SVB: Pleite der Silicon Valley Bank bedroht auch Firmen in Deutschland
Die Pleite der Bank könnte noch weitere Folgen nach sich ziehen – auch bei deutschen Firmen.
Foto: ReutersDüsseldorf, Berlin. Bei Getyourguide war es Glück, dass Finanzchef Nils Chrestin am Donnerstagmittag vor dem Laptop saß: Mitten in einem Meeting kam die Meldung, dass die Silicon Valley Bank (SVB) eine Kapitalerhöhung plante. „Ich habe die Benachrichtigung bekommen, auf den Aktienpreis geschaut und sofort die Ansage gemacht, dass wir unser Geld abziehen“, sagt der Manager.
So gelang es dem Berliner Reise-Start-up noch, einen zweistelligen Millionenbetrag auf ein anderes Konto zu überweisen, bevor die Bank schließen musste.
Bei Recap war es auch knapp. Das Berliner Fintech hatte Anfang der Woche eine Geldtransaktion angestoßen, die noch am Freitag durchging. Recap stellt das Geld nun anderen Start-ups zur Verfügung, die es wiederum für ihre Finanzierung benötigen. Es dürfte eine der letzten Überweisungen der Bank gewesen sein.
Bereits kurz danach teilte die SVB mit, ein Insolvenzverfahren einzuleiten. Das Start-up habe ausreichend Geldmittel, um Kunden weiter finanzieren zu können, sagt Recap-Chef Paul Becker dem Handelsblatt.
Die SVB war das wichtigste Finanzinstitut für junge Tech-Firmen in den USA. Doch ihr Zusammenbruch am Freitag dürfte auch unmittelbare Folgen für deutsche Start-ups und ihre Gründer haben. Denn auch hierzulande war der Finanzierer aktiv und warb mit attraktiven Konditionen um Jungfirmen.
Viele deutsche Start-ups sind SVB-Kunden
Viele deutsche Start-ups und jüngere börsennotierte Firmen wie der Kochboxenversender Hellofresh und das Flugtaxiunternehmen Lilium sind dort Kunde. Sie haben Kreditlinien beim deutschen Ableger bekommen und Einlagen zum Teil in den USA und bei der britischen Tochter.
Der britische Finanzminister Jeremy Hunt versprach am Sonntag, es werde an einer längerfristigen Lösung gearbeitet. Ob dazu auch ausländische Start-ups gehören, die bei der britischen Tochter Geld deponiert haben, sagte er nicht. Die britische SVB-Tochter hatte nach der US-Muttergesellschaft am Freitag den Betrieb eingestellt.
Unklar ist, von welchen Auswirkungen genau und in welchem Ausmaß deutsche Firmen betroffen sind. Der Geschäftsführer des Deutschen Start-up-Verbands, Christoph Stresing, sagt: „Das Ausmaß ist nicht ganz klar.“ Bisher kenne er nur Einzelfälle.
Für Deutschland und Europa hat die SVB in der Vergangenheit wenige Daten veröffentlicht. Den jüngsten Angaben zufolge soll sie 3600 Kunden in Europa gezählt haben. Rund zehn Prozent davon sollen aus Deutschland kommen. Hierzulande verfügt die SVB seit 2018 über eine Teilbanklizenz zur Vergabe von Krediten. Die Bankenaufsicht Bafin soll nach Handelsblatt-Informationen in ständigem Austausch mit den SVB-Vertretern stehen. Sollte die US-Mutter ihre Banklizenz verlieren, könnte nach deutschem Recht auch die hiesige Erlaubnis schnell entzogen werden.
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Weil die meisten Start-ups einen negativen Cashflow haben und vom Geld ihrer Investoren und Krediten leben, ist die Situation besonders kritisch. „Ich weiß, dass viele deutsche Firmen dies sehr, sehr genau verfolgen“, sagt ein Berliner Gründer, der anonym bleiben will. Er verwies auch auf ein Formular des britischen Finanz- und Wirtschaftsministeriums, über das Firmen melden können, wie groß ihre Einlagen bei der britischen SVB sind, wie viel Geld sie im Monat brauchen und ob sie weitere Konten bei anderen Banken hätten. Viele deutsche Gründer hätten dieses Formular genutzt.
Momentan ist unklar, ob die Firmen ihr gesamtes Geld zurückbekommen werden und wenn ja, wann. In Großbritannien gilt eine Einlagensicherung für Guthaben bis 85.000 Pfund, das sind derzeit knapp 96.000 Euro. Das dürfte in vielen Fällen nur ein Bruchteil des deponierten Geldes sein.
Im Fall der SVB in den USA, wo Guthaben bis 250.000 Dollar geschützt sind, sollen 93 Prozent der Einlagen über dieser Grenze gelegen haben. Allerdings sollen durch Verkäufe später weitere Guthaben erstattet werden.
Deutsche Start-up-Szene wohl nicht vor struktureller Krise
In Großbritannien sollen dem Branchendienst Techcrunch zufolge etwa 30 Prozent der Start-ups betroffen sein, in Schwierigkeiten geraten könnten zehn Prozent, schreibt der Dienst mit Verweis auf Brancheninsider.
Derzeit sieht es so aus, dass die deutsche Start-up-Szene von einer strukturellen Krise weniger bedroht ist. Den hiesigen Firmen und ihren Finanzierern wird zum Vorteil, dass weniger Jungunternehmen ihr Geld bei der SVB deponiert hatten. Es sei „Glück im Unglück“, dass die Silicon Valley Bank in Deutschland nur „sehr halbherzig“ in den Markt gestartet sei, sagt Berthold Baurek-Karlic von der Wiener Investmentfirma Venionaire.
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In den Portfolios der Geldgeber sind deshalb nur vereinzelt Firmen betroffen, oder sie haben nur einen Teil ihres Geldes bei der Silicon Valley Bank. So war es beispielsweise auch bei Getyourguide: „Wir haben ein gutes Risikomanagement, sodass wir nicht so stark von einer einzelnen Bank abhängen“, sagt Nils Chrestin. Wefox, ein großes Berliner Versicherungs-Start-up, arbeitet nach eigenen Aussagen ausschließlich mit Großbanken.
Für einzelne Firmen soll die Lage aber durchaus kritisch sein. Betroffene hielten sich über das Ausmaß bedeckt. Ein Berliner Fintech-Gründer gab an, Kunde bei der SVB zu sein. Das Geld des Start-ups würde aktuell aber noch für Monate reichen.
Glück hatte wohl die Ferienwohnungs-Plattform Holidu, die nach der jüngsten Finanzierungsrunde nicht mehr auf Kreditlinien bei der SVB angewiesen ist. Das Berliner Fintech Liqid war zwischenzeitlich auch Kunde bei der SVB. „Inzwischen aber nicht mehr. Wir wollten uns diversifizieren und haben uns auch gefragt, wie die SVB ihre Positivzinsen finanzieren konnte, als andere Banken nur Negativzinsen anboten“, sagt Firmenchef Christian Schneider-Sickert. Kundengelder hätten sie nie bei der SVB gehabt.
Risikofinanzierer haben Interesse am Erhalt der Bank
Beliebt war die Bank unter Gründern einerseits, weil sie auch an junge, defizitäre Firmen Geld verlieh, die bei anderen Banken kaum Chancen auf Kredite gehabt hätten. Andererseits aber auch, weil sie viele Events veranstaltete, bei denen Gründer und Investoren netzwerken konnten.
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Zudem soll die Bank sich regelmäßig an Fonds beteiligt haben, wenn ein Gründer seine Firma verkauft oder aus dem Erlös neue Investments getätigt hat. Entsprechend hatten viele Unternehmer auch privat ihr Geld bei der SVB. Einige sollen jetzt Sorgen um Vermögen in bedeutendem Umfang haben.
Aber auch für Firmen und Gründer, die bisher nicht unmittelbar betroffen sind, gibt es noch keine Entwarnung: „Die Frage ist natürlich auch, wie sich die Pleite langfristig auswirkt“, sagt Stresing vom Start-up-Verband. Denn nach dem Hoch in der Coronakrise war die Stimmung in der Start-up-Branche auch vor der SVB-Krise bereits sehr verhalten gewesen.
Nachdem Wagniskapitalgeber in den USA den Zusammenbruch der Bank mit Warnungen an ihre Portfoliofirmen befeuert hatten, erklärten andere Risikofinanzierer am Wochenende ausdrücklich ihr Interesse am Erhalt der Bank.
So teilten unter anderem die in Berlin ansässigen Wagniskapitalfirmen HV Capital, Cherry Ventures und Headline zusammen mit großen europäischen Wettbewerbern wie Accel und Atomico mit: Die SVB in Großbritannien sei ein „vertrauenswürdiger und geschätzter Partner“ und spiele „eine zentrale Rolle bei der Unterstützung und Finanzierung britischer Start-ups“. Sollte der britische Ableger aufgekauft und kapitalisiert werden, würden sie ihre Portfoliounternehmen ermutigen, die Geschäfte mit dem Institut fortzusetzen.