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InterviewRussischer Rückzug aus der Ostukraine: „Das spricht nicht für eine hohe Kriegsmoral“

Was lösen die Geländegewinne der Ukrainer bei den russischen Truppen aus? Militärpsychologe Hubert Annen sieht in deren Einheiten miserable Zustände und befürchtet, dass der Krieg noch einmal brutaler wird.Sandra Lumetsberger 17.09.2022 - 10:12 Uhr Quelle: TagesspiegelArtikel anhören

13.09.2022, Ukraine, Isjum: Ein ukrainischer Soldat hält in der Region Charkiw eine verschmutzte russische Flagge hoch. Foto: Kostiantyn Liberov/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Foto: dpa

Kiew. Die Gegenoffensive der Ukraine ist in vollem Gang – welchen Einfluss hat das auf die Moral der russischen Streitkräfte? Es gab schon immer Zweifel an der Kohäsion und generellen Moral der russischen Truppen. Sie tun sich bei der Rekrutierung schwer und versuchen unter anderem, die Leute mit finanziellen Anreizen zu gewinnen.

Dazu kommt, dass sich ihr Vormarsch von Beginn an nicht so entwickelt hat, wie sie sich das vorgestellt hatten. Bereits damals kursierten Gerüchte über Deserteure und Informationen, dass die Disziplin in den Einheiten nicht sehr groß sei. Auch weil sie nicht über den wahren Zweck und die Zielsetzung des Krieges informiert wurden. Dazu kommen nun die Erfolgsmeldungen der ukrainischen Seite. Es ist insgesamt dennoch erstaunlich zu sehen, wie sich diese Soldaten offenbar kampflos zurückgezogen haben, das spricht nicht für eine hohe Kriegsmoral.

Zur Person
Hubert Annen ist ein Schweizer Psychologe, Militärwissenschaftler und Oberst der Schweizer Armee. Er leitet seit 1999 die Dozentur für Militärpsychologie und Militärpädagogik an der Militärakademie an der ETH Zürich.

Der Rückzug lief sehr schnell und ungeordnet ab. Einige Soldaten sollen auch in Zivilkleidung geflohen sein. Was überwiegt hier: Das Wissen selbst Verbrechen begangen zu haben oder die Angst um das eigene Leben?
Die Kampfmotivation wird stark geprägt dadurch, wie groß die Furcht um das eigene Leben, vor Misshandlungen und Gefangenschaft ist. Wenn dazu eine gewisse Müdigkeit kommt, braucht es wenig, um die Entscheidung zu treffen, zu fliehen. Vor allem auch dann, wenn der Glaube oder das Vertrauen an die Mission nicht groß ist.

Im Zweiten Weltkrieg haben sie trotz aussichtsloser Lage weitergekämpft, weil sie an ihre eigene Sache geglaubt haben. Neben der Ideologie und Mission sind für die Frontsoldaten vor allem die Kameraden links und rechts entscheidend für die Kampfmotivation. Wenn die guten Kameraden auch versuchen, ihre Haut zu retten, löst das eine Dynamik aus.

Ein weiterer Faktor könnten die miserablen Zustände in der russischen Armee sein.
Es ist bekannt, dass es dort hart zuging. Junge Rekruten wurden misshandelt und einzelne begingen Suizid, weil sie nicht mehr in die Ausbildung einbezogen werden wollten. Da gibt es den Begriff der „Dedowschtschina“ (Herrschaft der Großväter, bezeichnet das Schikanieren jüngerer wehrpflichtiger Soldaten durch Dienstältere, Anm.).

Die Vereinigung der Soldatenmütter ist auch aus diesem Grund entstanden. In der russischen Armee ist viel auf Gewalt, Macht, Hierarchie und nichtselbständiges Denken ausgerichtet. Das ist in einer Kriegssituation eine schlechte Ausgangslage. Denn wenn der einzelne Soldat die Gelegenheit sieht, sich selbst zu retten, wird er das eher tun, als wenn er vorher in einem menschenorientierten Kontext ausgebildet worden ist.

In der russischen Armee ist viel auf Gewalt, Macht, Hierarchie und nichtselbständiges Denken ausgerichtet. Das ist in einer Kriegssituation eine schlechte Ausgangslage.
Hubert Annen, Militärpyschologe

Putin selbst bezeichnet den Angriffskrieg bis heute als „militärische Spezialoperation“, der Kriegsfall wurde nie ausgerufen – hätte das psychologisch etwas geändert?
Für die Propaganda macht es sicher einen Unterschied. Aus strategischer und politischer Sicht kann ich es nicht beurteilen, da wollte man sich offenbar nicht in die Nesseln setzen (Russland hat weder Kriegsrecht noch Kriegszustand ausgerufen, Anm.) und hält daran fest.

Es gibt jetzt Leute aus seinem Umfeld, die von einer Generalmobilmachung sprechen, aber kann das funktionieren? Wenn innerhalb der Truppen einmal Zweifel gesät wurden.
Als Nicht-Stratege kann ich das nicht hinreichend einschätzen, aber aus Sicht der psychologischen Kriegsführung und Propaganda kann ich mir vorstellen, dass man nun die Offensiven der ukrainischen Streitkräfte als aggressiv kommuniziert.

Die Propaganda wird versuchen die Aktion der Ukrainer schlecht darzustellen. Es geht darum, die Schwarz-Weiß-Bilder aufrechtzuerhalten im Sinne von: Seht her, wir haben immer gesagt, dass sie uns bedrohen und angreifen. Ich könnte mir vorstellen, dass sie diese Erzählung weiter ausschlachten wollen. Was die aktuellen militärischen Erfolge der Ukrainer betrifft, wäre ich aber noch etwas vorsichtig.

Warum?
Umgruppierungen hat es immer gegeben, also dass man sich zurückzieht und neu formiert. Es gibt in der Psychologie den Begriff der kritischen Reaktion. Wenn sich ein Tier in die Enge getrieben fühlt, und auch weiß, dass es absolut keine Chance hat, wird es irgendetwas tun. Ich befürchte, dass dieser Krieg noch einmal brutaler wird, auch vor dem Hintergrund der Gewaltbereitschaft und Wertehaltung innerhalb der russischen Truppen.

Ich befürchte, dass dieser Krieg noch einmal brutaler wird, auch vor dem Hintergrund der Gewaltbereitschaft und Wertehaltung innerhalb der russischen Truppen.
Hubert Annen, Militärpsychologe

Aber wie könnte man deren Moral stärken?
Man weiß, dass die untere und vielleicht mittlere Schicht der jungen Leute tatsächlich ins Militär gehen, die Obere hat sich einfach freigekauft, weil der Militärdienst kein großes Ansehen hat. Deshalb versucht man bei den anderen mit finanziellen Anreizen nachzuhelfen. Es herrscht ein gewisser Fatalismus. Sie machen es, weil sie keine andere Option haben. Ob eine allgemeine Mobilmachung erfolgreich wäre? Das würde politisch Signale setzen und ich glaube im Moment nicht, dass es in diese Richtung gehen wird.

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Welche Rolle spielt eigentlich der Kampfgeist der Ukrainer?
Es ist ein großer Vorteil, wenn man sein eigenes Land verteidigen und halten will. Man muss keine Legitimation finden und hat den Rückhalt der Bevölkerung. In der Ukraine ist diese Situation im Donbass seit fast zehn Jahren gegeben. Die Bereitschaft, Widerstand zu leisten, ist bereits kultiviert. Man kennt das auch aus anderen kriegerischen Konflikten, wie der Resistance-Bewegung oder in Afghanistan, das nicht umsonst auch als Friedhof der Großmächte bezeichnet wird.

Gab es aus Ihrer Sicht ein bestimmtes Momentum?
Ein wesentlicher Punkt war Selenskis Auftreten gleich zu Beginn. Das lief ab wie aus dem Lehrbuch für Kommunikation in Krisenfällen. Er hat sich mit den richtigen Worten Präsenz geschafft, Sätze wie „I need ammunition, not a ride“ („Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit, Anm.) gesagt. Sein Background als Schauspieler ist ihm sicher zugute gekommen. Es gibt dafür aber auch historische Beispiele: Winston Churchill hat ebenfalls im richtigen Moment die richtigen Worte gefunden.

Es mangelt der russischen Armee gleichzeitig an durschlagenden Erfolgen, die sie verkünden könnte.
Ja, es hat von Anfang an gehakt und wenn man auf der Gegenseite steht und immer einen Hoffnungsschimmer sieht, hält einen das an der Stange. Wenn Kiew eingenommen worden wäre, hätte das Momentum womöglich auch auf die andere Seite kippen können.

So berichtet das Handelsblatt über den Krieg in der Ukraine:

Die russischen Streitkräfte mussten sich nach Kiew gleich ein zweites Mal zurückziehen. Das muss doch fatal für eine Armee sein. Wie will man da ein Weitermachen kommunizieren?
Das ist die große Schwierigkeit. Der russischen Seite fehlt eine charismatische Persönlichkeit, die die richtigen Worte findet und sagt: Jetzt erst recht. Die Streitkräfte erscheinen mir wie ein schwerfälliger Ozean-Dampfer, der 20 Jahre auf Putin ausgerichtet wurde. In der Kürze lässt sich keine Kursänderung vollziehen. Er hält sich zwar zurück, ist aber natürlich Teil der Propagandamaschinerie. Allerdings ist er nicht so einer wie Selenski, der im Land die Herzen erreicht.

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Zudem hat er angeblich mehrere hochrangige Generäle entlassen. Das löst an der Front sicher etwas aus.
Wenn eine Hire-and-Fire-Kultur herrscht, sind die Leute auch nur so lange dabei, wie es ihren eigenen Zielen und Vorstellungen entspricht. Und wenn das nicht mehr der Fall ist, geht man weg. In der Privatwirtschaft spricht man von Committment und emotionaler Bindung an das Unternehmen. Das erreicht man mit guter Führung und Wertschätzung und das sind nicht unbedingt Merkmale, die wir bei der russischen Armee wahrnehmen.

Die Generäle wissen: Wenn sie etwas machen, das dem Chef nicht passt, sind sie weg. Also bleiben sie auch nur so lange, wie sie wollen. Da wurde eine gewisse Kultur produziert, die jetzt ihre Folgen zeigt. Aber nochmals: Wir dürfen nicht vergessen, dass der Konflikt andauert und Putin alle zur Verfügung stehenden Mittel und Möglichkeiten ausnützen wird, um sein Gesicht nicht zu verlieren.
Dieser Text ist zuerst im Tagesspiegel erschienen

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