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Morning BriefingNotenbanken im Stress gegen Inflation

Hans-Jürgen Jakobs 14.12.2021 - 06:00 Uhr Artikel anhören

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

dieser Weckdienst beginnt mit ein paar tektonischen Verschiebungen der Weltwirtschaft. Passiert ja auch nicht jeden Morgen. Die eine betrifft das Thema Inflation, das die Gilde der Ökonomen verlässlich in zwei Lager teilt. Das eine glaubt an ein baldiges Ende des Preisspuks, das andere sieht dunkle Mächte einer fehlgeleiteten Globalisierung am Werk, die die Teuerung auf einem hohen Level hält.

Foto: Reuters

Position bezieht Weltbankpräsident David Malpass im Interview mit meinen Kollegen: Die Notenbanken sollten entschiedener gegen Inflation vorgehen, um kleinen Firmen und Entwicklungsländern zu helfen. Seine Argumentation: „Der Anstieg der Inflation trifft die Armen am härtesten. Sie sind weniger in der Lage, sich gegen Preissteigerungen zu schützen.“

Dem Appell des alarmierten Weltbankers könnten bald Taten folgen:

  • Die USA melden fast sieben Prozent Preissteigerung. Auch die Löhne legen zu. Morgen dürfte Jerome Powell, Chef der Notenbank Fed, daher eine schnellere Straffung der Geldpolitik verkünden – die Käufe von Anleihen werden gedrosselt. Baldige Zinserhöhungen sind möglich.
  • Im Euro-Raum liegt die Inflation bei knapp fünf Prozent. Allerdings gibt es keinen größeren Lohndruck. Am Donnerstag wird Christine Lagarde, Chefin der Europäischen Zentralbank (EZB), wohl erst einmal das Ende von PEPP ab März 2022 verkünden – jenes Anleihekaufprogramms, das extra wegen Corona gestartet wurde.

Wir erleben also eine Wirtschaftspolitik der zwei Geschwindigkeiten. Weil die USA unter Donald Trump und Joe Biden die größeren Ausgabenprogramme verwirklichten und sogar Bargeld für alle spendierten, sind die Ausschläge dort viel größer – und damit auch die Korrekturen. So steigt aber die berühmte Zinsdifferenz zwischen den Vereinigten Staaten und Europa. Auf die Verkündungsrunden von Washington und Frankfurt stimmt Christian Morgenstern ein: „Worte sind wie Rettungsringe, die dem Leben dienen; auf den tiefen Grund der Dinge kommst du schwer mit ihnen.“

Die andere Geschichte mit Fernwirkung – oder sagen wir es Scholz-mäßig: mit „Wumms“ – betrifft die deutsche Autoindustrie und ihre florierenden Geschäfte mit China. Da liefert die Aktualität klare Hinweise darauf, dass wir uns in Parallelwelten befinden. In der einen reden Politiker von Hongkong, Uiguren, Taiwan, Zensur und Menschenrechten, in der anderen schaffen chinesische und deutsche Unternehmen Tatsachen.

Und die deuten nicht auf das von Amerika fast ultimativ verlangte „Decoupling“ hin, das Trennen der Geschäfte, sondern ganz im Gegenteil auf „Happy Coupling“, aufs produktive Verbinden. Ein ranghoher deutscher Manager raunte mir neulich zu, gegen die erratischen USA, wo die Rückkehr des Westentaschen-Paten Donald Trump ansteht, sei die Volksrepublik sehr berechenbar.

Natürlich sind die gewählten Beteiligungshöhen kein Zufall: Bei zehn Prozent und mehr müsste die Finanzaufsicht Bafin wie bei Banken intensiv prüfen – Daimler unterhält mit der Mercedes-Bank ein Geldinstitut, das eine Vollbanklizenz hat. Auch Daimler will im Übrigen, wie BMW, die Mehrheit an Beijing Benz Automotive (BBAC) übernehmen, der Partnerfirma von BAIC.

Fazit: BMW, Daimler und der VW-Konzern seien abhängig vom China-Geschäft, kommentiert mein Kollege Markus Fasse, „je höher die Abhängigkeit der Industrie, desto geringer der Spielraum für die deutsche Politik.“

Foto: Reuters

Eine Hardliner-Politik gegen Einwanderer kommt gut an bei Rechten, nicht aber zwangsläufig bei Richtern. Diese Erfahrung macht nun Dänemarks frühere Einwanderungsministerin Inger Støjberg: Sie ist wegen Amtsmissbrauchs zu 60 Tagen Haft verurteilt worden, verwirklicht mit elektronischer Überwachung. Ein Sondergericht entschied, Støjberg habe ihre Ministerinnen-Pflichten missachtet, als sie rechtswidrig die Trennung von minderjährigen, asylsuchenden Paaren angeordnet habe.

Im Jahr 2016 waren auf ihre Anweisung hin 23 Paare mit meist nur geringem Altersunterschied ohne Einzelfallprüfung getrennt worden, weil die Frauen je unter 18 waren. Sie wurden in verschiedenen Zentren untergebracht – weshalb Støjberg gegen die Europäische Menschenrechtskonvention verstoßen haben soll. Die Ex-Ministerin sieht eine „Niederlage für die dänischen Werte, nicht nur für mich“. Gegen das Urteil kann sie keine Berufung mehr einlegen.

Und dann ist da noch eine einfache Auslosung für das Achtelfinale der Champions League, die für Chaos sorgt und allen Ernstes wiederholt werden muss. Namen von Fußballklubs waren bei dem Prozedere wiederholt in falschen Töpfen gelandet – alles ein Software-Problem, wie der Verband Uefa kommuniziert. Tatsächlich wird mittlerweile ja generell menschliches Versagen oft mit der Technik, dieser verdammten Technik, erklärt. Der FC Bayern München jedenfalls war dankbar über die Los-Posse:

Zunächst war man dem starken Klub Atlético Madrid zugeordnet worden, dann wurden es die etwas harmloseren Red-Bull-Spieler aus Salzburg. Wir schließen bei so viel Spiel, Sport, Spannung standesgemäß mit Wilhelm Busch: „Stets findet Überraschung statt / da, wo man's nicht erwartet hat.“

Ich wünsche Ihnen einen überraschend positiven Tag.

Es grüßt Sie herzlich
Ihr
Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor

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