Payment-Markt: Online-Zahlungssystem nach Schweizer Vorbild soll im Euro-Raum starten
Digitale Rechnungen könnten demnächst direkt im E-Banking zugestellt und dort bezahlt werden.
Foto: imago/photothekFrankfurt. Im europäischen Zahlungsverkehr ist im Moment jede Menge Bewegung. Jetzt treten mit der Beratung Bearingpoint und dem Schweizer Börsenbetreiber Six zwei neue Spieler auf den Plan, die mit einer eigenen Initiative den Payment-Markt aufmischen wollen.
Der Plan von Bearingpoint und Six basiert auf einem im Euro-Raum vergleichsweise neuen Standard, der unter dem Fachbegriff Request to Pay (RtP) bekannt ist.
Dabei erhalten die Kunden Zahlungsaufforderungen von Rechnungsstellern nicht mehr per Post oder E-Mail, sondern direkt in ihr Online- oder Mobile Banking und müssen sie dort nur noch mit einigen Klicks bestätigen. Six hat in der Schweiz bereits ein System aufgebaut, das Billing und Payment direkt verbindet und das Millionen von Kunden nutzen.
Die beiden Partner werden ihre Initiative am Mittwoch auf der Handelsblatt-Tagung Banken Tech vorstellen. „Gerade in der aktuellen Situation sehen wir ganz erhebliches Wachstumspotenzial für ein RtP-System in Europa“, meint Dieter Goerdten, Leiter Produkte und Lösungen im Bankingbereich von Six.
Die großen Banken des Kontinents ringen derzeit noch immer um den Aufbau eines europäischen Zahlungssystems, bekannt als European Payment Initiative oder kurz EPI. Mit dem Projekt soll Europa unabhängiger von ausländischen Anbietern werden. Bei Kredit- und Debitkarten sind die US-Konzerne Mastercard und Visa in Europa dominierend. Aber auch bei digitalen Zahlungen wird der Markt immer stärker von US-Anbietern wie Apple Pay oder Paypal geprägt.
Hinzu kommt, dass sich viele deutsche Banken in der Vergangenheit weitgehend aus dem Zahlungsgeschäft zurückgezogen haben und jetzt Marktanteile mühsam wieder zurückgewinnen müssen. Geplant sind Investitionen in Höhe von 1,5 Milliarden Euro.
31 europäische Großbanken, darunter die deutschen Sparkassen sowie zwei Zahlungsdienstleister, haben das EPI-Projekt gestartet. Aber auf einer Sitzung Ende November gelang es den Geldhäusern nicht, eine Einigung über die Finanzierung von EPI zu erzielen.
Vor diesem Hintergrund gehen Bearingpoint und Six jetzt mit ihrem neuen System an den Start: „Das Bankkonto droht seine zentrale Rolle bei der Zahlungsabwicklung zu verlieren, und damit gerät für die Banken einer der zentralen Anknüpfungspunkte zu ihren Kunden in Gefahr“, meint Thomas Steiner, globaler Leiter Banking und Capital Markets bei Bearingpoint.
Goerdten und Steiner hoffen, die Banken davon überzeugen zu können, dass ihr neues System dabei helfen kann, das klassische Konto im Wettbewerb mit anderen Zahlungsmöglichkeiten zu stärken. „RtP bietet den Instituten die Möglichkeit, das Zahlungsgeschäft zu sichern und wieder auszubauen“, meint Goerdten.
Händler und andere Rechnungssteller würden von deutlich niedrigeren Kosten profitieren, und die Kunden hätten den Vorteil, dass sämtliche Rechnungen an einem einzigen Platz gesammelt würden.
Six und Bearingpoint würden als Plattformanbieter über eine Transaktionsgebühr Geld mit dem neuen System verdienen.
Einführung der neuen Technik gilt als langwierig
Die RtP-Technik ist noch vergleichsweise neu im einheitlichen Euro-Zahlungsverkehrsraum, der unter dem Kürzel Sepa (Single Euro Payment Area) bekannt ist. Zum Marktstart von Sepa RtP im vergangenen Juni übte sich die Branche in Zurückhaltung: „Bei den Finanzdienstleistern sind kaum Bestrebungen erkennbar, Produkte auf Basis einer RtP-Nutzung aufzulegen“, heißt es in einer Studie des Softwareunternehmens PPI.
Das heißt nach Einschätzung der Experten aber noch nicht, dass es kein Interesse der Kunden am neuen Verfahren gebe. Laut einer Umfrage der European Banking Association (Eba) wären 80 Prozent der Unternehmen in Europa grundsätzlich bereit, auf RtP basierende Bankprodukte einzusetzen.
Ein möglicher Grund für die Zurückhaltung: Für Finanzinstitute ist die Einführung von RtP mit erheblichem Aufwand verbunden. PPI rechnet vom Projektstart bis zur Marktreife mit einem Zeitraum von 18 bis 24 Monaten für die Implementierung.
Six und Bearingpoint glauben, dass das auch schneller gehen kann: „Wenn wir es schaffen, im ersten halben Jahr genügend Interesse im deutschen Bankenmarkt zu generieren, sind wir davon überzeugt, dass die Kunden der teilnehmenden Banken den RtP-Service bereits Anfang 2023 nutzen können“, meint Steiner dazu.
Alternative zum Lastschriftverfahren
Six hat in der Schweiz bereits Erfahrung gesammelt: Mittlerweile nutzen nach Angaben des Börsenbetreibers 2,4 Millionen Kunden das System eBill, um ihre Rechnungen zu bezahlen, ein Plus von 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr. 4000 Rechnungssteller und 97 Banken sind an eBill angeschlossen. Rund 97 Prozent der privaten Bankkunden in der Schweiz könnten den Service nutzen, berichtet Goerdten.
Im Euro-Raum wollen Six und Bearingpoint analog zu eBill mit der Bezahlung von Rechnungen starten, zusätzlich jedoch auch ein Onlinebezahlsystem anbieten. „Perspektivisch bietet sich das System auch als Alternative zum Lastschriftverfahren an“, erläutert Stefan Schütt, Leiter der RtP-Initiative bei BearingPoint.
Die beiden Partner wissen, dass der Start ihres neuen Zahlungssystems nur funktionieren kann, wenn es gelingt, in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Teilnehmer zu gewinnen „Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der zügigen Etablierung eines Ökosystems mit möglichst vielen Banken, Zahlern und Rechnungsstellern“, meint Steiner.
In Deutschland sei das Ziel, innerhalb eines Jahres mindestens eine Säule der deutschen Kreditwirtschaft von dem Konzept zu überzeugen. Bearingpoint will also entweder die Genossenschaftsbanken, die Sparkassen oder möglichst viele Privatbanken an Bord holen.