Morning Briefing: Trump will es noch einmal wissen
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
er will es tatsächlich noch einmal wissen: Am Dienstagabend US-Ostküstenzeit erklärte Ex-Präsident Donald Trump, dass er bei den US-Präsidentschaftswahlen als Kandidat der Republikaner antreten will.
Ob ihn auch die Republikanische Partei noch einmal als Kandidaten will, wird die spannendste Frage der kommenden Monate sein. Mit Ron DeSantis, dem gerade wiedergewählten Gouverneur von Florida, gibt es zumindest einen Politiker, der Trump die Kandidatur streitig machen könnte. Und die Midterms, die Parlamentswahlen in den USA, sind für die von Trump geförderten radikalen Kandidatinnen und Kandidaten schlechter gelaufen als geplant.
Die absolute Mehrheit im Senat haben die Republikaner verfehlt, im Repräsentantenhaus fehlen ihnen dazu noch immer zwei Mandate – eine Mehrheit für die Republikaner ist hier allerdings wahrscheinlich, denn in 14 Wahlkreisen wird weiterhin ausgezählt.
Die „Washington Post“ berichtet bereits über die Details von Trumps Kampagnenplanung. Die Kernbotschaft: Alles soll so werden wie beim Sieg 2016, nicht wie bei der Niederlage 2020. Das bedeutet laut „Washington Post“ konkret: Die Kampagne soll schlank und effizient gehalten und aus Florida gesteuert werden, nicht aus Washington. Das Blatt zitiert Trump mit den Worten, im Wahlkampf 2020 habe er teilweise selbst nicht mehr gewusst, wer in seinem Wahlkampfteam für was zuständig gewesen sei.
Der „Nebel des Krieges“, über den schon Strategie-Großmeister Carl von Clausewitz sinnierte, schafft seine eigenen Realitäten. Das gewisse Maß an Chaos, das jede militärische Auseinandersetzung zwangsläufig begleitet, zwingt zu Entscheidungen unter Unsicherheit – mit erhöhtem Risiko, falsch zu liegen. In solchen Situationen ist es entscheidend, sich darüber im Klaren zu sein, was man alles nicht weiß.
Der konkrete Fall: Beim Einschlag einer Rakete mit noch unklarer Herkunft in Polen, wenige Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt, sollen gestern nach polnischen Medienberichten zwei Menschen ums Leben gekommen sein. Es wäre der erste derartige Vorfall in dem seit fast neun Monaten andauernden russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Polen ist Mitglied des westlichen Verteidigungsbündnisses Nato.
Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki berief eine Sitzung des nationalen Sicherheitsrates ein, wie sein Sprecher auf Twitter mitteilte. Und ebenfalls auf Twitter forderte der Ex-Botschafter der Ukraine in Deutschland, Andrij Melnyk, in Windeseile: „Die Nato muss auf diesen gezielten Angriff Russlands mit sehr schmerzhaften Konsequenzen reagieren.“
Easy, Tiger! Zu den Unsicherheiten im Nebel des Krieges gehört hier die Frage: Handelt es sich überhaupt um einen gezielten Angriff? Stand kurz vor Redaktionsschluss: Die Russen dementieren und US-Präsident Biden meint, dass die Rakete wahrscheinlich nicht aus Russland abgefeuert wurde. Stattdessen handle es sich um eine Flugabwehrrakete aus der Ukraine.
Laut der Nachrichtenagentur Reuters kommen heute die Nato-Staaten zusammen. Dies geschehe auf Bitten Polens auf Grundlage von Artikel 4 der Nato-Charta, sagten europäische Diplomaten in der Nacht. Artikel 4 sieht Beratungen vor, wenn ein Mitgliedsland sich bedroht sieht. Wichtig: Solche Beratungen sind nicht gleichbedeutend mit dem Nato-Bündnisfall.
Auf flauschigen New-Work-Kongressen lautet das Mantra seit Jahren: Kluge Konzerne halten ihr Personal auch in der Krise, denn es im nächsten Aufschwung zurückzuholen, wird in Zeiten des Fachkräftemangels immer teurer und schwieriger.
Offenbar ist diese Botschaft an der amerikanischen Westküste noch nicht angekommen. Die US-Techkonzerne zumindest reagieren auf den aktuellen Abschwung so, wie sie sich bislang noch in jeder Krise verhalten haben: Kosten runter, Leute raus.
Amazon entlässt 10.000 Mitarbeiter aus verschiedenen Bereichen wie Einzelhandel, Personalabteilung und der verlustträchtigen Sprachsteuerung Alexa, wie US-Medien berichten. Es wäre der größte Einschnitt in der Konzerngeschichte und könnte rund ein Prozent der Gesamtbelegschaft treffen. Unter den Angestellten wären es sogar drei Prozent. Unsere New Yorker Büroleiterin Katharina Kort sieht darin einen Beleg für die Visionslosigkeit von Andy Jassy, der den Chefposten im Juli 2021 von Amazon-Gründer Jeff Bezos übernommen hatte.
In den vergangenen Wochen haben zahlreiche weitere namhafte Tech-Unternehmen wie Meta, Twitter, Salesforce oder Stripe Arbeitsplätze gestrichen. Laut Branchendienst TrueUp sind es 2022 weltweit schon insgesamt 185.000 Stellen. Der Analyst Tom Forte von D.A. Davidson ist sicher: „Es werden noch mehr Entlassungen kommen.“
Er zieht bereits Parallelen zum Arbeitsmarkt nach dem Platzen der Dotcom-Blase kurz nach der Jahrtausendwende. Es gibt nämlich auch eine wenig flauschige Theorie über den US-Tech-Sektor: Dessen Erfolg rühre gerade daher, dass hochqualifizierte Kräfte während einer Krise nicht unproduktiv in Konzernen herumsitzen, sondern ruck-zuck gefeuert werden, dann notgedrungen im nächsten Start-up anfangen oder selbst eins gründen – und so die kommende Innovationswelle einleiten.
Wer weiß: Vielleicht sitzen gerade in diesen Minuten irgendwo drei der 185.000 Entlassenen beisammen und hecken die Geschäftsidee aus, die Amazon oder Meta in einigen Jahren das Leben schwer macht.
Ich wünsche Ihnen einen Tag voller metaguter Ideen.
Herzliche Grüße
Ihr
Christian Rickens
Textchef Handelsblatt
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