Kommentar: Basar in Wolfsburg: Mit dem Traton-Posten für Bernd Osterloh hat VW eine große Chance vertan
Der scheidende VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh: Im September wird er 65 Jahre alt, trotzdem darf er noch als Vorstand bei der Lkw-Tochter Traton in München antreten.
Foto: ReutersSeit vier Jahren gibt es bei Volkswagen eine klare Regel: Grundsätzlich sollen Vorstände mit 65 Jahren aus dem Konzern ausscheiden. Nur in Ausnahmefällen ist eine Verlängerung möglich. Vor allem die Arbeitnehmerseite hatte im Aufsichtsrat darauf gedrängt, dass Vorstände ihr Mandat nicht übermäßig über diese Grenze hinausschieben.
Eine Ausnahme gilt nun ausgerechnet für denjenigen, der für die Einführung der Altersgrenze gestritten hatte: den scheidenden Betriebsratschef Bernd Osterloh. Zum 1. Mai tritt Osterloh, der im September 65 Jahre alt wird, als Personalvorstand bei der Lkw-Tochter Traton in München an. Ausgestattet mit einem Drei-Jahres-Vertrag und jährlichen Bezügen von etwa zwei Millionen Euro.
Dieses Beispiel zeigt: Volkswagen hat die Vergangenheit immer noch nicht hinter sich gelassen, Posten werden auch heute noch nach Gutdünken besetzt. Regeln mögen für andere gelten, Ausnahmen sind immer möglich. Der Basar in Wolfsburg hält seine Pforten weit geöffnet.
Die Berufung von Bernd Osterloh zum neuen Traton-Personalvorstand ist noch aus einem anderen Grund befremdlich: Die Lkw-Tochter von Volkswagen wird als schlanke und kleine Holding geführt. Das eigentliche operative Geschäft liegt bei den Lastwagen-Marken MAN und Scania, ebenso die Personalverantwortung.
Eigentlich sollte Traton schlanker werden
Deshalb ist es logisch und richtig, dass MAN und Scania je einen eigenen Personalvorstand haben. Bis Mitte vergangenen Jahres war der damalige MAN-Personalchef in Personalunion auch Traton-Personalvorstand. Damit war der Personalbereich gleichfalls im Holding-Vorstand vertreten, eine vernünftige Regelung.
Mitte vergangenen Jahres fiel bei Traton dann die Entscheidung, dass in der Holding alles noch schlanker und kleiner vonstattengehen sollte. Das Personalressort wurde komplett gestrichen und „von den anderen Vorstandsmitgliedern in ihren Funktionen mitverantwortet“, so Traton damals in einer offiziellen Mitteilung. Jetzt aber soll es mit dem bisherigen VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh sogar einen eigenen Traton-Personalvorstand geben, der nicht einmal mehr in Personalunion zugleich auch für die MAN-Beschäftigten verantwortlich ist.
Es ist eine sehr seltsame Rochade, die da gerade zwischen Wolfsburg und München abläuft. Dass für den mächtigen Ex-Betriebsratschef eigens dieser neue Posten geschaffen wird, dürfte einen sehr einfachen Grund haben: Alle in und um Wolfsburg profitieren davon, wenn Osterloh sich nach fast zwei Jahrzehnten als Betriebsratschef zurückzieht und noch einmal für drei Jahre als Vorstand agieren darf.
Das gilt an erster Stelle für Osterloh selbst. Zum Ende seines Berufslebens noch einmal Vorstand zu sein dürfte seinem Ego guttun – und für das eigene Bankkonto ist es auch nicht schädlich.
Dass die Eigentümerfamilien Porsche und Piëch bei dem Deal mitmachen, liegt auf der Hand. Für sie war Osterloh in den vergangenen Jahren immer der gefährlichste Störenfried. Der Betriebsratschef hat es immer wieder geschickt verstanden, die Interessen der Belegschaft im Konzern durchzusetzen. Manchmal zu sehr, so die Sicht der Familie, die Produktivität und Rendite lieber schneller gesteigert gesehen hätten.
VW-Chef Diess profitiert von dem befremdlichen Wechsel
Vom Wechsel profitiert auch Vorstandschef Herbert Diess, der Dauerrivale von Bernd Osterloh. Die neue Betriebsratschefin Daniela Cavallo wird Diess sicherlich nicht von Beginn an ähnlich stark Paroli bieten können wie ihr Vorgänger. Diess dürfte das zu seinem Vorteil auszunutzen versuchen – um die „Festung Wolfsburg“, wie er den Konzern bezeichnet, doch noch etwas mehr zu schleifen.
Außerdem würde Diess seinen Anfang 2023 auslaufenden Vertrag gerne um drei Jahre verlängern. Doch Anfang 2026 wäre er 67 Jahre alt, bräuchte also eine Ausnahmegenehmigung. Vielleicht reicht ein kleiner Hinweis an die Aufsichtsgremien, dass bei Osterloh schon einmal nicht so genau bei der Altersgrenze hingesehen wurde.
Alles in allem bleibt ein sehr fader Beigeschmack zurück, der die gute Nachricht überdeckt, dass mit Daniela Cavallo erstmals eine Frau an die Spitze des mächtigen VW-Betriebsrates rückt. Die Wolfsburgerin italienischer Abstimmung hat nicht einmal einen deutschen Pass, besser könnte das Signal in Richtung Diversität nicht sein.
Seine Nachfolge hatte Bernd Osterloh vernünftig geregelt. Seit gut zwei Jahren hat Cavallo als seine Stellvertreterin agiert, konnte sich auf die neue Aufgabe vorbereiten und hat sie die nötige Rückendeckung der Belegschaft.
Osterloh hätte einfach als Betriebsratschef aufhören sollen, ohne millionenschwere Verlängerung in München. Damit hätte Volkswagen beweisen können, dass der Konzern es mit der Erneuerung nach der Dieselaffäre und anderen Skandalen wirklich ernst meint. So ist diese Chance leider vertan worden.