Aktienstrategie: Warum es riskant ist, jetzt noch in zyklische Aktien einzusteigen
Auch viele Aktien von konjunktursensiblen Unternehmen sind der wirtschaftlichen Entwicklung weit vorausgelaufen.
Foto: Getty ImagesFrankfurt. Die Aussichten für die Wirtschaft sind nicht mehr ganz so schlecht wie vor Monaten befürchtet, aber sie sind alles andere als gut. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) geht davon aus, dass das Wirtschaftswachstum weltweit in diesem Jahr um 4,5 Prozent schrumpfen wird. Im Frühjahr hatten die Ökonomen noch erwartet, dass die Folgen der Corona-Pandemie die globale Konjunktur um sechs Prozent einbrechen lassen werden.
Dennoch: „Auch wenn die Aussichten etwas besser sind: Wir zeichnen überhaupt kein gutes Bild“, sagt OECD-Chefvolkswirtin Laurence Boom. Die Unsicherheit über den weiteren Verlauf der Erholung sei sehr groß. Im kommenden Jahr werde die Weltwirtschaft zwar voraussichtlich um fünf Prozent wachsen – damit aber immer noch zwei bis drei Prozent kleiner sein als vor der Krise.
Die Börsen scheinen solche Aussagen jedoch nicht zu interessieren. Auch stark von der Konjunktur abhängige Aktien zum Beispiel aus der Industrie und dem Autosektor haben seit dem Börsentief Mitte März deutlich zugelegt. Zu Wochenbeginn bekamen zwar auch die konjunkturabhängigen Aktien angesichts der erneut steigenden Corona-Infektionen einen kräftigen Dämpfer. Aber: Im deutschen Aktienindex Dax zum Beispiel zählen seit Mitte März die Aktien von Zyklikern zu den Top-Performern.
Die Aktie von Daimler hat sich seither fast verdoppelt. Und auch die Aktien der Autobauer VW und BMW, des Baustoffkonzerns Heidelberg Cement und des Spezialchemiekonzerns Covestro gewannen mit 56 bis 76 Prozent mehr als der Dax. Im Börsencrash von Mitte Februar bis Mitte März hatten viele zyklische Aktien überdurchschnittlich verloren, und Investoren sahen offensichtlich Nachholpotenzial.
Investoren schichten um
Die September-Umfrage der Bank of America unter knapp 200 internationalen Portfoliomanagern, die zusammen mehr als 600 Milliarden Dollar verwalten, zeigt, dass der Optimismus für Zykliker zuletzt noch zugenommen hat. Die professionellen Anleger bei Fondsgesellschaften, Versicherern, Pensionskassen, Banken und Unternehmen kauften für ihre Portfolios so viele stark von der Konjunktur abhängige Industrieaktien wie seit Januar 2018 nicht mehr.
Dabei geht die Mehrheit der Investoren laut der Umfrage – ebenso wie die Ökonomen der OECD – davon aus, dass es noch länger dauern wird, bis die Wirtschaft wieder richtig in Fahrt kommt. Eine V-förmige Erholung der Konjunktur, also eine schnelle Rückkehr nach dem rasanten Einbruch auf die Niveaus vor der Krise, erwarten nur wenige Investoren. Pascal Blanqué, Chefanlagestratege beim Vermögensverwalter Amundi, fasst das Ganze so zusammen: „Die Entkopplung zwischen der Realwirtschaft und den Finanzmärkten ist hartnäckig.“
Das Auseinanderlaufen von Wirtschaft und Börse hatte sich schon zuvor ganz besonders bei Technologieaktien und dort vor allem in den USA gezeigt. Auch Tech-Aktien zählen eigentlich zu den zyklischen Werten, doch die Corona-Pandemie bescherte ihnen eine Sonderkonjunktur, die sich auch in ihren Quartalsgewinnen widerspiegelte. Schließlich sorgten die Technologiefirmen dafür, dass während des weltweiten Lockdowns im Homeoffice gearbeitet, online geshoppt und mit Familie und Freunden virtuell Kontakt gehalten werden konnte. Davon profitierten die Unternehmen auch an der Börse.
Der Rückschlag bei den Technologieakten Anfang September hat Investoren jedoch klargemacht, dass auch diese Papiere nicht ohne Risiko sind. Der Kurseinbruch traf vor allem die US-Technologiebörse Nasdaq, wo die Kurse von März bis Anfang September um 77 Prozent in die Höhe geschnellt, Anfang des Monates binnen weniger Tage um bis zu elf Prozent eingebrochen waren und sich seither nicht erholen konnten.
In den Fokus bei Investoren rückt dabei, dass die Technologieaktien auch nach dem Kursrückgang noch hoch bewertet sind. Die Aktien an der Nasdaq werden mit dem 25-Fachen der für das kommende Jahr erwarteten Gewinne bewertet. Dabei machen Apple, Microsoft, Amazon, Facebook und die Google-Mutter Alphabet die Hälfte der Marktkapitalisierung im Nasdaq 100 und ein Viertel im breiten S&P 500 aus.
Andere zyklische Branchen scheinen im Vergleich günstiger. Das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis bei Industriewerten liegt im S&P 500 ebenso wie im breiten europäischen Aktienindex Stoxx Europe 600 beim gut 20-Fachen, bei Aktien der Autohersteller und ihrer Zulieferer sogar nur bei dem rund Neunfachen der für 2021 erwarteten Gewinne.
Nicht wirklich günstig
Doch wirklich günstig sind die Aktien nicht: Denn die Gewinne sind gerade in der Automobilbranche und bei großen Industriekonzernen eingebrochen. Dass deren Aktien überdurchschnittliches Potenzial haben, glauben deshalb auch nur Konjunkturoptimisten.
Zu ihnen gehört die US-Bank Goldman Sachs. Sie geht davon aus, dass die Wirtschaft – gestützt durch die billionenschweren Hilfspakete der Politik und der Notenbanken – in diesem Jahr „nur“ um 3,3 Prozent schrumpft und im nächsten Jahr schon wieder um 6,5 Prozent zulegt.
Genau aus diesem Grund raten die Goldman-Strategen bereits seit Mitte August für die USA stärker zu Industriewerten und für Europa allgemeiner zu zyklischen Aktien. Konkrete Kaufempfehlungen geben die Goldman-Sachs-Analysten in den USA schon länger zum Beispiel für den Landmaschinenhersteller Caterpillar und die Mischkonzerne Honeywell und ITT.
In Europa finden sich Unternehmen wie der Flugzeugbauer Airbus, der Autokonzern VW oder die Chemiekonzerne Akzo Nobel und Covestro sogar auf der „Conviction-Buy“-Liste für Aktien, von denen die Goldman-Analysten besonders überzeugt sind.
Vor der Empfehlung einer breiteren Umschichtung in zyklische Werte gibt es aber auch von Goldman Sachs eine Art Disclaimer: Entscheidend sei, dass es bald mehr Klarheit über die Entwicklung von Impfstoffen gegen das Coronavirus gibt.
Das meinen auch Investoren wie Manfred Schlumberger vom deutschen Asset-Manager Star Capital: Nur wenn sich die Anzeichen verstärken, dass in Kürze ein Impfstoff zur Verfügung steht, würden Zykliker „massiv Fahrt aufnehmen“.
Andere Investoren sind nicht so optimistisch: Auch wenn ein Impfstoff gefunden werde, dürfte die Einführung „einige Zeit“ in Anspruch nehmen, sodass die Erholung zum Beispiel beim Konsum oder auch bei Reisen und Freizeitaktivitäten auf das Niveau vor der Coronakrise noch eine Weile dauern könnte, meint zum Beispiel Christopher Smart, Chef-Globalstratege beim Vermögensverwalter Barings.
Wirtschaftlicher Aufschwung verlangsamt sich
Das sieht auch Christian von Engelbrechten so, der bei Fidelity International Fonds deutsche Aktien managt. Er kann deshalb Spekulationen auf einen Impfstoff als Grundlage für eine Anlagestrategie wenig abgewinnen. „Derzeit sind alle Prognosen sehr unsicher, und bei vielen insbesondere zyklischen Unternehmen erscheinen die Kurse der wirtschaftlichen Entwicklung schon weit vorausgelaufen.“
Von Engelbrechten geht zwar auch davon aus, dass die Wirtschaft den schlimmsten konjunkturellen Einbruch hinter sich gelassen hat, aber die konjunkturelle Erholung werde nach dem anfänglichen Aufschwung wohl eher langsamer weitergehen, und Rückschläge seien durchaus wahrscheinlich: „Es kann noch Insolvenzen geben, die Arbeitslosenquote könnte erhöht bleiben, und die Konsumenten könnten sich in vielen Bereichen wohl noch länger zurückhalten.“
Der Fidelity-Fondsmanager bleibt deshalb vor allem Unternehmen zugeneigt, die zwar nicht unbedingt jedes Jahr, aber dennoch langfristig strukturell ihren Gewinn pro Aktie deutlich steigern können und teilweise selbst im Krisenjahr 2020 mehr verdienen können als im vergangenen Jahr.
Solche Unternehmen findet er seltener in sehr zyklischen Branchen, bei denen vielfach inzwischen Bewertungen und Erwartungen erhöht sind, sondern nach wie vor in den Bereichen Software, Technologie und Gesundheit. Zu den größten Positionen in seinem Fonds „Fidelity Germany“ gehören Aktien von SAP, Linde und Fresenius Medical Care ebenso wie Infineon.