Venezuela: Stimme der Freiheit – María Corina Machado erhält Friedensnobelpreis
Salvador. Die Reaktion des Regimes in Venezuela ließ nicht lange auf sich warten. Kaum war bekannt geworden, dass die Oppositionspolitikerin María Corina Machado den Friedensnobelpreis erhalten würde, reagierte Diktator Nicolás Maduro auf seine übliche Art: Auf seinem Instagram-Account postete er, dass in drei Bundesstaaten an der Karibikküste alle Truppen und Milizen in sofortige Alarmbereitschaft versetzt worden seien.
„An die Waffen, in die Schlacht, zum Sieg!“, rief Maduro pathetisch sein Volk auf – natürlich, ohne dabei die Preisträgerin Machado zu erwähnen. Aber es ist offensichtlich, dass das Regime den Nobelpreis als Angriff auf seine Souveränität sieht.
Denn das norwegische Nobelkomitee zeichnet die 58-jährige Kritikerin der sozialistischen Regierung „für ihren unermüdlichen Einsatz für die demokratischen Rechte des venezolanischen Volkes und für ihren Kampf für einen gerechten und friedlichen Übergang von Diktatur zur Demokratie“ aus.
Machado hatte den Autokraten Maduro, der seit 2013 an der Macht ist, erst im vergangenen Jahr heftig unter Druck gesetzt. Vor den Präsidentschaftswahlen lag die Wirtschaftsingenieurin in den Umfragen monatelang weit vor dem unpopulären Präsidenten.
Dieser hat das Land in den zwölf Jahren seiner Amtszeit in die schwerste Wirtschaftskrise seiner Geschichte gesteuert. Inzwischen hat nach Schätzungen bis zu einem Viertel der noch knapp 28 Millionen Venezolaner das Land verlassen.
Bei freien und fairen Wahlen wäre Machado im Juli 2024 zur neuen Präsidentin gewählt worden. Doch das Regime verbot ihre Kandidatur. Die Opposition setzte den weitgehend unbekannten Diplomaten Edmundo González als ihren Platzhalter ein. Machado tourte derweil unermüdlich im Wahlkampf durchs Land, ständig schikaniert von der Regierung.
Machado musste untertauchen
Bei den Wahlen gewann González, was die Opposition anhand der ausgedruckten Register der Wahllokale nachweisen konnte. Doch das Regime erkannte den Sieg nicht an und erklärte Maduro zum Sieger. Machado musste aus Sicherheitsgründen untertauchen. Seitdem meldet sie sich regelmäßig zu Wort, vermutlich aus einer ausländischen Botschaft.
Machado betont gegenüber Journalisten immer wieder, dass sie in Venezuela bleiben werde. „Ich sehe das als meine Pflicht“, sagt sie. Ihre politische Glaubwürdigkeit verdankt sie vor allem der Tatsache, dass sie in den 22 Jahren in der Opposition immer im Land geblieben ist – obwohl ihre Familie enteignet wurde und ihre drei Kinder längst im Ausland leben.
Am Nachmittag bedankte sie sich bei US-Präsident Trump für dessen Unterstützung. Sie widme den Nobelpreis dem venezolanischen Volk und ihm, dem US-Präsidenten. US-Präsident Donald Trump hat Machado gratuliert. Trump habe seine Glückwünsche in einem Telefongespräch übermittelt, sagte Machados Wahlkampfmanagerin Magalli Meda am Freitag der Nachrichtenagentur AP.
In Gesprächen bleibt Machado beherrscht und unerschütterlich. Ihren Frust überspielt sie mit eiserner Disziplin und wiederholt, dass Maduros Zeit abgelaufen sei. Seine Alliierten wie Russland, der Iran und Kuba seien geschwächt. Auch China halte sich zunehmend in Venezuela zurück. „Maduro verliert jeden Tag an Macht“, wiederholt Machado. Doch tatsächlich scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Denn dem Staatschef gelingt es immer wieder, aus Krisen gestärkt hervorzugehen.
Machados Kampf gegen den Autoritarismus währt jetzt beinahe schon ein Vierteljahrhundert. Denn die Oppositionspolitikerin hatte sich bereits mit Maduros Vorgänger Hugo Chávez angelegt, der 2013 an Krebs gestorben ist.
Der Oberstleutnant hatte einen Militärputsch angezettelt, bevor er 1999 bei freien Wahlen zum Präsidenten Venezuelas gewählt wurde. Im Jahr 2002 gründete Machado die Wahlbeobachtungs- und Bürgerrechtsorganisation Súmate, die das zunehmend autoritäre Bestreben von Chávez kritisch begleitete.
Dabei war eine politische Karriere ursprünglich nicht Teil von Machados Lebensplan. Sie stammt aus der konservativen katholischen Oberschicht des Landes. Sie studierte Wirtschaftsingenieurwesen an der katholischen Universität in Caracas und absolvierte anschließend ein Nachdiplomstudium in Yale. Doch als Chávez den Stahlkonzern ihrer Familie und deren Beteiligungen im Stromsektor enteignete, begann sie, sich politisch zu engagieren.
2005 traf sie sich mit US-Präsident George W. Bush im Weißen Haus, um auf die wachsenden Demokratiedefizite in Venezuela hinzuweisen. Dies wurde von der Regierung Chávez als „Verrat“ dargestellt. Wegen ihrer Herkunft aus der Oberschicht wird Machado vom Regime bis heute als „rechtsradikal und bourgeois“ beschimpft. Der „Economist“ verglich sie dagegen bewundernd mit ihrem erklärten Vorbild, der ehemaligen britischen Premierministerin Margaret Thatcher.
Präsident Chávez nannte Machado einen „Dieb“
Machado galt schon bald als furchtlos. Als Abgeordnete unterbrach sie Chávez 2011 bei einer neunstündigen Rede im Kongress. Sie beschimpfte den voll mit Orden behängten Staatschef als Dieb. Dieser entgegnete pikiert, dass Adler (wie er) keine Fliegen (wie sie) jagen würden. Machado brandmarkt immer wieder öffentlich Maduro als Verbrecher, der für seine Taten büßen müsse.
Das Regime rächte sich auf seine Art und stellte Machado politisch auf das Abstellgleis. Im Juni 2023 verbot die Staatsanwaltschaft ihr für 15 Jahre, öffentliche Ämter auszuüben. Damit verlängerte sie ein Urteil aus dem Jahr 2015, welches der Politikerin wegen angeblicher Steuerhinterziehung das passive Wahlrecht entzogen hatte.
Für Machado ist diese Diskriminierung durch das Regime nichts Neues. So wurde sie bereits beschuldigt, ein Mordkomplott gegen Maduro geplant zu haben. Außerdem hat sie die Sanktionen der USA gegen den karibischen Erdölstaat gutgeheißen, was in den Augen der Regierung Vaterlandsverrat ist.
Mit ihrer früher oft direkten und schroffen Art eckte sie auch lange Zeit innerhalb der Opposition an. Sie sei zu radikal, wolle keine Kompromisse eingehen und betrachte ihren Kampf gegen das Regime als persönlichen Feldzug gegen Maduro, hieß es.
Doch im Vorfeld der Wahlen 2024 trat erstmals eine andere Machado auf. Einerseits stieg ihre Beliebtheit, da sie trotz aller Repressalien nicht ins Exil gegangen ist – im Gegensatz zu fast allen anderen Oppositionsführern. Auch ihre persönliche Geschichte verschaffte ihr Sympathien: Dass ihre drei Kinder im Ausland leben, ist ein Thema, mit dem sie vielen ärmeren Venezolanern aus der Seele spricht.
Sieben Millionen Menschen leben im Ausland und haben meist Familien zurückgelassen. Im letzten Jahr gelang es Machado erstmals, die Opposition hinter sich zu vereinen.
Durch die Wiederwahl Donald Trumps als US-Präsident gibt es nun neue Hoffnung auf einen Regimewechsel in Venezuela. Trump hatte sich schon vor seinem Amtsantritt aktiv in die Ereignisse in Venezuela eingemischt.
„Die venezolanische Demokratie-Aktivistin María Corina Machado und der gewählte Präsident González drücken friedlich die Stimme und den Willen des venezolanischen Volkes aus“, schrieb er Anfang Januar auf seiner Plattform Truth Social. „Diese Freiheitskämpfer dürfen nicht verletzt werden und müssen sicher und am Leben bleiben.“ Mit dieser Aussage warnte Trump das Regime, dass eine Verhaftung Machados einen hohen Preis haben würde.
Im August begann Trump, Militär und Marine in der Karibik aufzufahren. Vier Boote mit mutmaßlichen Drogenschmugglern aus Venezuela wurden bereits abgeschossen. Auch Angriffe auf Ziele in Venezuela hat Trump für möglich erklärt. Machado ihrerseits warnte das Maduro-Regime mit Blick auf das US-Militäraufgebot: „Trump no está jugando“ – „Trump spielt nicht“.
Machado steht nach eigenen Angaben in permanentem Kontakt mit Richard Grenell, der bis vor Kurzem Trumps Sondergesandter für Venezuela war. Doch musste er gerade alle diplomatischen Kontakte mit Venezuela einstellen und seine Mission beenden.
Vielleicht ist der Friedensnobelpreis für die Venezolanerin auch ein gutes Omen: Er könnte die Mobilisierungskraft der Opposition stärken, ähnlich wie es die Nobelpreise in Lateinamerika 1987 für Óscar Arias in Costa Rica und 1980 für Adolfo Pérez Esquivel in Argentinien taten.