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PandemieCoronakrise in Indien bedroht die Lieferketten

Beschränkungen für Personal und Schiffe aus Indien sorgen für Störungen im Welthandel. Deutsche Reeder fürchten massive Schwierigkeiten.Mathias Peer 10.05.2021 - 18:43 Uhr Artikel anhören

Die weltweiten Warenströme sind bedroht. Schiffsbesatzungen schleppen das Coronavirus in andere Länder ein.

Foto: dpa

Bangkok. 3000 Tonnen Reis sollte der Frachter „Eaubonne“ von der westindischen Hafenstadt Kandla in die mehr als 7000 Kilometer entfernte südafrikanische Metropole Durban bringen. Doch zusammen mit den Getreidekörnern bekam die am Indischen Ozean gelegene Großstadt auch ein Problem vorgesetzt: Zwei Drittel der Besatzungsmitglieder waren bei der Ankunft mit dem Coronavirus infiziert.

Bekannt wurde das vergangene Woche aber erst, nachdem bereits Hunderte lokale Hafenmitarbeiter auf dem Schiff im Einsatz gewesen waren. Der Vorfall verstärkte in Südafrika die Sorge über eine Ausbreitung der indischen Coronavirus-Variante innerhalb des eigenen Landes.

Mit solchen Ängsten sind die Südafrikaner nicht allein: Angesichts der dramatischen Zuspitzung der Coronavirus-Krise in Indien mit täglich Hunderttausenden bestätigten Neuinfektionen riegeln sich Häfen in Asien und dem Nahen Osten von Frachtern und Personal aus Indien ab. Mit Blick auf die enorme Bedeutung des Landes für die globale Schifffahrt drohen deshalb gravierende Probleme für den globalen Warenverkehr. Auch deutsche Reedereien warnen vor Störungen der Lieferketten.

Die Planungen der Schiffsmanager werden durch kurzfristig beschlossene Beschränkungen schon jetzt durcheinandergeworfen. In der südostchinesischen Hafenstadt Zhoushan verhängten die Werften vor wenigen Tagen ein komplettes Anlegeverbot für Schiffe, die in den vergangenen drei Monaten in Indien haltgemacht hatten. Den Frachtern bleibt damit vorerst der Zugang zu einem der wichtigsten Wartungszentren der Branche verwehrt.

Auch der Stadtstadt Singapur und Fudschaira – einer der wichtigsten Umschlagshäfen für Öl aus den Vereinigten Arabischen Emiraten – sperrten Seeleute aus, die sich kürzlich in Indien aufgehalten haben. Hongkong, Kanada und Großbritannien folgten dem Beispiel.

Schiffsmanager berichten von massiven Schwierigkeiten

Die globale Schiffsindustrie stellt das vor eine gewaltige Herausforderung: Fast ein Sechstel aller Seeleute stammt aus Indien – rund 240.000 von insgesamt 1,6 Millionen Beschäftigten. Die eilig eingeführten Zugangsbeschränkungen führen nun dazu, dass die Belegschaft auf den Schiffen vielfach nicht mehr wie geplant ausgetauscht werden kann.

Das Hamburger Unternehmen Bernhard Schulte Shipmanagement, das für die Besatzung von rund 600 Schiffen verantwortlich ist, berichtet von massiven Schwierigkeiten infolge der Reisebeschränkungen für indische Staatsbürger. Momentan gelinge es zwar noch, indische Seefahrer durch Seeleute aus anderen Ländern zu ersetzen, sagt Unternehmenschef Ian Beveridge. „Dies kann allerdings nur ein vorübergehender Zustand sein“, fügt er hinzu und beklagt: „Wir empfinden die Restriktionen als unfair und völlig unangemessen.“

Auch die Internationale Schifffahrtskammer ICS zeigt sich besorgt. Die globale Handelsschifffahrt sei nur noch Wochen von schweren Störungen entfernt, sollte sich die Situation nicht ändern, warnt ICS-Generalsekretär Guy Platten. „Einige unserer Mitglieder sind jetzt noch beunruhigter als im vergangenen Herbst.“ Rund 400.000 Seeleute saßen im vergangenen Jahr teils noch mehrere Monate nach dem ursprünglich geplanten Einsatzende aufgrund von Reisebeschränkungen auf ihren Schiffen fest. Die Lage entspannte sich zwischenzeitlich. Nun kehren die Probleme wieder mit voller Wucht zurück.

Die verschärfte Pandemiesituation in Indien betreffe auch die deutsche Handelsflotte ganz konkret, sagt Ralf Nagel, geschäftsführendes Präsidiumsmitglied beim Verband Deutscher Reeder (VDR). Probleme gebe es nicht nur beim Crew-Wechsel. Die Schiffe der deutschen Reeder könnten indische Häfen, „die auf der Hauptschifffahrtsroute zwischen Asien und Europa liegen, nicht mehr oder nur noch unter sehr erschwerten Bedingungen anlaufen“, sagt er.

Ohne eine Besserung der Lage in Indien würden der Schifffahrt Auswirkungen drohen, die weit über den Subkontinent hinausreichten, warnt Nagel. Er befürchtet, dass die Lieferketten ähnlich wie beim Zwischenfall im Suezkanal, der im März durch die Havarie des Containerschiffs „Ever Given“ tagelang blockiert war, beeinträchtigt werden könnten.

Einkäufer gehen wegen Logistikproblemen auf Distanz zu Indien

Schiffsmanager überlegen derzeit zweimal, ob es wirklich nötig ist, einen indischen Hafen anzulaufen – aus Sorge darüber, dass sich Beschränkungen für Frachter aus Indien noch weiter ausweiten und die Schiffe im schlimmsten Fall festsitzen. Die logistischen Bedenken haben auch konkrete Auswirkungen auf indische Exporte. Ein Rückschlag droht beispielsweise bei den indischen Zuckerausfuhren.

Das Land war zuletzt neben Brasilien und Thailand einer der weltweit wichtigsten Lieferanten. Nun wächst aber die Unsicherheit, ob die Lieferungen auch in den kommenden Monaten noch ihre Ziele verlässlich erreichen werden. „Marktteilnehmer sehen die logistischen Probleme als Grund für Käufer, sich bei Bestellungen aus Indien vorsichtig zu verhalten“, schreiben Analysten des Branchendienstes S&P Global Platts.

Für die Industrie spielen Zulieferer aus Indien nur eine untergeordnete Rolle. Das Land versucht zwar seit Jahren, eine größere Bedeutung in den globalen Lieferketten zu bekommen – bisher produzieren indische Fabriken allerdings vorrangig für den heimischen Markt. Die Bemühungen um einen größeren Anteil an der weltweiten Produktion sind aber nun wohl vorerst vom Tisch.

„Noch vor Kurzem sah es so aus, als könnte Indien angesichts des Handels- und Technologiestreits zwischen den USA und China von einer Neuausrichtung der Lieferketten profitieren“, kommentiert Robert Carnell, Asien-Pazifik-Chefanalyst der niederländischen Bank ING. „Das erscheint jetzt nicht mehr als wahrscheinlich – zumindest nicht, bis die aktuelle Krise vorüber ist.“

Am Montag meldete das indische Gesundheitsministerium mehr als 366.000 bestätigte Neuinfektionen – ein leichter Rückgang im Vergleich zu den Tagen zuvor, der aber wohl vor allem auf weniger Tests am Wochenende zurückzuführen ist. Ende vergangener Woche lag die Zahl der bestätigten Ansteckungen mehrfach über 400.000 – so hoch wie in keinem anderen Land der Welt. Zudem wurden täglich mehr als 4000 Tote registriert.

Regierungschef Modi unter Druck

Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer und tatsächlich deutlich höheren Fallzahlen aus. Nach Angaben der indischen Behörden könnte die indische Virusmutante B.1.617 ein Grund für den starken Anstieg der Infektionen sein.

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Die indische Opposition macht nun zunehmend Druck auf Premierminister Narendra Modi, einen landesweiten Lockdown zu verhängen. Bisher setzte seine Regierung auf regionale Maßnahmen, die das wirtschaftliche Leben in Teilen des Landes weitgehend lahmlegten. Die Hauptstadt Neu-Delhi verlängerte ihren Lockdown am Sonntag um eine weitere Woche. Auch der größte Autohersteller des Landes, Maruti Suzuki, kündigte an, seine Fabriken noch mindestens bis Mitte Mai geschlossen zu halten.

Vertreter der Schifffahrtsbranche forderten die indische Regierung auf, Seeleuten bevorzugten Zugang zu Impfstoffen zu geben. Auch die deutschen Reeder sprechen sich für eine Impfpriorisierung des Schiffspersonals aus. „Dies würde auch mithelfen, die dringend benötigten Crew-Wechsel wieder in weitaus größerer Zahl zu ermöglichen“, sagt VDR-Geschäftsführer Nagel. „Wir dürfen nicht in eine Situation kommen, in der Seefahrer nicht an Bord kommen, weil sie noch nicht geimpft wurden.“

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