Kommentar: Der Gasmangel bleibt eine reale Gefahr

In der akuten Gasversorgungskrise des Jahres 2022 schaute Deutschland in den Abgrund. Der Volkswirtschaft drohte das Erdgas auszugehen. Die Konsequenzen wären dramatisch gewesen – für private Verbraucher, für die Industrie, für die konjunkturelle Entwicklung. Dem beherzten Einsatz von Politik und Energiewirtschaft ist es zu verdanken, dass die Katastrophe ausgeblieben ist.
Der Wert einer sicheren Gasversorgung sollte sich damit tief ins kollektive Bewusstsein eingebrannt haben. Zwar ist der aktuell historisch tiefe Gasspeicherfüllstand kein Grund zur Panik. Denn es gibt Möglichkeiten, schnell Gas zu beschaffen, die vor der Krise nicht bestanden: Deutschland verfügt jetzt über vier Terminals zum Import von verflüssigtem Erdgas (LNG). Das schafft Kapazitäten, die man kurzfristig nutzen kann, wenn die Vorräte zur Neige gehen.
Es gibt wenig Anreiz, Gas zu speichern
Die Kehrseite: Wenn sich mehr Gas kurzfristig beschaffen lässt, sinkt der Anreiz, Gas langfristig vorzuhalten. Die Speicherbetreiber spüren das: Es gibt weniger Kunden, die für die Nutzung der Speicher Geld bezahlen wollen.
Einzelne Speicherbetreiber haben deshalb bereits bei der Bundesnetzagentur die Stilllegung ihrer Anlagen beantragt. Dabei sollte man beachten: Ein einmal stillgelegter Speicher lässt sich nicht mehr aktivieren.
Deutschland verfügt über die mit Abstand größten Gasspeicher in Europa. Das ist ein Standortvorteil, um den wir beneidet werden. Wer diesen Standortvorteil erhalten will, sollte die Speicherbefüllung nicht allein dem Markt überlassen.
Der Markt allein schafft keine Versorgungssicherheit
Versorgungssicherheit lässt sich mit den Gesetzen des Marktes nicht verlässlich erreichen. Manchmal erscheint es ökonomisch nicht sinnvoll, Gasvorräte anzulegen, obwohl es strategisch geboten wäre. Wer weiß denn schon, ob sich die Versorgung mit LNG dauerhaft und unterbrechungsfrei gewährleisten lässt?
Also wird sich wohl der Staat ein Modell ausdenken müssen, um die Versorgungssicherheit sicherzustellen. Das Modell sollte schlank und pragmatisch sein, nur die Lücke füllen, die der Markt allein nicht zu schließen vermag. Und es sollte europäisch abgestimmt sein. Nein, das ist kein schleichender Einstieg in eine Verstaatlichung der Energiewirtschaft, es ist schlicht ein Gebot der Vernunft.