Initiative Vision Lab: Von KI bis Kleiderreparatur: Diese Start-ups zeigen das Tech-Potenzial von Migranten
Die deutsche Wirtschaft soll von grenzüberscheitenden Impulsen profitieren.
Foto: imago images/Westend61Berlin. Die Bedeutung von Menschen mit Migrationsgeschichte für den Standort Deutschland heben Politiker und Wirtschaftsvertreter immer wieder hervor. Dennoch haben es Menschen aus dem Ausland in Deutschland nicht leicht, wenn es um Unternehmensgründungen geht. Bürokratie und fehlendes Netzwerk sind die Hauptgründe, zeigt der Migrant Founders Monitor 2022.
Das Vision Lab, eine Initiative von Handelsblatt, dem Wagniskapitalgeber Earlybird und der Unternehmensberatung Bain, soll das ändern: Im Rahmen der Initiative werden unternehmerische Ideen von Migranten durch Mentoring, Workshops und Finanzmittel gefördert. Am vergangenen Donnerstag haben die Gründer ihre Ideen den Mentoren und Investoren vorgestellt.
„Deutschland braucht Impulse von Menschen aus dem Ausland“, sagte der frühere Lanxess-Digitalchef Jörg Hellwig. „Wir helfen ihnen nicht nur dabei, ein Unternehmen aufzubauen, sondern sie machen uns auf unsere eigenen Probleme aufmerksam, etwa Bürokratie und die Langsamkeit der Verwaltung.“
Hendrik Brandis, Co-Gründer und Partner von Earlybird, ergänzte: „Die Motivation, die Initiative ins Leben zu rufen, war zunächst Wohltätigkeit.“ Aber schnell habe sich gezeigt, dass die Gründer skalierbare Geschäftsmodelle entwickelten, die den Standort Deutschland vorantreiben.
Diese Firmen weckten bei den Investoren und Start-up-Experten besonderes Interesse:
eKidz: Spielerisch Sprachen lernen
Im laufenden Schuljahr beträgt der Anteil ausländischer Schüler an deutschen Grundschulen 15,5 Prozent, an Abendhauptschulen sind es sogar fast 60 Prozent, zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamts. Jede Menge junger Menschen also, die Deutsch als Fremdsprache erlernen. Für diese hat Nataliya Tetruyeva mit eKidz eine Sprachlern-App auf Grundlage Künstlicher Intelligenz (KI) entwickelt.
Ihre Vision: Kindern im Unterricht und nach der Schule durch spielerische Übungen die deutsche Sprache und das Lesen beizubringen. Erst kürzlich hob Microsoft-Gründer Bill Gates den Einfluss von KI im Bildungswesen hervor. In den kommenden fünf bis zehn Jahren werde KI-gesteuerte Software „das Versprechen einlösen, die Art und Weise, wie Menschen lehren und lernen, zu revolutionieren“, sagte er.
Mit ihrer KI-gestützten App sollen Kinder spielerisch Deutsch lernen.
Foto: eKidzAls Tetruyeva vor zehn Jahren mit ihren Kindern aus der Ukraine nach Deutschland kam, sei es schwer gewesen, systematisch Deutsch zu lernen, berichtete die Gründerin. Daher wolle sie Kindern nun helfen, sich trotz der Sprachbarriere am Schulunterricht zu beteiligen. Die KI passt den Inhalt der Übungen dem Lernfortschritt an.
Damit ihr Projekt Erfolg hat, brauche es Technologiekompetenz der Lehrer und ausreichend elektronische Geräte im Klassenzimmer, sagte Tetruyeva – Themen, bei denen Deutschland momentan noch Defizite hat. Gerade weil deutsche Schulen teilweise noch sehr analog arbeiten, habe ihr Programm hierzulande aber besonderes Potenzial, erklärte die Gründerin. „Wenn ich es in Deutschland schaffe, schaffe ich es überall.“
Diskussionen mit den Bildungsministerien der Länder seien erfolgreich verlaufen. Die Verantwortlichen hätten den Bedarf erkannt, Kinder über den traditionellen Schulunterricht hinaus individuell zu fördern.
Ihre Firma verdient Geld über Jahreslizenzen, die sie an Schulen und Schulträger verkauft. Immer häufiger werde auch ein zentrales Budget für digitale Inhalte vom Bildungsministerium zur Verfügung gestellt, berichtete Tetruyeva.
Alexander Weihe, Innovationschef des Immobilienkonzerns Vonovia und Mentor des Vision Lab, hob die Bedeutung von Unternehmen wie eKidz bei der Digitalisierung hervor. Dabei brauche man auch Firmen, die sich nicht nur auf die digitale Infrastruktur fokussieren, sondern Inhalte und Software anbieten.
Repair Rebels: Digitalplattform für Modereparatur
Monika Hauck möchte mit ihrem Start-up Repair Rebels ein Bewusstsein für Kleiderkonsum und eine Alternative zur Wegwerfkultur schaffen. Das Unternehmen ist ein digitaler Reparaturservice, der Menschen, die ein Kleidungsstück reparieren lassen möchten, mit entsprechenden Dienstleistern vernetzt. Über eine Plattform wird alles verwaltet, von der Zahlung bis zur Abholung der Kleidungsstücke.
„Recycling ist ein virulentes Thema weltweit“, sagte Frank Dopheide, Geschäftsführer der Unternehmensberatung Human Unlimited. Repair Rebels treffe den Zeitgeist. Kleider zu reparieren sei „kein Arme-Leute-Thema mehr“, denn Nachhaltigkeit werde zur Imagefrage – aufseiten der Konsumenten wie der Produzenten. Die Erzählung habe sich gewandelt: „Wer recycelt, tut der Umwelt etwas Gutes“, sagte Dopheide.
Kleider zu reparieren sei „kein Arme-Leute-Thema mehr“, denn Nachhaltigkeit werde zur Imagefrage, sagt Managementberater Frank Dopheide über das Unternehmen.
Foto: Repair RebelsDass Repair Rebels auch das Luxussegment in den Blick nimmt, ist kein Zufall. Reparatur von Kleidung ist im Luxussegment nicht nur eine Frage der Nachhaltigkeit. Der Wert von Kleidungsstücken und Handtaschen hochpreisiger Marken wie Chanel steigt mitunter im Zeitverlauf. Die Möglichkeit zur Reparatur sichert die Werthaltigkeit. Hinzu kommt: In einigen Bereichen im Luxusmarkt sind reparierte und damit individualisierte Kleidungsstücke sogar mehr wert als neue.
Gegründet hat Hauck ihr Unternehmen aus eigenen Ersparnissen und mithilfe einer Förderung der Visa Foundation. Seit der Präsentation am Donnerstag ist die aus Litauen stammende Gründerin mit Investoren im Gespräch.
Blipstream: Mehr Durchblick im Supermarkt
Das Berliner Start-up Blipstream analysiert Kundenströme im Supermarkt. Die Software hilft Ladeninhabern, Warteschlangen an der Kasse zu verringern, und zeigt anonymisiert an, welche Bereiche im Supermarkt häufig besucht oder gemieden werden. Durch die Analyse des Kassenbereichs soll sie außerdem Diebstähle verhindern.
Daten über das Einkaufsverhalten würden bereits erhoben, sagt Blipstream-Chef Jake Manning, der aus Australien stammt. „Aber bislang werden 99 Prozent der Daten aus dem Einzelhandel nicht verwendet.“
Besonders in Zeiten strenger Kontakt- und Abstandsregeln während der Coronapandemie war die Software gefragt: Mit einem digitalen Zähler und Infrarottechnologie ließ sich die Anzahl der Marktbesucher kontrollieren. Die Kunden wurden per Ampel am Eingang darüber informiert, ob sie eintreten dürfen oder die maximale Zahl an Einkäufern erreicht war.
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Lars Dingemann, Schirmherr des Vision Labs und Partner bei Bain, ist von der Vision des australisch-lettischen Gründerteams überzeugt: „Auf bestehender Videoüberwachungsinfrastruktur aufsetzend sollen Einzelhändlern und Konsumgütermarken messbare, datenschutzkonforme Einblicke in das bislang weitgehend unsichtbare Kundenverhalten in der Offlinewelt gewährt werden“, sagt er.
Mehr Frauen als Männer
Fast alle Gründer halten die deutsche Bürokratie für den Hauptgrund, weshalb Migranten bei Unternehmensgründungen unterrepräsentiert sind.
Die Initiative zeigt ein weiteres Phänomen: In Deutschland lag der Anteil von Frauen an Unternehmensgründungen im vergangenen Jahr bei nur 20 Prozent. Beim Vision Lab machen die Gründerinnen und weiblichen CEOs dagegen mehr als 50 Prozent aus. „Davon kann Deutschland lernen“, sagte Earlybird-Partner Brandis.