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Morning Briefing Plus – Die WocheTrübe Aussichten: Der Wochenrückblick der Vize-Chefredakteurin

Die inverse Zinskurve signalisiert eine anstehende Rezession in den USA. Der IWF warnt sogar schon vor „herausfordernden Jahren“ für die gesamte Welt.Kirsten Ludowig 15.04.2023 - 08:00 Uhr Artikel anhören

Guten Morgen allerseits,

ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mein Puls schlägt nicht automatisch höher, wenn es bei uns in der Konferenz heißt: „Wir machen heute was zur inversen Zinskurve.“ Ich fühle mich dann eher zurück im Hörsaal und konfrontiert mit den unendlichen Tiefen der Finanzwissenschaft, die ich nicht immer bis zum Grund zu erforschen vermochte.

Dabei ist die inverse Zinskurve einen Blick wert, signalisiert sie doch eine anstehende Rezession – und zwar in den USA, der größten Volkswirtschaft der Welt. Und sie gilt als einer der zuverlässigsten Indikatoren der Nachkriegszeit für einen konjunkturellen Einbruch, schreibt mein Kollege Leonidas Exuzidis und verweist auf folgende Grafik.

Von einer inversen Zinskurve spricht man, wenn die Renditen für kürzere Laufzeiten am Anleihemarkt höher sind als die für lange. Das ist eher die Ausnahme, aber bei US-Bonds nun schon länger der Fall. Angesichts der jüngsten Vertrauenskrise im Bankensektor hält auch die US-Notenbank Federal Reserve mittlerweile eine „milde Rezession“ in den USA für wahrscheinlich, wie die Protokolle der Fed-Sitzung von Ende März zeigen.

Trotz der Turbulenzen präsentieren sich die US-Banken überraschend stark. Das zeigen die Quartalszahlen von Amerikas größter Bank, JP Morgan Chase, Citigroup und Wells Fargo. Die Wall-Street-Institute eröffneten am Freitag die Berichtssaison der US-Banken.

Der Internationale Währungsfonds warnt dagegen gleich vor „herausfordernden Jahren“ für die gesamte Welt: „Die globale Wirtschaft befindet sich in einer äußerst unsicheren Situation“, heißt es im „World Economic Outlook“, den der IWF am Dienstag veröffentlichte. Vor allem die Prognose für Deutschland fällt düster aus. Das Bruttoinlandsprodukt soll in diesem Jahr laut IWF um 0,1 Prozent sinken.

Die trüben Aussichten riefen direkt den Finanzminister auf den Plan. Der IWF sei sehr vorsichtig, sagte Christian Lindner in Washington am Rande der IWF-Tagung. Das decke sich nicht mit den Prognosen der Bundesregierung, die optimistischer seien. Zumindest im ersten Quartal dürfte das BIP leicht gestiegen sein, teile das Wirtschaftsministerium am Freitag mit und sprach von einem „konjunkturell günstigen Start zu Jahresbeginn„. Allerdings auch von den vielen Risiken für die Konjunktur in den kommenden Monaten.

Handelsblatt-Chefökonom Bert Rürup ist weniger optimistisch, er konstatiert: Entgegen den Verlautbarungen der Bundesregierung ist die deutsche Volkswirtschaft nicht gut durch die Doppelkrise aus Pandemie und Ukrainekrieg gekommen – und Besserung ist nicht in Sicht.

Hoffen wir dennoch das Beste, für Deutschland, die USA und die Welt!

Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:

1. Chinas Diplomaten haben Außenministerin Annalena Baerbock einen ungewöhnlich freundlichen Empfang bereitet. Doch bei der Pressekonferenz mit ihrem chinesischen Amtskollegen Qin Gang, zeigte Baerbock, dass sie sich von der Charmeoffensive nicht beeindrucken lässt - zumindest vorerst nicht. Sie sprach vor allem die kritischen Punkte mit Blick auf China an und lieferte sich einen Schlagabtausch mit Qin. Der wiederum wetterte, dass das, was China am wenigsten brauche, „ein Lehrmeister aus dem Westen“ sei.

Foto: via REUTERS

2. Bleiben wir in China: Mit einem breiten Angebot an Plug-in-Hybriden wollten VW, Mercedes-Benz und BMW eine „Brücke“ vom Verbrennungsmotor zum Elektroantrieb schlagen. Doch das Geschäft in Deutschland stockt, seit die Förderung für die teilelektrischen Autos Anfang des Jahres gestrichen wurde. In China dagegen läuft der Plug-in-Boom gerade an – allerdings ohne die deutschen Autohersteller. Warum das so ist, erklärt unser Auto-Team.

Kommende Woche startet übrigens die Shanghai Auto Show, die wichtigste Automesse in Asien. Die deutschen Autobauer werden alle da sein, Tesla nicht, berichtet Bloomberg. Nichtsdestotrotz ist Tesla in China, und nicht nur dort, in aller Munde. Der Elektroautobauer hat die Preise weltweit gesenkt – und Analysten rechnen mit neuen Rabatten in diesem Jahr.

3. Auch in dieser Woche hat uns EY einmal mehr beschäftigt. Nach den historischen Strafen, die die Abschlussprüferaufsichtsstelle, kurz Apas, im Zusammenhang mit dem Wirecard-Skandal gegen EY verhängt hat, stoppt der Wirtschaftsprüfer nun die geplante Aufspaltung. Eigentlich sollten die 13.000 Partner im April über die Abtrennung des lukrativen Beratungsgeschäfts abstimmen. Doch daraus wird nichts. Der mehr als 100 Millionen Dollar teure Plan ist vorerst gescheitert – zur Enttäuschung der deutschen Gesellschaft.

4. Seit den Snowden-Enthüllungen gab es keine US-Geheimdienstaffäre mehr in diesem Ausmaß – und täglich werden neue Details bekannt. Schon seit Wochen kursieren im Internet geheime Dokumente von US-Stellen (angeblich vom Nachrichtendienst CIA und vom Pentagon) zum Ukrainekrieg: Informationen zu Waffenlieferungen, Einschätzungen zum Kriegsgeschehen, aber auch Details zu angeblichen Spähaktionen der USA gegen Partner. Ein 21-jähriger Nationalgardist soll auf der Videospiel-Plattform Discord die geheimen Dokumente verbreitet haben. Das FBI nahm ihn nun fest.

Der Schaden der Pentagon-Affäre ist mit der Verhaftung allerdings längst nicht behoben, kommentiert unsere Washington-Korrespondentin Annett Meiritz.

Foto: via REUTERS

5. Den Markt für Wohnungen und Häuser in Deutschland prägen zwei gegenläufige Trends: Die Kaufpreise sind Ende 2022 erstmals seit Jahren gefallen. Die Mieten jedoch sind weiter gestiegen. Wir zeigen Ihnen, welche Städte besonders betroffen sind, und was auf Sie zukommt, wenn Sie eine neue Bleibe suchen oder ihre Immobilie verkaufen möchten.

Grund für die gefallenen Immobilienpreise sind die stark gestiegenen Kreditzinsen, denn die verteuern die Finanzierung für Käufer. Und sie alarmieren die Politik. Eigentümer, deren Kredite in nächster Zeit auslaufen, müssen sich bei der Anschlussfinanzierung auf deutlich höhere Belastungen einstellen. Nun bringen erste Stimmen staatliche Hilfen für Immobilienkäufer ins Spiel, die wegen der steigenden Zinsen in finanzielle Nöte geraten.

6. „Da ist einfach nichts mehr.“ Als ich diese Worte in unserem Interview mit Hans-Joachim Ziems, Sanierer und Interimschef des angeschlagenen Autozulieferers Leoni las, musste ich unweigerlich an Maike Schlecker denken. Sie erinnern sich? Der berühmt-berüchtigte „Es ist nichts mehr da“-Satz auf der Pressekonferenz nach der Insolvenz der Drogeriemarktkette? Leoni ist – im Gegensatz zu Schlecker – gerettet worden, aber die Rettung endet für die meisten Aktionäre mit einem Totalverlust, den Ziems nun verteidigt. Ohne eine Vereinbarung mit den Gläubigern und dem Investor habe die Insolvenz gedroht, stellt er klar.

7. Leert sich nun endlich der Topf mit den 100 Milliarden Euro Sondervermögen? Das Bestellen von neuer Ausrüstung ging bei der Bundeswehr jahrelang nur schleppend voran, aber jetzt erhöht die Bundesregierung das Tempo.

„Insgesamt könnten dem Parlament bis Ende des Jahres 70 bis 80 Beschaffungsaufträge vorgelegt werden, die jeweils ein Volumen von mehr als 25 Millionen Euro haben“, sagt der Chef des teilstaatlichen Rüstungsunternehmens Hensoldt, Thomas Müller, im Interview. „Das wäre absoluter Rekord.“ Die Zahl deckt sich mit den Informationen, die auch den Haushältern des Bundestags vorliegen.

8. Am Samstag, dem 15. April 2023, ist es so weit: Deutschland beendet das Kernkraft-Zeitalter, zumindest dahingehend, dass die letzten drei verbliebenen Atomkraftwerke abgeschaltet werden. Dabei ist eine Mehrheit der Deutschen gegen den Atomausstieg.

Was hat dazu geführt, dass nach viel Streit und Diskussionen nun mit „Isar 2“, „Emsland“ und „Neckarwestheim 2“ die letzten deutschen AKWs vom Netz gehen? Weshalb ist der Traum „der grenzenlos und billig verfügbaren Atomenergie“, so beschreibt es der Technikhistoriker Frank Uekötter, „wie ein Soufflé in sich zusammengefallen“? Diese und weitere Fragen beantwortet unsere Autorin Anna Gauto in ihrem Report.

Und unser Energieteam beschäftigt sich mit der Frage aller Fragen: Hat die Kernenergie eine Zukunft? Schließlich läuft die nukleare Forschung trotz Deutschlands Atomausstieg weiter.

9. In diesem Monat wird Indien seinen Rivalen China überholen und das bevölkerungsreichste Land der Welt sein. Es ist also an der Zeit, dem Land, das als Hoffnungsträger für die Weltwirtschaft gilt, einen Wochenendtitel zu widmen. Zwar enttäuschte Indien in der Vergangenheit immer wieder, wie unser Korrespondent Mathias Peer schreibt, will aber trotzdem bis 2030 zur drittgrößten Wirtschaftsnation aufsteigen. Der Plan könnte aufgehen – und damit nicht nur Indien verändern, sondern die ganze Welt.

Foto: Handelsblatt

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.

Herzliche Grüße
Ihre

Kirsten Ludowig

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Stellvertretende Chefredakteurin Handelsblatt

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