann wohl mal eine gute Nachricht.
Gnadenfrist im letzten Moment
Das war knapp: Gestern Abend deutscher Zeit wurde bekannt, dass die USA die Einführung ihrer angedrohten Zölle gegen China um weitere 90 Tage verschieben werden. Andernfalls wären ab heute Abgaben von mehr als 100 Prozent auf Waren des jeweils anderen fällig geworden. Die Weltwirtschaft bekommt also eine weitere Gnadenfrist. Alle Entwicklungen behält das Team im Handelsblatt Newsblog für Sie im Auge.
Donald Trump und das Kölsche Grundgesetz
Zum Abschluss noch ein Blick auf Donald Trumps Politik nach der Methode „Bruche mer nit, Fott domet“, wie man in Köln sagen würde. Nachdem das Statistikbüro Bureau of Labor Statistics überraschend schlechte Arbeitsmarktzahlen vorgestellt hatte, hatte er kurzerhand dessen Chefin entlassen. Jetzt wurde bekannt, dass er sie wohl durch einen Vertrauten ersetzen will – den Chefökonomen der konservativen Denkfabrik Heritage Foundation E.J. Antoni.
Trump nimmt sich offenbar ein Beispiel an Winston Churchill, der gesagt haben soll:
Hinter der Personalie steckt eine ernsthafte Entwicklung, die aus politikwissenschaftlicher Sicht mit dem Begriff „Gleichschaltung“ am besten beschrieben ist. Dazu passt auch die Nachricht des gestrigen Abends, dass Trump die Polizei in Washington D.C. vorübergehend unter Kontrolle des Bundes gebracht hat.
Im Trumpschen Amerika scheint Artikel 5 des Kölschen Grundgesetzes zu gelten: „Et bliev nix wie et wor.“
Für den heutigen Dienstag wünsche ich Ihnen in Kölner Tradition: „Maachen se et joot, ävver nit zo offt.“
Es grüßt Sie herzlich
Ihre
Teresa Stiens